13.12.2006
Nach Ausrufung des Kriegsrechts in Polen unterstützte Bauerbacher Bürgerinitiative die BevölkerungBauerbach. Am 13. Dezember 1981 rief die polnische Regierung das Kriegsrecht aus. Für den Bauerbacher Ortsvorsteher Walter Matt war dies Anlass zu einer Hilfsaktion für die Not leidende Bevölkerung.von Werner Girgert
Im Sommer 1980 blickte die Welt auf die Danziger Lenin-Werft, das Zentrum des Generalstreiks, der das ganze Land erfasst hatte. Arbeiter, Bauern und Intellektuelle kämpften gemeinsam für Freiheit, soziale Gerechtigkeit und Menschenwürde. Am 31. August 1980 unterzeichnete die Staatsmacht das „Danziger Abkommen", in dem sie die Forderungen der Streikenden anerkannte und auf das Machtmonopol der Partei verzichtete. Das war die Geburtsstunde der Gewerkschaft „Solidarnosc", der innerhalb weniger Monate drei Viertel aller Werktätigen beitraten.
Die offene Machtprobe, zu der die polnische Opposition die regierenden Kommunisten herausforderte und die Drohgebärden Moskaus und der Warschauer-Pakt-Staaten veranlassten das Regime in Warschau am 13. Dezember 1981 zur Verhängung des Kriegsrechts.
Während die Bundesregierung unter Kanzler Helmut Schmidt (SPD) angesichts des Versuchs, den Freiheitswillen des polnischen Volkes zu unterdrücken, Zurückhaltung übte, um die Entspannung im Ost-West-Verhältnis nicht zu gefährden, lösten die Repressalien der polnischen Machthaber in breiten Kreisen der deutschen Gesellschaft eine Welle der Solidarität mit dem polnischen Volk aus.
In Bauerbach rief der Kriminalpolizist Walter Matt die Bürgerinitiative „Freundschaft mit Polen" ins Leben. Sie sammelte Lebensmittel, Kleidung sowie Medikamente und medizinische Hilfsmittel für Krankenhäuser, die sie nicht selten unter abenteuerlichen Bedingungen nach Polen transportierte, um die Not der polnischen Bevölkerung zu lindern. Denn die Löhne sanken nach Verhängung der Kriegsrechts weiter und die staatliche Produktion stand am Rande des Zusammenbruchs.
Mit Lastwagen, voll beladen mit Hilfsgütern, machten sich Matt und seine Mitstreiter auf den Weg durch die DDR bis nach Polen. Misstrauisch beäugt nicht nur von den Sicherheitsorganen der DDR, sondern auch vom Zoll und den Grenztruppen an der polnischen Grenze, die hinter den Aktionen der Westler eine heimliche Unterstützung der verbotenen Gewerkschaft „So-lidarnosc" vermuteten. Stundenlanges Warten mitunter bei winterlichen Minusgraden und akribische Kontrollen, bei denen keine Kiste ungeöffnet blieb, stellten die Geduld der Helfer aus Bauerbach regelmäßig auf die Probe, erinnert sich Matt noch heute.
Mehr als 40 Hilfstransporte stellte die Bauerbacher Bürgerinitiative bis 1996 auf die Beine, als erkennbar wurde, dass sich die wirtschaftliche Situation in Polen langsam verbesserte und das Land sich um den Beitritt in dieEuropäische Union bemühte. „Überdies gab es nun neue Brennpunkte etwa auf dem Balkan, die dringend Hilfe benötigten", so Matt.
Geblieben sind neben zahlreichen Freundschaften auch vielfältige kulturelle Kontakte in Polen, die bis heute Bestand haben. So war Ende Mai dieses Jahres die Jugendtanzgruppe „Krajki" aus Lodz zu Gast in Bauerbach. Geblieben sind auch 14 dicke Ordner, in denen Walter Matt die Aktivitäten der Bürgerinitiative „Freundschaft mit Polen" genau dokumentiert hat, darunter hunderte von Briefen aus Polen, deren Ver-r sich für die ihnen zuteil gewordene Hufe bedanken.
Und geblieben ist auch eine dicke Akte, in der die Staatssicherheit der DDR über Jahre hinweg Matts Engagement für die polnische Bevölkerung dokumentierte. Erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs fand sein Einsatz auch offizielle Anerkennung. 1990 verlieh die Stadt Lodz Matt die Ehrenbürgerschaft.





