Zwei Dörfer und drei Dörfchen - Ortsnamen
(1) Keine Urkunde wird es uns je künden, und wir werden es nie erfahren, wer es war, der die Namen unserer Orte schuf. Bei den Flurnamen wird es der Bauer gewesen sein, der jedes Feldstück benannte. Beim Ortsnamen mag es einer der Siedler und seine Mithelfer oder eher noch sein Nachbar im nächsten Ort gewesen sein. Die Siedlung ist immer älter als der Ortsname und dieser älter als die erste Urkunde. Es sind vierzehn Orte und zehn Wüstungen im Kreisgebiet die, wie Bauerbach und Arzbach, zu den . . . bach-Orten zählen. Ihre Gründung wird in verschiedene Zeiten fallen. Von den ältesten Gründungen kann man annehmen, daß sie vielleicht ursprünglich statt . . . bach auf ... afia, . . . phe, . . . !f endigten, so daß dann der erste Name Bauerbachs Buratfa, Burphe, Burff gelautet hätte. Asphe, Rosphe, Laasphe gehören hierher. Michelbach und Seelbach sind . . . bach-Orte, die schon vor dem Jahre 900 bezeugt sind. Die Ablösung der alten Endungen aha, affa, phe, durch -bach war schon zur Karolingerzeit vollzogen, als die Mehrzahl der auf -bach und -dort endenden Orte gegründet wurden. Bei Warzenbach jedoch hat sich die alte Endung bis 1280 erhalten. Warzaha. Oberrosbach, Dillkreis hieß gar noch 1364 Rospe.
Im Laufe von den acht Jahrhunderten, in denen unser Ortsname bekannt ist, finden wir ihn in sechs Schreibarten, während Ginselclorf in wenigstens zwölf Abarten erscheint. Wir lesen zuerst Burebach, dann Burbach, Buerbach, Baurbach, einmal auch Baurnbach 1657 und endlich Bauerbach.
Bauer, in seinen alten und ältesten Formen buari, buwaere, bur, ist des Bauern Haus, sein Bau, sein Dorf. „Wohnplatz am Bache", wäre die Deutung unseres Namens. Da diese Wohnplätze nicht gerade selten waren, ist auch der Name Bauerbach in verschiedenen Formen recht häufig. Da haben wir ein Bauerbach als Weiler bei Haunshofen Bayern, eins bei Bretten, Baden, eins bei Meiningcn. In der alten Form Burbach:(2) Eins bei Karlsruhe, je eins bei Birkenfeld/Nahe, bei Kyllburg/Eifel, bei Hachenburg und im Kreis Siegen. Als Ortsteil, aus altem Flurnamen, in der Gemeinde Hürth b. Köln, in der Gemeinde Schönau, Kreis Eisenach, bei Solingen-Landwehr und beim Kaliwerk Wittmar b. Wolfenbüttel, Dann finden wir Ortsnamen auf Bauer-, auslautend auf . . . berg, . . . brink, . . . hausen, und viele Namen, beginnend mit Bauern . . . Ebenso häufig ist der Name als Flurteil, namentlich in Westfalen mit der niederdeutschen Endung beck oder becke, beke statt . . . bach. Die Burbecke ist ein Bach und sein Tälchen bei Niedersfeld und mehreren ändern Orten im Sauerland. Borbach liegt bei Witten, Borbeke bei Werdohl, Burbeck bei Lü-dinghausen; Borbeck bei Essen hieß 801 Burgbeki, von bürg abgeleitet. Burbecke bei Schildesche 92£Burigbiki, Borbecke bei Wildeshausen 1280 Borbeke; Buren und Euer gehören auch hierher. Bauerbach als Bachname gibt es bei Frankenberg und bei Schlüchtern, und Burbach, Bach b. Ewersbach, Dillkreis. Burgkbach ist ein Flurname bei Hachborn und nichts läßt uns in der Urkunde von 1349 vermuten, daß es ein Ort, ein festes Haus oder sonstwie ein Rittersitz war.
Nicht so einfach macht es uns der Name Ginseldorf mit seiner Deutung. Schon die Vielfalt der vorkommenden Namensformen ist verwirrend. 1253 beginnt der Reigen mit Günzellendorf, dann 1273 Gunzilindorf und Gunzelindorf, (3) 1280 Gunciln-dorph, 1334 Gunzilindorph, 1345 Guntzelndorf, 1352 Guntzelindorf, 1360 Gunzildorf, 1409 Künzelndorf, 1571 Gontzeldorf und Gontzelndorf, 1609 Gintzelndorf und endlich, als Überleitung zu unserer heutigen Namensform, 1676 und 1700 Gönseldorf und Günseldorf. Die Deutung betreffend, müssen wir uns darauf beschränken, den Vornamen Günther, Günther, zugrunde zu legen. Der Name Gunzilo ist eine Verkleinerung von Günther, wie z. B, Hänschen von Johannes. (König Günther ist die bekannte Gestalt des Nibelungenliedes aus der Völkerwanderungszeit,) Die Ableitung des Ortsnamens von einem Personennamen deckt sich mit der Erkenntnis der Forscher, daß . . . dorf-Orte Siedlungen sind, die von karolingischen Dienstmannen als erste Siedler angelegt wurden. Von Günther abgeleitete Schreibnamen sind Günzel, Günsel, Ginzel, Gunzel und Küntzel Das stimmt mit den erstgenannten alten Namensformen von Ginseldorf überein. Im Kreisgebiet finden wir 13 ... dorf-Orte und neun V/üstungen mit dieser Endung. Mehrere dieser Ortsnamen können wir ebenfalls, wie Ginseldorf, von alten Vornamen ableiten, wenn wir ihre erste, wenigstens ihre ältestbekannte Form kennen: Bernsdorf = Bernoldisdf. von Ber-nold, — Betziesdorf :;- Bez/ekeiidf. von Bcr/oko, — Ebsdorf Ebilizdf. von Ebilo, — Emsdorf von Emmo, Immo, — Halsdorf ---• Hadeboklisdf. von Hadebold. Mardorf, Roßdorf, Ebsdorf sind schon vor 800 beurkundet, oin Beweis für das hohe Alter vieler . . dorf-Orte.
Trotzdem der Name Ginseldorf nicht gerade häufig ist, finden wir Doppelgänger desselben. Zwischen Ulrichstein und Romrod (Vogelsberg) ist die Wüstung Günzeldorf, auch Gonzelndorf, Guntzelndorf, Guntzilsdorf, Eine andere Wüstung bei Kir-torf heißt Gunzelrod, Gonzelrod, Gonzelnrod. In der Nähe liegt auch ein Kemnaden-berg. Wer denkt da nicht an den Flurnamen Kemenate bei Ginseldorf? 1283 schenkt Ritter Fink Altenburg dem D. Orden seine Güter und Gefalle zu Günzelsdorf und Kemnadenberg (bei Kirtorf). 1134 wird ein Gunseldorf in Kärnten genannt. Ein Guntzelsdorf gibt es noch in der Oberpfalz und ein Ginselried, auch in Bayern.(4) Im Ortsbuch finden wir 14 Ortsnamen, beginnend mit Gunt(h)er- oder Gonter(s)- so Guntershausen und Gontershausen. Über die Schreibnamen Bauerbach und Ginseldorf und ihre Verbreitung bei Bürger und Adel hören wir an anderer Stelle.
Wollten wir versuchen, den Namen Arzbach zu deuten, würden wir bei einer Fehldeutung landen, denn so hat weder der Dorl'aclel noch die Siedlung je geheißen. Der Ritter Sifridus hieß (lateinisiert) de Atisbach, später, wie das Dorf, Asbach, Aspach; dann finden wir Acz-, Atz-, Az- und einmal Hasphac. Selbst im Vertrag von 1770 heißt es noch abwechselnd Az-, Atz- und auch Arzbach, das erstmalig 1736 auftaucht. Bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt ist dann der alte Name Aspach auf dem Meßtischblatt: „Arxbach". Von der Straßenbrücke am Abzweig nach Großseelheim heißt das Bächlein übrigens Wirft. Die Silbe „As" ist entstanden aus ask, Esche. Eine alte Form dieses Ortsnamens ist Asbiki. Im Niederdeutschen gibt es Es-beck, Asbeck, Esbike, im Mitteldeutschen Aschbach, Eschbach und Eschwege, Förste-mann nennt 22 Orte mit As ... Es kann aber auch von Asp aus aspa, Espe (Pappel) hergeleitet werden. Beide Bäume, Esche und Pappel, lieben feuchte Talgründe, wie es die Arzbach ist und somit wären wir bei einer sinnvollen Deutung angelangt, Eschenbach oder Espenbach. Eine alte Form von Eschenbach, Eschenwasser, ist Aschach in Franken, dessen noch ältere Form Askaha lautet.
Mehr als 30mal begegnet uns ein Asbach: bei Hersfeld, Darmstadt, auf dem Westerwald, dem Eichsfeld, bei Schmalkalden usw. Alle ändern sind in Süddeutschland. Ein Arzbach haben wir bei Rothenburg o. T., bei Bad Ems und zwei in Bayern, ferner ein Atzbach bei Gießen und in Bayern. Kein Ort dieses Namens ist in Norddeutschland. Mundartlich heißt es Oatsbach. Die Ginscldorfer Flur hat einen Ortsacker (Oatsacker), 1697 berichtet Winckelmann, der Nürnberger Hof bei Marburg liege an der Arzbachecke. Endlich trägt auch noch jener bekannte Weinbrand aus Rüdesheim als Asbach bekannt, den Namen unseres Ortes. Ein „r" findet sich nirgends in den alten Asbach-Namen. Asbach a. d. Werra hieß 1329 Aspeche, und 1585 noch Asbach. Asbach b. Niederaula hießt 1146 Asbach und 1222 Aspach. Asbach bei Schmalkalden hieß 1168 Asbach. Das „r" muß sich bei unserm Namen erst sehr spät, nach 1730, eingeschmuggelt haben. Zudem ist die mundartliche Form auch nicht immer die richtige: K. Preis nennt 1640 Seelheim: Sehlim.
Ergänzung
- Für die angegebene "Frühzeit" in etwa folgende Perioden:
die Merowingerzeit um 500 und 600 n.Chr.,
die fränkische Zeit ab 700 n.Chr.,
die Karolinger zeit um 800 n.Chr. und
die Zeit der Ottoncn um 900 und 1000 n.Chr.
- - Eine Wüstung Baurbach liegt bei Hönebach im Burbachsgrund;
Burbach ist ein Hof bei Dodenau und 1790 wird eine Flur bei Wald-kappel Burbach genannt.
- - Die alte Form "Gunzellendorf' läßt an Gunnos (oder Gunnars) Zelle denken, was auf eine POostergründung schließen läßt.
- - Ginselrot ist ein Flurname bei Ellingshausen. Esbike liegt bei Brilon und die Aazbach ist eine Wiese bei Oberquembach.
-
Nonnenhausen
Wie Ginseldorf, so leiten wir auch diesen Namen von einem alten Vornamen ab, von Nunno oder Nonno, der eine Kurzform von Nandhart, Nandulph oder Nan-dolf ist. Der Name gibt uns den ersten Siedler oder den Dorfältesten an. Zwar haben wir auch ganz alte . . . hausen-Orte, denn Holzhausen wird schon 750 und Erfurtshausen 843 genannt, doch möchten wir Nonnenhausen, wie auch die ändern kleinen . . . hausen-Orlc in ungünstigem Wald- und Rodegelände, (1) einer späteren Zeit zuweisen. Auf den ärmeren Waldböden fanden sie im lichten Laubwalde Weideplätze für ihr Vieh und Eicheln- und Bucheckermnast für die Schweine. Der Rod.o-zehnte, der auf der Arzbacher Flur fast ganz fehlte, findet sich auf der Nonnenhäusrr Flur bis um 1840. Die Flurnamcnkarte (Abb. 19) zeigt uns diese Rodeflachen.
Wir haben im Kreisgebiet 37 . . . hauson-Orte, aber 39 Wüstungen auf . . . hausen. Im Kreise Brilon haben wir unter 130 Wüstungen 70 auf . . . hausen auslautend.
Und Wüstungen sind meistens späte, keine frühen Gründungen. Es gibt viele Ortsnamen, die auf Nonnen . . . beginnen und mit . . aue, . . bach, . . berg, , , buhl . . dorf, . . halde, . . heide, . . hof, . . holz, . . hörn, . . mühle, . . roth, . . thal, . . wcild, . . weiter, . . werth usw. r>nden. Auf . . .hausen endet nur die andere Wüstung Nonnenhausen bei Caldern. Wenn wir auch bei dem Namen an das Nonnenkloster Ilbenstadt denken, gemäß einer Überlieferung im Volke, zumal Ilbenstadt hier frühen Besitz hatte, so muß diese Deutung doch, mangels jeden Beweises, zwei-lelhaft bleiben.
Ergänzung
-
Nonnen- oder Nunnenhausen ließe auch an Nuen- oder Neuenhausen denken. Eine Parallele zu Nonnen... als Vorname ist Todenhausen, das nicht von Tod, sondern von dem Vornamen Dodo herrührt
Bringer der Frohbotschaft
Christianisierung
Benedikt von Nursia hatte um das Jahr 530 das im zweiten Weltkrieg durch seine Zerstörung jedem bekannt gewordene Kloster Monte Cassino, das Mutterkloster des weltweiten Benediktinerordcns gegründet. Wenige Jahre zuvor hatte ein anderer Abt, Dionysius Exiguus, die christliche Zeitrechnung festgesetzt. Ende des Jahrhundert, 596, sandte Papst Gregor der Große, Begründer des Gregorianischen Chorais, den Abt des Andreasklosters zu Rom, Augustinus, mit noch 40 Mönchen nach England. Nach der Taufe des Königs Ethelbert fand der Christenglaube erstaunlich schnell Eingang in dem Inselreich, so schnell, daß das Land schon bald darauf selbst Glaubensboten zum Festland, nach Deutschland hinüber schicken konnten. Benedikt, Augustin und Winfried-Bonifatius sind die Gestalter des christlichen Abendlandes und seiner Kultur geworden.
Wie heute, so hatten wir auch damals, zu St. Bonifatii Zeiten, ein im Glauben zweigeteiltes Deutschland, sofern man überhaupt schon von einem Deutschland sprechen kann, da ja eine politische Einheit noch längst nicht bestand. In den römischen Legionen am Rhein hatte es schon früh christliche Soldaten gegeben; aus der Zeit, als um 320 Kaiser Konstantin in Trier eine christliche Kirche erbaute, gab es in Wiesbaden schon christliche Grabstätten, in Köln und Mainz schon Bischöfe.(1) St. Cres-cens soll schon um das Jahr 100, 70 Jahre nach dem Herrn Himmelfahrt, Bischof von Mainz gewesen sein. Um und nach 340 finden wir die Bischöfe Marinus, Suffronius, Podardus und Ruthard. Vor Bonifatius sind im ganzen 16 Mainzer Bischöfe bekannt, tatsächlich waren es mehr. Nach dem Jahre 600 wirkten in unserm Oberlahngau schottische und irische Mönche. Kapellen und Kirchlein aus ihrer Zeit haben in Breitenborn bei Holzhausen, in Udenhausen bei Roßberg, auf dem Büraberg bei Fritzlar und auf der Amöneburg gestanden. Erst 1957 fand man auf Amöneburg drei fränkische Krieger aus vorbonifatiaischer Zeit, die wohl christlich waren, da ihre Leichen nicht, wie des Franken bei Rüdigheim, verbrannt waren. Leichenverbrennung war immer ein heidnischer, die Erdbestattung dagegen seit je christlicher Brauch.
Die ersten Glaubensboten werden lahnaufwärts zu uns gekommen sein. Sie haben schon vor dem Jahre 700 die Bergkirchen Dietkirchen (Lubentius), auf der Amöneburg, auf dem Christenberg und andere gegründet. Als Bonifatius, sein angelsächsischer Name war Wynfreth, im Jahre 721 den „Berg" erstieg, fand er schon ein Christentum vor, ungeregelt, wild-heidnisch durchsetzt, wenige und ungebildete Geistliche, ohne kirchliche Einteilung mit völlig fehlender geistiger Kultur. Bonifatius gründete an Stelle altheidnischer Kultstätten oder iro-schottischer Kirchlein Tauf- und Mutterkirchen. Solche Mutterkirchen waren außer Amöneburg und Kosterburg Ofleiden, Michelbach, Weimar (bedeutet Weihwasser!).(2) Die neuen Großpfarreien schloß er zu Dekanaten und Bistümern zusammen und gründete 744 in Fulda einen geistigen, religiösen Mittelpunkt. Sein Klösterchen auf dem Borge hat über 400 Jahre bestanden und ein einheimisches Priestei turn herangebildet. Die deutsche Einheit, die sich später unter Kaiser Heinrich bildete, hat er wirksam vorbereitet.(3) Die Kirchen dieser christlichen Frühzeit sind dem hl. Petrus und dem Erzengel Michael geweiht. Ihre Erbauer waren meistens Edelleute, später die christlichen Gemeinden. Nach 1100 setzte der Ausbau der Pfarreien ein. Um diese Zeit dürfen wir den Bau des romanischen Kirchleins ansetzen, das die kleine Fachwerkkapelle des Dorfadels ersetzte. Taufkirchen standen oft über Quellen, die aus alter Zeit als heilig galten. Der Schröcker Brunnen war vermutlich ein solches Quellheilig-tum. Man taufte damals noch durch wirkliches Tauchen in einem tiefen Taufbecken, wie es die griechische Kirche heute noch tut, auch bei Kindern. Taufsteine kamen erst später auf, als es keine Erwachsenentaufen mehr gab, nach dem Jahre 800. Ob der „Taufstein" bei Burgein in der Ohm. ein urn.li.cr I :;T:l:,tr;in ist, dor? lüg lieh bezweifelt werden. Eher scheint es eine alte Fischereigrenze zu sein. Während Bonifatius im Stammland der Chatton, in Niederliessen, noch volles Heidentum antraf, konnte er hier in Oberhessen bedingterweise („conditionaliter") taufen. Ganze Dorfschaften wanderten zum Wäschborn an der Lindau-Seite der Amöneburg, wo er nicht nur nach der Überlieferung, sondern tatsächlich getauft haben wird, wofür gute Gründe sprechen. Dort werden auch unsere Vorfahren aus Bauerbach und Arzbach, aus Ginseldorf und Nonnenhausen, falls letzteres schon bestand, zur Taufe gewallt sein und noch sicherlich 200 Jahre lang bis nach dem Jahre 900, dürfen wir annehmen, daß unsere Christen dort oben ihre heiligen Pflichten erfüllten. Daß aber auch hier schon früh ein bescheidenes Fachwerkkirchlein erstand, dafür zeugt St. Cyria-cus, der Patron unserer Kirche, dessen Verehrung um diese Zeit aufkam.
Das Erzbistum Mainz war in Archidiakonate eingeteilt, mit dem Archidiakon als Stellvertreter des Bischofs. Der Archidiakonat war untergeteilt in Sendebezirke, deren jeder von einem Archipresbyter (Erzpriester) oder Dekan verwaltet wurde. Die Geistlichen des Bezirks waren, wenn nicht ein Kloster vorhanden war, in ein Stift zusammengefaßt. Auf der Amöneburg, dem Sitz („Sedes") unseres Dekanats, war bis 1151 ein Benediktinerklösterchen, dem 1360 das Stift folgte. Aus der Zwischenzeit fehlen uns Nachrichten.
Ihre Einkünfte für den Lebensunterhalt bezogen die Geistlichen von Grundstücken oder Höfen, die Gläubige der Kirche gestiftet oder vererbt hatten. Die Sachleistungen waren Getreide, Holz, öl, Wein, Wachs, Fleisch, Käse usw. Dazu kamen die Gaben für Taufen, Trauungen, Beerdigungen, Meßstipendien. Alles in allem waren die Einkünfte der Dorfpfarrer recht gering. Von den Pfarrstellen wurden die wenigsten vom Erzbischof besetzt. Meistens hatten die Klöster, Stifter, das Domkapitel, der Adel, der Landesherr, das Recht der Stellenbesetzung, den Patronat. Vermutlich war es von Anfang an das von Bonifatius auf dem Berge gegründete königliche Michaelskloster, das uns von dort aus einen Benediktiner zusandte, der, im Kloster wohnend, hier die Pfarrechte ausübte. Seit 1133 wird es das Mainzer Domkapitel gewesen sein, das in Bb. das Ilbenstädter Gut erwarb und um 1350 finden wir den Landgrafen als Patronatsherrn. In Ginseldorf wird es ab etwa 1250 der Deutsche Orden gewesen sein, der die dortige Pfarrei versah. Als 1608 Bauerbach wieder katholisch wurde, ging der Patronat, auch der von Ginseldorf, auf das Stift Amöneburg über, das der EB. Gerhard, Graf v. Nassau, schon 1360 gegründet hatte. Nachdem das Stift 1803 aufgehoben wurde, kamen wir 1821 an Fulda, dessen Bischoi seitdem die Pfarrstelle besetzt.
Ergänzung
-
Bischof Creszens um das Jahr 100 soll ein Schüler des hl. Paulus gewesen sein.
- -
Vor dem Jahre 778 erbauten Iro-Schotten eine Kirche in Lieh.
- -
Die iro-schottischen Mönche waren keineswegs Arianer, wie Losch, Großseelheim, in "Heimat" falsch berichtet. Die Lehre des Arius war im Morgenland, in den östlichen Mittelmeerländern entstanden und kam mit den arianischen Goten nach Westeuropa, wo sie mit diesen Völkerstämmen auch wieder erlosch. Der Arianismus, um 318 eigentlich als Widerspruch gegen die oströmische Kirche (Konstantinopel) begonnen, war um 430, als Irland christlich wurde, schon im Abstieg und als der Ire Kolumban um 490 das Festland betrat, war jene Lehre fast tot. Nach Irland, England und Schottland ist sie nie gekommen ! Kloster und Kirchen sind, wie wir hörten, von den Iro-Schotten gegründet worden. Die Arianer bauten keine. Die Iro-Schotten hatten nachweislich Verbindung mit Rom; daher konnte Bonifatius uns nicht "romhörig" machen (Lesch), übrigens ein polemischer, abfälliger Ausdruck aus alten Kampfzeiten, der heute, im Zeichen der Ökumene völlig fehl am Platze ist. Die Grundlage des Arianismus war auch nicht die Bibel; von wem sonst als von der römischen Papstkirche konnte Ulfilas diese bezogen haben? Die Arianer leugneten die Gottheit Christi, waren also in streng theologischem Sinne überhaupt keine Christen. Daher konnte König Chlodwig auch kein Christenverfolger sein (Lesch). Als er gegen die arianischen Goten kämpfte, war er noch ungetauft und später bekämpfte er die christlichen Franken ebenfalls. Er war ein reiner Machtpolitiker, kein Glaubenseiferer. Ebenso unsinnig ist es, daß Alban, der Seelheimer Kirchenpatron, Arianer gewesen sei (Lesch, S. 83). Der ältere Alban starb im Jahre 303 in England, als es noch keinen Arianismus gab. Der andere Alban wurde in Mainz bei der Erstürmung der Stadt im Jahre 406 von den arianischen Vandalen erschlagen. Ihm zu Ehren erbaute man eine Kapelle und später eine Kirche. Daß aber ein katholischer Bischof einem Arianer eine Kirche gebaut hätte, ist ein Unding und mutet an wie ein dummer Witz.
-
Frühe der Geschichte
So dürfte man die Zeit der Jahrhunderte vor der ersten Beurkundung Bauer-bächs (1133) nennen. Nicht ganx leicht ist es, sich in diese fernen Zeiten hinoin/.n-denken und ganz falsch wäre es, das Damals mit dem Maßstab des Floate messen zu wollen. Jede Zeit hat ihre eigenen Formen und ihr eigenes Gepräge. Dio Frühgeschichte lehrte uns, daß wir im ältesten Siedlungsgebiet der Ohmgegcnd Reichsgut, fuldischen Klosterbesitz und Mainzer Herrschaft antreffen. Hessen und sein Landgraf drängen sich erst viel später hinein. Die vorgeschichtlichen Streusiedlungen, die, schon Jahrtausende, freilich nicht immer am selben Fleck, bestanden, ziehen sich im merovingisch-karolingischer Zeit, d. h. zwischen 500 und 800, zusammen. Diese Verdichtungen vollzogen sich zuerst in der Nähe der alten Höhenstraßen, wie etwa in Oberw,eimar, der Mutterpfarre Marburgs. Bauerbach wird in ähnlicher Gegebenheit vom Lahnberg-HÖhenweg her gegründet sein. Das muß in der genannten Zeit geschehen sein. Denn die älteste urkundliche Nennung eines Ortes besagt ja nichts über dessen Gründung.
Grund für den Zusammenzug mag der schwere Holzpflug der Karolingerzeit gewesen sein. Derselbe wurde von mehreren Paar Zugochsen gezogen und nötigte zur Anlage von Langstreifenfluren, die sich 1000—1500 Meter an einer Berglehne hinzogen. Ein solcher Langstreifen enthielt meistens so viele Streifen, wie die Pfluggemeinschaft Bauern hatte, in der Regel 3—6, Die modernen, teuren Großmaschinen unserer Bauern würden sich in der Arbeitsgemeinschaft auch rentabler gestalten, als wenn sie den Großteil des Jahres müßig stehen. Wenn es nicht so schwer wäre, sich zu diesem Gemeinschaftsdenken wieder zusammenzufinden! Die schwierige, umständliche Pflugwende forderte die Streifenflur heraus. Die Enden derselben waren S-förmig umgebogen, um die Wende zu erleichtern. Die Hänge des Lahnbergs und seiner Ausläufer, „auf der Heide", „das Rod", „der Hunsrück" und andere Hügelrücken waren ideal für die Anlage dieser Fluren. Nach dem Jahre 1400 hören die Pfluggemeinschaften auf und damit verschwinden die Langstreifen. Man legt jetzt Gewannfluren an (Flurname „das Wann" ist recht häufig). Das sind Blockfluren, deren Bild heute jede Flurkarte gut erkennen läßt. (Luftbilder 15 u. 18). Diese Flurkarte bringt eine Unterteilung und Parzellierung, die dann die Flurnamen entstehen läßt. Vorher finden wir solche nur vereinzelt und für große Flurteile, wie uns das Amtsbuch des Amöneburger Kellers Ludwig, v. Lützelburg um 1330 zeigt. Die alte Einzelsiedlung, wie sie zuerst bestand, hat sich gebietsweise erstaunlich lange gehalten, wie im Münsterlande. Und wenn heute ganze Höfe aus der Enge des Haufendorfes an dessen Rand oder in die freie Feldflur ziehen, um möglichst innerhalb ihres Besitzes frei zu „herrschen", dann haben wir eine rückläufige, moderne Bewegung vor uns; man kehrt zur Streusiedlung der Frühzeit zurück.
Rodungen
Das Stück- und Lagerbuch von 1835/37 zählt viele Flurstücke auf als mit dem „Rodezehnten" oder „Rottzehnten" behaftet. Sie liegen fast alle in der Nähe der heutigen Waldungen am Lahnberg oder am Seelheimer Wald. Sie tragen auch zumeist einen einheitlichen Flurnamen. Es sind frühe mittelalterliche Rodungen, die man in die Zeit zwischen 1000 und 1300 datieren kann. Sie geben uns ein aufschlußreiches Bild, wie die Flur vor den großen Rodungen aussah. Alle diese Rodeflächen waren ehedem Wald, zumindest lichte Haine, als Waldweide benutzt.
|
|
Die Arzbacher Flur hatte nur eine kleine, l ha große Rodung, das Fronhöfer, die Bauerbacher Flur 7 ha in 36 Parzellen, die Stockgrundlöser, die Marktwegslöser und am Wann. Dazu zwei Rodungen unserer Zeit (1930/35), 7,5 ha, das Wann und Steinrückwäldchen. Die Nonnhäuser Flur hatte fast 15 ha Rodungen in 75 Parzellen, die Hangelhecke, die Pfuhllöser, am Hinlermannsberg, auf der Röthe, auf der Warth, dui der Heide und vor 182Ü noch das Hinfcrbachswäldchen, 3 ha groß.
![]() |
Die Ginseldorfcr Rodungen kennzeichnen sich schon durch ihre Namen, denn die zahlreichen Huden, Hecken, Löser sind ehemalige Waldflächen und -weiden. (Siehe Flurnamenliste, Kap. 22). Der Rode/.chnte lag auf dem Bergacker, den Krautlösern, der Grundwiese, den Rottstückern, der Hofestatt, der Hangelhecke, dem Heckstück, der Lochheck (Loch wohl gleich Loh), den Huden, den Dingelbergslösern, den Schönbacher Heckslösern, der Rothen Wiese (Rodewiese) und vor allem dem Gebrannten (d. h. Brandrodung). Alles zusammen 220 Parzellen mit 32 ha. Dazu die 34 ha der gesamten Arzbach-Bauerbach-Nonnhäuser Flur, Summa 66 ha Rodungen, die sich geschichtlich belegen lassen.
Rodezehnte und Medem
Schon im Jahre 750 hob die Reichsabtei Fulda einen Rodezehnten in Holzhausen und 1248 wird er in der Mainzer Hebeliste als „de novalibus", d. h. von den Neurodungen, bezeichnet und ist nach Amöneburg zu entrichten. Ein sehr alter Rodezehnte ist der Medem. Er war ursprünglich ein Königszins, ist schon um das Jahr 900 nachweisbar und unterlag dem Forst- und Wildrecht. Er war eine hohe, oft sehr hohe Abgabe, bis zur Hälfte des Ertrags, und da er von Feldern in Waldnähe erhoben wurde, ist seine Eigenschaft als Rodezehnte erwiesen. Da der Wald Königsgut war, mußte er dem König oder dem Landesherrn entrichtet werden. Meistens hatte ihn denn auch der Landgraf, seltener ein Kloster oder die Kirche. Den Marburger Medem hatte der Landgraf schon 1265, den Bauerbacher und Nonnhauser 1357. Vielleicht lag hierin der Grund für den landgräflichen Patronat für die hiesige Pfarrkirche, der sich später, 1526 so folgenschwer auswirkte.
Das Salbuch von 1374 gibt den Bauerbacher Medem als „zwischen dem See-heimer Holz und dem Lahnberg gelegen" an. Er ist also nur so zu denken, daß die Flur „Auf der Heide" früher bewaldet war, was der dürftige Sandboden dieses Höhenrückens vermuten läßt. Zudem ist dieser Rücken die natürliche Grenze zwischen Bauerbach und Nonnenhausen und wahrscheinlich auch die Südgrenze des Gerichts Schönstadt. Wir wissen auch die „zwei Joch Acker an der Marke", die die Amöneburger Kellerei-Abrechnungen von 1333 nennen, nicht anderswo hinzubringen, als hier an die Waldgrenze, die Marke genannt.
Daß die Orte in der Ohmebene keinen Medem und kaum Rodezehnten aufzuweisen haben, zeigt die alte Waldlosigkeit dieser Lößgebiete, deren Ackerbau bis in die Jungsteinzeit zurückgeht, so in Roßdorf und Mardorf
Urkunde von 1133, erste Kunde
(Gudenus I, S. 114, No. XLIV)
Unser Kreis ist altes Siedlungsgebiet. Von den 120 Orten sind zwanzig schon vor dem Jahre 900 genannt. Doch nach dem Jahre 1200 häufen sich die Urkunden und füllen die Archive. Es ist in der Frühzeit des alten deutschen Kaiserreiches, als Bauerbach unter seinem frühmittelalterlichen Namen Burebach sich uns vorstellt.
(1) Da lebt ein Graf Godefrid von Campeberch, auch: Caphenberch (Kappenberg) im Münsterland, heute als der hl. Gottfried bekannt. Im Jahre 1097 geboren, tritt er in den Orden der Prämonstratenser ein, den 1120 der hl. Norbert, ein Zeitgenosse Gottfrieds, geboren 1085 in Xanten, in Premontre bei Laon gegründet hat. Gottfried gründet das Stift Ilbenstadt in der Wetterau, dem er 1123 reichen Besitz schenkt. Erst 30 Jahre alt, ist Gottfried gestorben und liegt in der Abteikirche Ilbenstadt begraben. Die Bistümer Mainz und Münster feiern sein Gedenken am 19. Januar. Konrad v. Marburg, im folgenden Jahrhundert, war auch Prämonstratenser, aus dem Kloster Arnstein bei Koblenz.
Unsere Urkunde datiert aus dem Jahre 1133, dem neunten Regierungsjah.ru Kaiser Lothars von Sachsen, (1135 ist ein Schreibfehler) und liegt fünf Jahre vor der ersten Beurkundung Marburgs 1138. (Kirchhain: 1146). Gottfrieds Schenkung 1123 schließt ein großes Gut zu Burebach ein, ohne es aber eigens zu erwähnen. Das ist dem Kloster zu weit entfernt und zu schwer zu bewirtschaften, wie es in der Urkunde heißt, in der dieses Gut 1133 dem Erzbischof von Mainz verkauft wird. Das Kloster stößt mehreren, so weit entlegenen Besitz ab und erwirbt dafür näher gelegenen, um sein Gut abzurunden. Das kommt dem Erzbischof Adalbert Graf v. Saarbrücken gerade gelegen, denn er ist bestrebt, seinen oberhessischen Besitz um die Amöneburg zu erweitern. Wie sein Vorgänger, Erzbischof Ruthard, ist auch er der Begründer der Mainzer Macht in Hessen. Keine 30 Jahre nach unserer Urkunde — 1160 — finden wir auf Amöneburg schon eine mainzische Burg. Das Burebacher Gut umfaßt 20 „Mansen" und wirft jährlich 23 Schweine und zwei Pfund (Geldes) ab. Mit 120 Mark (die an Wert mit unserer heutigen Mark nichts zu tun haben!) kauft er das Gut für sein Domkapitel, das bis dahin nur recht mäßig dotiert ist. Von Amöneburg her läßt sich der neue Besitz gut verwalten und lassen sich die Einkünfte einheimsen. Aus dem Wortlaut der 1133er Urkunde geht hervor, daß es zum Gründungsgute Gottfrieds gehörte. Unter den Zeugen fällt uns bei den „Laici" ein Comes (d. h. Graf oder sonstiger Amtsträger) auf, Comes Gerhardus de Berebach, der unbekannt ist. Sollen wir uns unter ihm einen Bauerbacher vorstellen? Auch 140 Jahre später, 1272, ist ein Hartmann de Berbach Schultheiß von Rauschenberg und Landau liest seinen Namen Burbach. 200 Jahre später stoßen wir nochmals auf Ilbenstädter Spuren: An der Kirche zu Ilbenstadt findet sich das Wappen der Hirzenhainer, die 1333 in Bauerbach und Arzbach nahe Verwandte und Grundbesitz hatten.
Heute besteht unsere Bauerbacher Feldflur aus drei Teilen, da die Wüstungsfluren von Arzbach und Nonnenhausen hinzugekommen sind. Wo soll damals auf der ursprünglichen Flur ein Gut von 20 Mansen gelegen haben? Zweifellos gehörte zu dem Gute großer Waldbesitz. Die Waldungen waren damals noch weithin Reichsbesitz und aus solchem ist das Gut, wie wir noch sehen werden, hervorgegangen. Auch Cyriacus, der Kirchenpatron, deutet auf Reichsgut. Wo solches war, finden wir auch den Kult dieses Heiligen. Wir wissen, daß auch das Gut Arzbach 1270 großen Waldbesitz hatte, der bis zum Stempel und zum Rotlauf ging, den die Landgräfin Sophie bestätigte. Auch die Lahnberge sind ursprünglich Reichsgut gewesen. Die Abgabe von 23 Schweinen alljährlich war damals, wo es noch keine Kartoffelmast gab, ohne ausgedehnte Waldmast nicht möglich.
Was die Größe des Gutes betrifft, so ist Manse keinesfalls mit Hufe gleichzusetzen, wie das oft geschieht, Mansus war ein anderes Maß als Hufe. Während die Hufe eine Ackernahrung darstellte, die in guten Gegenden kleiner war als auf armen Böden, (die hessische Hufe hatte 30 Morgen, die Wetterauer nur 20) hießen die Herrenhöfe mansi indominicata, (auch curtes salicae, Salland) die Landsiedel-höfe hießen mansi vestiti und die Höfe der Liten, Unfreien, mansi litiles. Demnach wäre Manse wohl eher der Hof, die Wohnstätte als die Anbaufläche, (mansa im mittelalt. Latein der Bauernhof, manse, in Schottland der Pfarrhof, manisio im Altfranzös. das Wohnhaus, mansion im Engl. das Landhaus) (Webster). Wenn eine Urkunde von 951 unterscheidet zwischen „5 huobas cum 5 mansis" und eine andere Urkunde des Fuldaer Fürstabts Heinrich IV. v. Erthal 1257 feststellt, „ne in hubis au t mansis", dann heißt das, daß es zwei verschiedene Maße sind.
Die Güterverzeichnisse des Deutschen Ordens von 1358 und 1375 bedienen sich überhaupt nicht der Manse als Feldmaß. Sie kennen nur Hufe, Morgen, Jugera (Joche) und Acker. Schließlich wäre auch noch daran zu denken, ob nicht damals noch Nonnenhausen, eine recht späte Rodung und Gründung, zu dem Burebacher Gute gehörte. Erst 1256 wird Nonnenhausen erstmalig genannt. Ob es nicht also doch altes Klostergut ist? Mündliche Überlieferungen sind oft erst spät auf Grund falscher Deutungen entstanden, mitunter sind sie aber doch Träger historischer Tatsachen. Hier sagt man, Nonnenhausen habe einem Kloster gehört und auch Kürschner hält diese Namengebung für möglich. Ilbenstadt hatte 2 Klöster. Das Nonnenkloster in Nieder-Ilbenstadt ist um 1137 gegründet. Die Gründerin soll die Gemahlin von Gottfrieds Bruder Otto, Beatrix, sein.
Wie kommt nun ein hiesiges Gut in niedersächsischen (Münsterländer) Besitz? Obschon damals alle unsere Nachrichten- und Verkehrsmittel, selbst gute Straßen, fehlten, finden wir doch erstaunlich weit gespannte Beziehungen, sowohl verwandtschaftlicher, als auch wirtschaftlicher und kultureller Art. Und das nicht bloß im Reichsgebiet, sondern auch über Europa hin, ja, der mittelalterliche Mensch war europäischer als der heutige! Schon 1130 hatte das Rcichsstift Essen durch die Kon-radinerin Mathilde, Enkelin Ottos L, Besitz in Fronhausen. Die hl. Elisabeth stammte aus Ungarn, ihre Mutter aus Andechs in Bayern, ihre Tante Hedwig war Fürstin in Schlesien und eine andere Tante, Agnes, war Königin von Frankreich. Das Stift Wetter hatte 1235 durch die Nonne Gisla Beziehungen zu Meschede im Sauerland. (2) Die Ordenskommende Marburg hatte Besitz bei Soest, Westfalen, nicht weit von dem Stammsitz der Kappenberger. Heute ist das Schloß Kappenberg bei Lünen/Lippe bekannt durch sein reichhaltiges Archiv und seine ständige Kunstausstellung. Der Streubesitz des Klosters Fulda ging durchs ganze Reich, ja bis ins Elsaß und die Schweiz. Das Kloster Lorsch hatte vor 1200 Besitz in Erfurtshausen und die Lehns-träger des reichsfreien Stifts St. Martin in Wetzlar, die Grafen v. Kalsmunt, besaßen 1280 Güter bei Ginselnau (Ginseldorf), die dem Stift durch die Konradiner zugefallen waren.
Ergänzung
-
Gottfried, mit Jutta von Arnsberg verheiratet, löste im Einvernehmen mit ihr die Ehe und beide traten in den geistlichen Stand. Norbert, der Ordensgründer, nahm Gottfried und dessen Bruder Otto in den Orden auf. Ihre Besitzungen wandelten die beiden Brüder in Klöster um, neben übenstadt auch das väterliche Cappenberg und Varlar bei Münster.
- -
Der Käufer des Junkernhofes in Mardorf, Freiherr von Schade, stammte auch aus der Gegend von Meschede, von Salwey (Solvay). Die von Mundeme zu Anzefahr waren ein Zweig der Vögte v. Rundem bei Kirchhundem, Kreis Olpe.
-
Der Ursprung des Burebacher Gutes
Der Kappenberger war nicht der Erstbesitzer, er hat es aus altem Königs- oder Reichsgut. Ob dieses von den Konradinern oder von den Saliern herrührt, ist eine zweitrangige Frage. Die Konradiner heißen so nach Konrad I, dem Franken, der von 911—918 regierte. Sie herrschten im Lahngebiet und darüber hinaus bis nach Thüringen hin. Sie stammen aus dem linksrheinischen, karolingischen Gebiete, waren die Verwaltungsträger der Karolinger und kamen mit der Ausweitung deren Macht weiter nach Osten, Schon 920 hatte der Konradiner, Graf Hermann, die Ohm-Lahn-Grafschaft. Nach 954 fiel großer Konradinerbesitz über Ida, eine Herzogserbin an Ludolf, Ottos I. Sohn, wodurch er Herr in Hessen wurde. Konrads I. Bruder Otto hatte auch Besitz bis an die Ohm, und der v, Merenberg, der 1237 die Grafschaft Ruchesloh an Mainz verkaufte, war ebenfalls ein Nachfahre der Konradiner. Aber auch niedersächsischer Adel, wozu die Kappenberg gehörten, hatte schon zur Karolingerzeit seinen Einfluß bis an die Fulda ausgeweitet.
Der Name der Salier leitet sich ab vom Stamme der salischen Franken, die am Niederrhein saßen. (1) Es sind die Kaiser, die von 1024—1125 herrschten, Konrad II. und die drei Heinrich, III., IV. und V. Mit ihnen war Gottfried näher oder weiter verwandt, denn die Kappenberger waren ein mächtiges, reichsfreies Geschlecht, Irmgard, Markgräfin v. Turin, Gemahlin des Herzogs Otto v. Schwaben, war Gottfrieds Urgroßmutter. Die Base von Heinrichs IV, Gemahlin, Beatrix war Gottfrieds Großmutter. Heinrich V, nennt Gottfried seinen lieben Vetter. Endlich war Golt-frieds Bruder Otto Pate von Barbarossa. In Gottfrieds Stammbaum ist auch Hermann Bilkmg, ein Sachsenherzog.
Im Lalm-Ohmgebiet standen die Grafen Werner den salischen Herrschern nahe. Ihre Rechte reichten durch unsern Raum bis nach Fritzlar. Und in eben diesem Räume waren schon vor 1100 Mainzer Einilusse spurbar. 1121, nach Werners Tode, fiel sein Besitz teils an Mainz, teils traten die Gisonen (Ins Erbe an. Die Wornor oder die Gisonen sehen wir als die Gründer Marburgs an.
Ergänzung
-
Das Cyriacus-Patrozimum der Kirche weist auf Hausgut der Salier hin. - Das ehemalige Benediktinerkloster Naumburg bei Hanau aus Älischem Hausgut hatte auch ein Cyriacus-Patrozinium. - In Geseke/Westf. war auf einem fränkischen Königshofe erst eine Martinskapelle, dann eine Cyriacuskirche.
Landgraf Hermann von Thüringen, Elisabeths Schwiegervater, war ein Sohn von Barbarossas Schwester.
Für den Heimatfreund ist es spannend zu hören, daß jener alte Name Giso heute noch in unserem Familiennamen Kißling fortlebt worauf
auch Seite 174 oben hingewiesen wird. Wer aus der Familie des Giso stammte, nannte sich Gisling, leicht abgewandelt Kisling, Kißling. Auch der Name Kissel gehört als Verkleinerungsform zu dieser Namengruppe. Die weibliche Namensforrn, zu Giso gehörig, ist Gisla, Gisela. Eine Nonne Gisla wird im Stift Wetter genannt (Seite 31) und ebenda ein Sohn Ottos I. namens Ludolf, der heute ebenfalls als Familienname in Ginseldorf vorkommt. Als Geyso kehrt der Name Giso bei einem Heerführer des 30jährigen Krieges wieder.
-
Lahnberg oder Siegerland?
Man hat das Kappenbcrger Gut schon in Burbach bei Siegen gesucht. (Nachlaß Vogel im St. Aren. Wiesbaden). Doch sprechen gewichtige Gründe gegen Burbach und gute Gründe für Bauerbach am Lahnberg. Im Siegerländer Burbach sind weder Mainzer noch sonstige Kloster- oder Kirchenrechte zu finden. Bauerbach dagegen gehört zum ältesten Mainzer Besitz im Ohmbecken und schon 1248 meldet uns die Mainzische Heberolle, daß der Bauerbacher Zehnte nach Amöneburg, also an Mainz geht. Die Amöneburg war mit ihren Dorfern ursprünglich merovingisches Königsgut, vielleicht von Bonifatius an, seit 1143 aber sicher mainzisch. In der Haigermark, wozu Burbach gehörte, schenkten die Konradiner Güter nach Weilburg und die Grundherrschaft war St. Florin in Koblenz. Zwar war auch hier Mainzer Besitz, doch das war lange vor der strittigen Zeit, denn schon nach 900 gehörte Burbach zum Archidiakonat Dietkirchen und damit zum Trierer Bereich. Im Jahre 1048 ist die ganze Mark Haiger eindeutig trierisch, Dahin gehören auch die ändern beiden Burbach, beim Hachenburg und bei Kyllburg/Eifel. Mainz konnte auch wenig Interesse haben, in dem weit entfernten Burbcich Erwerbungen zu machen, umso mehr aber, seinen Amöneburger Besitz zu erweitern. Der mainzische Archidiakonat Ar-felden betraf nur das nördliche Siegerland und Wittgenstein. Sowohl Mittermaier als auch Stimming (Mainzer Urkundenb.) halten Bauerbach, nicht Burbach für den 1133 genannten Ort Burebach. (1)
Ergänzung
-
W. Güthling, Siegen, nennt als erste Erwähnung Burbachs, Kr.Siegen, das Jahr 1219, nicht 1133.
-
Im Alten Dorf
Freilich berichtet uns diese wichtige Urkunde nichts über Gründung und Lage des Dorfes. Es hat aber damals noch nicht auf der Anhöhe gelegen, wie heute, sondern am Talausgang des Stockgrundes, wo das Kirchhainer Salbuch noch 1592 das sogenannte „Alte Dorf" angibt, wo es auch die Überlieferung sucht und wo alte Hauspodien, Hausterrassen, die alte Bebauung bezeugen. Ein mit viel Umsicht gewählter Platz. Der Stocksgrund ist von Bernsdorf bis zur Wüstung Arzbach der einzige tiefere Einschnitt in den gradlinigen Osthang des Lahnbergs. Dieses Alte Dorf ist das eigentliche echte Bauerbach, die Siedler, die Bauern am Bach, der damals, heute nicht mehr, diesen Namen trug. Nur in Seelheim hat er sich erhalten. Hier bei Bauerbach verdient er ja auch nicht mehr diesen Namen, er ist zu einem kleinen Rinnsal geworden. Zweifellos war er früher ein richtiggehender Bach. Wir wissen, daß Bäche, die noch vor dem Jahre 900 Brücken trugen, heute ganz verschwunden sind. Die Quellmulden unseres Bauerbachs sind noch gut in dem gerodeten „Wäldchen" zu erkennen, doch der ganze nördliche Talschluß liegt völlig trocken. Nur der alte Flurname „am Brückelche" (am Sandweg) weist noch darauf hin, daß auch hier mal mehr Wasser floß, das eine Brücke nötig machte. In der Ginseldorfer Flur ist eine „Steinerne Brücke" überliefert (Flurname), wo heute keine mehr nötig ist und in der Arzbach ist die unbedeutende Hühnerbrücke. Das Alte Dorf hatte das, was die ersten Siedler suchten: Wald, Wreide und vor allem Wasser, Die Beschreibung von 1837 nennt noch die „Brunnenquelle an der Schanz" und den „Kump an der Bühlwiese". Der Feuerlöschteich (Wasserbehälter) auf der Wüstung, das Gemeindge genannt, ist erst vor 1800 angelegt. Er ist heute noch deutlich zu sehen. Nach langen, starken Regenfällen bleibt das Wasser westlich des Sandweges in der Wiese stehen und der stauende Damm hebt sich auch noch gut sichtbar hervor.
Daß man 1837 die „Gemeindswüstung, das Gemeindge genannt", anführt, ist auffällig. Sollte man damals noch allgemein um die Ortswüstung des alten Bauerbachs gewußt haben? Einzelne unserer Alten wissen heute noch darum. Das Alte Dorf hat denn auch ganz unzweideutige; Spuren, Sicdlungsresle hinterlassen. Die alten Hauspodien auf den Grundstücken von Schicks, Hofmanns, Schülers und Schusters wurden schon erwähnt. Auf Schicks Obsthof war sogar ehemals ein alter Brunnen. Daß last alle alten, großen Hole des Donkerns hier unten nooi tsesitz haben, spricht weiter für unsere Behauptung. 1567 hören wir von einem Hermann Henn und Schneider Henn zu Bauerbacn „vor der Hohn", d. h. vor der Hohl! Das K.ann nur der Wohnplatz des Alten Dorles sein, wo heute die beiden Familien Matt wohnen, und der damals noch bewohnt war. An dieser Steile ziehen sicn aucn die scnma-len ierrassen iiin, die heute als Garten genutzt werden und die im Alten uone aucti nichts anderes gewesen sein durlten. Die hessischen FiurKarten von Ibtö zeigen, daß diese Garten damals noch, entternt vom heutigen uori, bestanden. Gleichen Anlagen begegnen wir bei den Wustungen Arzbacn und Udermorl. Dreimal haben wir saimaie Aücerterrassen an nach Norden gelegenen Steunangen, die von den Bewohnern sicherlich als Garten genutzt wurden, da sie anderweitig, z. B. ais Acker, kaum zu gebrauchen waren.
Die alte Hausstelle nördlich Kissels, gut erkennbar, dürfen wir auch wohl eher zum Alten Dorte als zur jetzigen Siedlung zählen, dafür spricht die Taiiage und daß man heute nichts mehr davon weiß. Doch redet auch hier der alte Brunnen, „Kisseis Loch", deutlich genug. Und die Gruppe alter Eichen, die an der Stelle des Gartcnens stand, besagt nichts anderes als eben eine alte Hofstelle.
Der älteste bekannte Siedlungsrest dürfte aber der Hof des „Johann under deme bohele", d. h. Johann unter dem Bühl sein, der 1333 genannt wird. Aut Schulers Giundstück, beim Wickegarten, sind seine Hauspodien zu sehen. Im Kataster von 1837 ist das Grundstück in sieben kleine Parzeilen zerteilt. Vielleicht ist dies das 1531 in einem Leihebuch, des Deutschen Ordens genannte Wicen (Wiken) Gut, woher der Name Wickegarten. Johanns Hof lag dem neuen Dorf am Hügel nahe genug, daß er seinen Hof bei der Umsiedlung nicht aulzugeben brauchte. Auch die alte Wegeführung weist auf das Alte Dorf. Noch heißt die Straße außerhalb des heutigen Dorles „auf der Gasse" und die Eselsgasse, die die Dortstelle durchschnitt, hat Js.on-rad Schick erst 1919/1920 aufgefüllt. Zu einer „Gasse" gehören immer auch Häuser. Ein gutes Beispiel haben wir auf dem Loh. Über unbebautes Gelände führt der Lohweg, zwischen den Höfen hindurch dagegen die Lohgasse. Die Verbindung mit Marburg war der Marktweg, damals Spitalsweg genannt, weil er zu dem Marourger Spital, der „Sieche" führte. Die alte „Gasse" hatte keine Verbindung mit der heutigen Marburger Straße, wie die alte Flurkarte zeigt, sondern endete in der alten Dorfstelle. Die ändern Hauptwege liefen gleichfalls auf diese zu, wenn sie auch die heutige Dorfstelle durchlaufen, so enden sie doch in der alten. So der Markt-, Haar-, Joicht- und Gefällsweg. Der alte Arzbacher Fußpfad ging auch von der alten Dorfstelle aus, wie auch die drei Straßen nach Marburg, Schröck und Ginseldorf, letztere und der Gefällsweg das heutige Dorf durchlaufend, nicht darin einmündend.
Ein Teil der Siedlung blieb als gemeindeeigen liegen, eben das „Gemeindchen", Gemeeche genannt. Die Verdichtung und Häufung der Flurnamen in diesem Bereich spricht auch für alte Besiedlung, denn in Ortslagen, alten und neuen, häulen sich die Namen. (Abb. 16).
Die Gründe, die die Bewohner des Alten Dorfes für die Umsiedlung hatten, lassen sich in eine Ursachenkette zusammenfassen: Rittertum, Fehden, Unsicherheit, Schutzbedürfnis, Wehrbauten. Man zog auf den „Norbel", den Norrbill oder Nor-Bühl, den Felshügel, wo man das Dorf und vor allem die neue gotische Kirche auf Spornlage befestigen konnte. Das wird um oder nach dem Jahre 1250 vor sich gegangen sein. Neben dem Kirchlein wird ein Rittersitz des Dorfadels gelegen haben, des Geschlechtes, das wir nach 1200 bezeugt finden. Daß wir den Wohn- und Burgsitz dieses Adels nicht beurkundet haben, ist keine Seltenheit. Man denke nur an die nicht beurkundeten Burgen, die Wernsburg bei Niederklein, die Burg Vockenrode bei Rüdigheim, die Wasserburg in den Ohmwiesen bei Schweinsberg und viele andere. Bauerbach war nicht das einzige Dorf, das damals daran ging, sich und seine Kirche als Wehrkirche zu befestigen und einen umwallten Friedhof anzulegen. — Die von Pfarrer Ferrari 1837 erwähnte Linde, da, wo heute das Pfarrhaus steht, nach seinen Angaben einer der größten und schönsten Linden Deutschlands, wird, ihrem Alter entsprechend, zur Zeit der Umsiedlung gepflanzt worden sein. Wäre sie damals nicht dem Neubau des Pfarrhauses zum Opfer gefallen, sie könnte heute ein schönes Gegenstück zu ihrer Himmelsberger Zeitgenossin sein.





