Aus Felsgestein wird Ackerboden
(Hierzu Abb. 21)
Wer keine Neigung fühlt, sich einmal mit Ruhe und Liebe in die Kleinheiten und Feinheiten der geologischen Zeichnung zu vertiefen, die diesem Buche begegeben ist, der lasse besser diesen Abschnitt ungelesen. Das Bild der Heimat wäre unfertig, wollte man die Geologie, die erdgeschichtliche Gesteinskunde übersehen. Denn vom Boden aus formte sich die Besiedlung des Landes, vom Boden her gestaltete sich das Landschaftsbild und vom Boden her ist der Pflanzenwuchs und damit der bäuerliche Anbau bedingt. Ein Überblick zeigt uns, wie die Dörfer, d. h. die ersten Siedler, die sie gründeten, die Lößdecken und die Rötböden (oberen Buntsandstein) gesucht haben, wozu später, bei Kultivierung der Täler und Flußauen, das Schwemmland der Flüsse kam. Den siedlungsfeindlichen mittleren Buntsandstein des Lahnbergs, des Seelheimer Waldes und des Burgwaldes, dessen Ausläufer sich am Nordrande der Karte bei Bürgein und Anzefahr in das Bild hineinschieben, ließ man als Waldboden liegen. Oder benutzte ihn allenfalls, bei Bauerbach, Ginseldorf, Bürgein, Anzefahr, als Wohnplatz, da er den Häusern festen Grund bot und, da er, der wegen seiner Härte schlechter verwitterte, als Hügel für das Dorf eine gute Wehrlage darstellte.
Der Ginseldorfer Wald blieb als mittlerer Buntsandstein unbebaut liegen und wo man ihn rodete, was die Ackerraine im Walde über dem Hinterfeld zeigen, wurde die Rodung wieder aufgegeben. Das trifft bei vielen mitteralterlichen Wüstungen zu, doch nicht bei Arzbach und Nonnhausen, wo wehrpolitische Gründe vorlagen. Wo sich aber eine Zunge Lößdecke in den Wald hineinzog, gab diese Anlaß, die Brandrodung „aufm Gebrannten" anzusetzen. Den lößbedeckten Teil des Seelheimer Waldes hat man wohl wegen der Entfernung von Seelheim ungerodet gelassen. Die Buntsandsteinplatte „auf der Heide" hat, wie der Name sagt, lange als Heide und Waldtläche gelegen und die Flurnamen Steinacker und Steinrücke sagen genügend, daß man immer schon die mindere Güte dieses Bodens kannte, der sich aus mittlerem Buntsandstein bildete.
Mußten wir schon bei der Vorgeschichte, in der Altsteinzeit, mit Hunderttausenden von Jciiiren rechnen, so müssen wir uns in der Erdgeschichte an Zehnmillionen und Hundertmillionen gewöhnen. Wir können nur jene Zeiten beachten, die lur unsere Heimat in Frage kommen. Vor anderthalb Milliarden Jahren mögen sich die Granite des Odenwaldes gebildet haben, vor 350 Millionen Jahren begann sich der Schiefer zu bilden, der unsere Dacher deckt und dem wir im Marburger Hinterland begegnen, und mit dem Schieler die Vielzahl der gleichaltrigen Gesteine. Es mag nicht ganz 200 Millionen Jahre her sein, als die Bildung des Buntsandsteins begann. Weder Gebirge noch Festländer hatten die heutige Gestalt. Eine weite Wüste zog sich vom Harz quer durch Hessen und südwestlich bis zu den Vogesen, und darüber hinaus, bis zu den Quellen von Maas und Mosel. Wie in den heutigen afrikanischen, asiatischen und australischen Wüsten durchzogen Riesenströme (Schari, Kubango, Tarim) die Wüste und verschlammten und versandeten in großen Seen, abgerollte Kiesel und Tonlager hinterlassend, stellenweise auch im Sandstein versteinerte Muscheln (Avicula), Wüstenstürme fegten große Sandlager zusammen, die später versteinerten. Tier- und Pflanzenwelt waren naturgemäß sehr spärlich vertreten.
Der Buntsandstein wird in drei Stuten gegliedert. Der älteste ist der untere Buntsandstein, dann folgt der mittlere und zu oberst der jüngste, der obere Buntsandstein, auch Rot genannt. Der mittlere ist in zwei Stuten untergeteilt, doch hat man für unsere Gegend mehrere Unterarten bestimmt, so den violettroten Bauerbacher Sandstein (nach Prof. Kockel, geolog. Institut Marburg) und den braunroten Marburger Bausandstein. Der mittlere Buntsandstein ist das Hauptgestein des Kreises und bildet dessen große Waldgebiete. Vor allem der Lahnberg und der Seel-heimer Wald sind unsere nächsten Vorkommen. Seine mittlere Dicke ist 250 m. Seine Eigenart ist die Härte und schroffe Talbildung, die uns aus den Schluchten des Ge-fäties (an den Fischteichen) oberhalb des Bornweges und der Zahlbach („beim Gary) sowie am Hansenhaus bekannt sind. Der Marburger Bausandstein liegt ca. 80 m. Eine Rötelzone von 15 m Dicke liegt auf der Schächterswiese offen. Hier wurde für grobe Töpferei Ton gegraben, wovon die Gruben noch sichtbar sind. Die Fichten nördlich der Straße stehen in sumpfigem Gelände, das den undurchlässigen Untergrund anzeigt. Am Kaffweg haben wir mürben, rotbraunen Stein. Stubensandstein und Formsandstein kommen unverfestigt vor. Der erste wurde als Stubensand verwandt. Noch 1915 kam der „Wehrer Saandmann", ein Wehrdaer Bauer mit seinem Schimmelgespann, der das Körbchen weißen Sandes mit 10 Pf und den großen Korb mit 30 Pf absetzte. Jede Woche wurde die Stube bestreut und bei besonderen Anlässen, wenn der „Parr" oder „Schamester" kam, gabs eine Extraladung, die dann in den Dielenritzen eine vorzügliche Brutanstalt für die unangenehmen Flöhe abgab. Der Formensand wird in den Gießereien für Gußformen gebraucht. Ein solches Sandlager fand sich in Bauerbach, als die Straße vor der Kirche aufgegraben war (1958) bis zur Lohgasse herüber. Auf der Heide ist ebenfalls eine dicke Sandschicht angeschnitten, aus der Böttner, Nr. 42, ihren Neubau aufführten. Stellenweise hat der mittlere Buntsandstein starke Geröllführung. Milchquarze und Kieselschiefer, auch Quarzite, vom Wasser abgerollt, sind eingeschlossen. Diese Kiesel liegen in Massen auf den Waldwegen des Lahnberges herum, z. B. auf dem Marktweg, der in die Zahlbach führt. Ebenso sieht man auf vielen Waldwegen die Glimmerteilchen blitzen und glitzern, die der Buntsandstein einschließt.
Der Bauerbacher Buntsandstein ist die oberste Schicht. Die violettrote Farbe fällt auf. Er bildet den größeren Teil des nördlichen Lahnbergs und ist stark eisen- und manganhaltig. Oft genug haben sich Wiesen- und Weggräben derart mit dem Eisen des danach benannten „eisenschüssigen" Bodens angereichert, daß das Wasser rotbraun schillert. Die oberen Lagen enthalten auch viel Glimmer. Eingelagert sind rote Tonschichten, über denen Quellen austreten, wie am Franzosenweg. Gute „Aufschlüsse" bieten die Steinbrüche an der Steinrucke, am Läusköppchen und an der Sanukaute. Ölt findet man auch Poren bis zu Faustgröße, die durch ausgewitterte Tongallen entstanden sind: Der „Milchschüsselstein" bei Moischt. Der Gehalt an Eisen und Mangan hat sich in tieferen Schichten niedergeschlagen und bildet dort die uns allen bekannten Brauneisensteine. Massenhaft liegen die „Feuerklumpen" oder Feuerschlacken, wie man sie nennt, auf dem Loh und vorne im Seelheimer Walde umher. Man nennt sie auch fälschlich Feuersteine. Stellenweise hat man sie schon gesammelt und verwandt, aber hier genügen die zutage liegenden Mengen doch nicht, um sie als abbauwürdig zu bezeichnen. Häufig füllt der Brauneisenstein auch Verwerfungen (Bruchspalten) aus, und das scheint hier am Seelheimer Walde der Fall zu sein. Wo der Eisengehalt ausgelaugt ist, begegnen wir, wie z. B. am Weißenstein, der davon seinen Namen hat, dem gebleichten Sandstein.
Das Pflanzenkleid des Lahnbergs, verglichen mit dem Seelheimer Wald. Die Flora ist die Antwort auf die Bodenart. Auf dem dürftigen, mageren mittleren Buntsandstein siedelt eine säureliebende Pflanzengemeinschaft: Kiefer, Heidekraut, Farne, stellenweise Wacholder, soweit er geduldet wird, der kleine Ampfer, Ginster, \Valdbeere und Gamander. Das ist der Bewuchs, wie wir ihn in allen Wäldern des Buntsandsteinbodens treffen. Und wo ein Feldweg über tonige Schichten hinführt, verraten uns die Binsen im Graben, daß hier stauende Nässe ist. Dem Lahnberg fehlt die Blumenwelt des Seelheimer Waldes völlig. Dieser trägt auch im Ostteil, wo die Karte nur Buntsandstein zeigt, doch noch darüber eine leichte Lößdecke, zwar zu wenig für guten Ackerboden, aber genügend, um die säureliebende Flora des Lahnbergs zu verdrängen. Nur an einzelnen Stellen, wo der Buntsandstein zutage tritt, haben sich ein paar Ginsterbüsche und einige Waldbeeren eingefunden. Der Adlerfarn fehlt ganz, Wurm- und Streifenfarne sind recht selten, Um so verbreiteter sind Buschwindröschen, Goldnessel, Hexenkraut, Sauerklee, Sternmiere, Schattenblume, Maiglöckchen, Scharbockskraut, Geißblatt und Heckenkirsche, Himbeere und Wildkirsche, überhaupt ist hier die „Krautschicht" reich entwickelt, während sie im Lahnberg artenarm ist. Nur da, wo der Lahnberg besseren Boden, etwa Löß oder, wie oberhalb der Arzbach, Rot hat, finden wir mal Himbeeren und Geißblatt, Hier hat auch der Waldbestand den meisten Zuwachs, wie Förster und Waldarbeiter wissen. Auch am Ost- und Nordrande hat der Lahnberg eine „bessere" Gesellschaft an Pflanzen aufzuweisen, z. B, den roten Fingerhut. Doch der duftende, beliebte Waldmeister fehlt in beiden Wäldern, Im lößhaltigen Gehängeschutt, der 5—10 m dick aufliegt, halten sich auch Buchen und Eichen. Die Rötelzone an der Schächterswiese trägt neben angepflanzten Fichten, Birken und Schilfgräser, die die stauende Nässe nicht fürchten. In etwa macht sich auch der Lahnberg als Klimascheide bemerkbar, freilich kann nur von sogenanntem Kleinklima gesprochen werden. Jeder Heimische weiß, wie oft in Marburg und auf dem Lahnberg starker Regen fällt, während es hier nur leicht nieselt. Und wie oft droben eine dicke Nebelbank liegt und an der Ostseite klares Wetter sich findet. Die Wetterstationen messen eine Durchschnittsregenhöhe von 650mm jährlich in Marburg, gegen 600mm in Kirchhain und Schweinsberg. Bauerbach-Ginseldorf liegen in der Mitte.
Der Rot. Tonig-schiefrig geartet, mit grünen und weißlichen Lagen Letten dazwischen, liegt er ca. 60 m dick. Bei seiner Bildung muß die Sandwüste zeitweise überflutet gewesen sein, die Muschelkalkzeit bahnte sich schon an. Unser Rötvor-kommen im Stocksgrund muß kohlensauren Kalk enthalten, wenn es auch nicht allzu viel ist. Bei der Tiefenbohrung für die Wasserleitung, bei der man 1953/54 etwa 50 m hinabging, hat man wohl last die ganze Rötschicht durchstoßen. Das Trinkwasser setzt seitdem im Verlauf von mehr als zwei Jahren fast einen Zentimeter Kalk im Kessel ab. Im Rot finden sich auch quarzitische Lagen mit sehr festen Quarrten, die den braunkohlenzeitlichen ähnlich sind. Ein Blick auf die Karte zeigt die Vorkommen des Rot um und in unseren beiden Gemarkungen, vorwiegend längs des Ostrandes des Lahnberges, von der Ohmbrücke bei Bürgein angefangen bis in die Arzbach. Die Röte in der Hinterbach, die Röte bei Kirchhain und der Rote Berg bei Seelheim, das größte Rötvorkommen in der Nähe, haben von ihm ihren Flurnamen bezogen. Einen guten Rötaufschluß finden wir am Seelheimer Sportplatz und an der Schönbacher Schule. Die Dörfer Stausebach, Betziesdorf und andere haben schon früh auf dein Rot ihre Feldfluren angelegt, denn er gibt einen wenn auch schweren, so doch guten Ackerboden. Auch der untere Buntsandstein ist dem Anbau noch dankbar, nur der mittlere trotzt ihm. Die kleineren Rötvorkommen an der Steinrücke, auf den Betten, an der Widdern sind nicht in die Kartenskizze eingetragen.
Verwerfungen,
Es muß jedem auffallen, daß der Rot, also der obere Buntsandstein unten am Hange und im Tale liegt, der mittlere dagegen, der doch unten liegen müßte, oben auf dem Berge liegt. Was ist hier geschehen? Stehen wir vorn im Seelheimer Walde, so sehen wir, südwärts gen Seelheim blickend, die Buntsandsteinplatte, auf der wir stehen, vor uns plötzlich wie eine Treppenstufe abstürzen. In der Tiefe erblicken wir die Gipfel der Bäume und wenn wir hinabsteigen, zeigt uns eine Bodenprobe, daß dort Rot, von Löß überlagert liegt. Die Steilstufe ist eine Verwerfung, eine Bruchlinie. Ein ähnliches Bild haben wir in der Schröcker Hege, wo der mittlere Buntsandstein des Lahnberges in einer Steilstufe gegen Osten zum Rot abfällt. Dasselbe Bild wiederholt sich am Ginseldorfer Waldrande, namentlich zur Ohmbrücke hin, wo schon Bürgeier Flur ist. Wie die Eisschollen eines winterlichen Teiches, wenn sie gebrochen werden, so ist die feste Gesteinsrinde unserer Erde einst gebrochen. Rings um die weite Ohmebene finden wir diese Verwerfungen. Die ganze „Hessische Senke" von Kassel bis Frankfurt, die Ohmebene ist nur Teil davon, ist allmählich abgesunken. So bildete sich das Wanderland und Jagdgebiet für den frühen Menschen, das große Durchgangsgebiet für Fernstraßen und Bahnlinien.
Und oft genug ist durch die Bruchlinien glutflüssiger Basalt hochgequollen. Das ist, erdgeschichtlich gesehen, „jung", d.h. keine 20 Millionen Jahre her. Dagegen sind die Diabase des Rimbergs, die in ähnlichem Vorgang als glutende Lava emporstiegen, um rund 300 Millionen Jahre älter! Selbst im Lahnberg haben wir solche Risse, denn so sind die Basalte des Stempels und des Frauenbergs enttanden; natürlich auch die Amöneburg, die anderen Basalthügel des Ohmbeckens gar nicht zu nennen. Die meisten hessischen Basaltberge haben bei ihrer „Geburt" keine hohen Vulkankegel gebildet, sondern nur die Risse und Schlote angefüllt, worauf dann später die weichere Umgebung wegwitterte und abgetragen wurde. Blicken wir zur 160m hohen Amöneburg, so wird uns klar, um welche Massen es sich da gehandelt hat, die meerwärts verfrachtet worden sind. In der Vulkanzeit, der Braunkohlenzeit (Tertiär), haben sich in einem feuchtheißen Tropenklima in Sümpfen und Flachmeeren die mächtigen Braunkohlenlager gebildet, von denen es auch hier, um das Ohmbecken dünne, nicht abbauwürdige Flöze gibt.
Die Braunkohlenzeit
Ihre Tone liegen verschieden dick, rund 80—100 m, die Basalte bilden Decken zwischen 50—60 m. Eine reiche Tier- und Pflanzenwelt hat sich im Tertiär entfaltet. Unsere Säugetiere entwickeln sich, Affenarten, katzenartige Raubtiere, ähnlich den Löwen und Tigern, Nagetiere, Huftiere, darunter pferdeähnliche Geschöpfe, Marder und Wölfe. Die Riesentiere vergangener Zeiten sind ausgestorben, es waren eierlegende Kaltblüter. Entsprechend reich ist die tropische Pflanzen- und Baumwelt des Tertiärs, alle Blütenpflanzen haben sich voll entwickelt. Die Landschaft ist in ihren Formen ganz anders als unsere heutige. Ohm- und Lahntal haben sich erst später herausgebildet. Ein Fluß verlief längs der Ostseite des Lahnbergs. Südlich der Straße nach Kirchhain, bei dem Abzweig nach Großseelheim auf der Bärnstrut, liegt ein weites Geröllfeld abgeschliffener Flußkiesel und Quarzite, die der Bauer vom Acker abliest und am Feldwege aufhäuft, ohne daran zu denken, daß hier vor Millionen von Jahren ein Flußbett war, ehe sich die Ohmebene eingesenkt hatte. Ein uns allen bekanntes Vorkommen der Braunkohlenzeit findet sich beim Sonnenblick, innerhalb der Straßengabel nach Schröck und Abzweig Bauerbach. Dort lagen mächtige rundbucklige Quarzite, die die folgende Eiszeit bis hinab zu den Hansehäusern verfrachtet hat. Auch die Elisabethtrappe ist ein solcher Quarzit. Auf unserer Seite finden wir verlagerte Reste in der Arzbach auf den Feuersteinäckern und jenseits der Straße auf der Seelheimer Seite. Dort waren sie in Massen, daß man sie regelrecht ausgebeutet und 1928 in die Packlage der Arzbachstraße eingebaut hat.
Braunkohlenzeitliche Vorkommen an Tonen und Sanden sind die Überreste von zeitweisen Überflutungen. Eine Flachsee hat einmal mit dem Mittelmeer, ein andermal mit dem Nordmeer in Verbindung gestanden. Die Tone bildeten lange die Grundlage der bekannten Marburger Dipperche, der Töpferindustrie. Die Quarzite und Basalte des Tertiärs sind die jüngsten der Gesteinsarten. Tiefgründiger Basaltverwitterungsboden gehört mit zu unseren fruchtbarsten. Die Sand- und Tonböden des Tertiär dagegen sind neben den Schieferböden des „alten Gebirges" arm wie der mittlere Buntsandstein.
Die Eiszeit (Diluvium)
Diese Zeit ist der Schöpfer unserer Landschaft und eines Großteils unserer Ackerböden, und zwar unserer besten. Aber auch die anderen Böden, die der verschiedenen Buntsandsteinstufen, sind erst in der Eiszeit weitgehend zu dem heutigen Zustand verwittert und damit erst anbaufähig geworden, über die Ursachen der Eiszeiten wissen wir wenig und sollten wir uns tatsächlich nur in einer Warmzeit befinden, dann haben wir noch gut zehntausend Jahre Zeit, um unsere Kühlschränke abzuschaffen, ehe die nächste Eiszeit losbricht. Die in der Eiszeit herrschenden Verhältnisse finden wir heute im wesentlichen in den Polar- und Tundrengegenden wieder. Der metertief gefrorene Boden taute im Sommer, der nur wenige Wochen dauerte, oberflächlich auf, in der Tiefe ewige Bodengefrornis lassend. Der nur dünn bewachsene Boden, völlig verschlammt und versumpft, rutschte die Berghänge hinab (Bodenfluß „Solifluktion"), Kein noch so bescheidener Baumbestand konnte diese Schlammströme aufhalten. Die Täler füllten sich damit an, die nächste Flut riß alles mit sich talabwärts. Zwar hat es zu allen Zeiten, von Anbeginn an, Abtragung gegeben, doch ging die Abtragung der Eiszeit weit über das heutige Maß hinaus. Die Landschaft formte sich zur heutigen Gestalt. Auf dem mittleren Buntsandstein hat ursprünglich Rot und darüber wenn kein Muschelkalk, dann doch braunkohlenzeitliche Schicht gelegen. Das alles war gegen Ende der Eiszeit verschwunden, hatte den Weg in die Flußtaäler und zum Meere gefunden: Teilweise schon lange vorher, teilweise während der Eiszeit. Nur in den Senken, in der Ohmebene, am Rande des Lahnbergs, blieben die Rötzonen erhalten und wurden gar vom Löß überdeckt. Dieser wurde von jenen Schlammassen ausgeblasen, die sich in den Tälern der breiten Schmelzwässer in Norddeutschland bildeten, wo die Gletscherungetüme, die von Skandinavien südwärts rutschten, doch schließlich der höheren Luftwärme erliegen mußten. Der Löß ist ein kalkhaltiger, feiner Staub, der in den Niederungen, wie im Ohmbecken, im Regenschalten des Lahnbergs, liegen blieb, wahrend er an den Westseiten der Berge längst wieder abgewaschen ist. Die nacheiszeitlichen Jahrtausende haben die obere Schicht entkalkt, sie ist zu hellgelbem Lößlehm geworden. Und wie sich der Eisengehalt des mittleren Buntsandsteins tieler unten zu Brauneisensteinen verdichtet hat, so hat sich der Kalk der oberen Lößschicht eben-lalls unten zu sogenannten Lößkmdeln, auch Lößpuppen oder -männchen konzentriert. Man iindet sie gelegentlich bei Ausschachtungen, und hält sie dann für versteinerte Wurzeln, Muscheln oder Frösche. Im Hohlweg der Joicht bei Bauerbach und an der Straße jenseits der Bürgeier Flurgrenze, im Krümmung, sieht man, wie oft der Löß meterdick liegt, Bohrungen haben ihn bis zu 10 und 20 m Dicke festgestellt. Oft ist er durch nachfolgende Überflutungen wieder umgelagert und enthält dann kleine Kiesel, wie an der Straße Schröck-Seelheim. Unsere Fluren sind überwiegend von Lößlehm überzogen: In Ginseldorf fast die ganze Südhälfte, in Bauerbach dasRod, die Arzbach und die Flur 5 zwischen Dorf und Lahnberg. Daß die Flußtäler vor der Eiszeit höher lagen, beweisen die alten Flußterrassen im Gefalle und am Glaskopf. Auf dieser Höhe floß einst die Lahn, ehe sich das Tal eintiefte. Die untere Lahnterrasse liegt oberhalb des Hauptbahnhofs am Wasserbehälter.
Bei der Ohmregulierung fand man, als das neue Flußbett ausgeschachtet wurde, in etwa 1,80 m Tiefe die sogen. Schaulschichten. Es ist die Vulkanasche des Eifeler Vulkans vom Laacher See. Seinen urgewaltigen Ausbruch haben die Menschen der Mittelsteinzeit in unserer Heimat erlebt, denn ihre Überreste haben wir bei Mom-berg, Neustadt und auch im Stocksgrunde gefunden. Das war ein Ausbruch, den jene Menschen, die es betraf, für einen Weltuntergang halten mußten. Etwa zehntausend Jahre ist das her, doch Ahnliches hat sich des öfteren wiederholt. 1500 v. Chr. war es der Santorin bei Griechenland, der die kretische Kultur vernichtete, 79 nach Chr. verschüttete der Vesuv die Stadt Pompeji, 1883 flog der Steinhagel des Krakatao 2000 km weit und 1912 fiel die Asche des Katmay in Alaska in 300 km Entfernung so dicht, daß man auf Armslänge am hellen Tage keine Lampe mehr sah. Zeugen solcher Vorgänge sind die Schaulschichten im Ohmtal. Die Tierwelt der Eiszeit war die der polaren Gegenden, Moschusochsen, Rentiere, Schneehasen und Schneehühner, Blau- und Weißfüchse, aber auch Wollnashorn, Mammut, Riesenhirsch und später Wildpferd und Wisente. Werkzeuge der Menschen, die gleichzeitig mit diesen Tieren lebten und sie erjagten, fanden wir bei Mardorf, Emsdorf, Bracht, bei Schönbach und im März d. Js. auch auf der Steinrücke bei Bauerbach, Die letzte und jüngste Bildung, die noch im Werden ist, finden wir in den Flußauen, das Schwemmland oder Alluvium. Bei jedem starken Regen trägt jedes gelbgefärbte Bächlein guten Ackerboden zu Tal. Die ausgeuferte Ohm setzt ihn in den Wiesen ab. Das geschieht seit wir Ackerbau haben, also seit 5000—6000 Jahren. Doch haben wir auch älteren Auelehm in imsern Tälern liegen. Fast der ganze Nordteil der Ginseldorfer Flur, bis zum Dorfrand und Enser Weg, ist Schwemmland. Bei Bauerbach nur die Talsohlen der Bäche: Arzbach, Stocksgrund, Läusgraben, Joicht und Hinterbach, Nicht nur Abtragung und Anschwemmung setzen sich fort, auch unmerkliche Hebung von Gebirgen und Senkung von Beckenlandschaften. So nimmt man mit gutem Grunde an, daß sich das Ohmbecken bei Kirchhain noch weiter senkt. Nie wird die Erdgeschichte zum Stillstand kommen.
Bodengestalt und Bodengüte
Wir sind von der Geologie, einem uns gerade nicht naheliegenden Gebiete, viel abhängiger, als wir gemeinhin denken. Das Gestein, das unserer Landschaft mit ihren Bergen und Hügeln das Gerüst, das Skelett abgibt, bestimmt weithin die Formen des heimatlichen Landes. Denken wir an die weitgeschwungenen Lößdünen, wie wir sie typisch aufm Rod vor uns haben. Die tischebene Ohmaue, umGinseldorf-Bürgeln, die wir als die Kleine Ohmebene ansprechen, im Gegensatz zur Großen bei Kirchhain-Amöneburg, ist vom Schwemmland der Eiszeit und der Neuzeit geformt. Der Rot bildet eigenartige, kahle, oft mit Buschwerk bestandene Raine, wie wir einen, das Tälchen der Joicht abwärts wandernd, am Westeingang Großseelheims sehen. (Sauhöhl am Kipperot). Doch der eigentliche Former und Bildner unserer Landschaft ist der mittlere Bsdt. Wir kennen seine langen Rücken, die sich gleichmäßig fast wagerecht hinziehen, so im Seelheimer Wald und am Lahnberg, Die Oberfläche dieser Höhen ist kein Gipfel, selten eine Kuppe, sondern meist eine Fastebene, die als „Gleiche" benamt wurde. (Schröcker, Bürgeier, Cappeler Gleiche). Geht man die Straße über die Schächters Wiese, könnte man glauben, auf einer Talsohle und nicht auf einem Bergkamm zu sein. Der Hauptweg im Seelheimer Wald führt ebenfalls über eine „Gleiche". Das Läusköppchen hebt sich nur von der Arzbach her gesehen, als kleine Kuppe aus der gleichmäßigen Linie des Lahnberg heraus.
Der Basalt bildet seine Formen ganz eigenwillig und launenhaft, je nachdem der Erguß der Lava vor rund 50 Millionen Jahren erfolgte, stürmisch und tobsüchtig oder sacht und weich, teigig quellend. Vergleichen wir die Amöneburg oder den Wittelsberger Kirchberg mit der Seift hinter Mardorf. Unser nächster Basaltberg, der Stempel, hat durch den Steinbruch seine Urform gänzlich eingebüßt. Daß das Schiefergebirge eine völlig andere Landschaft formt, zeigt uns ein Blick vom T->piegeslust-Turm oder vom Frauenberg gen Westen. Da steigt ein Kuppenland empor, wie eine große Wiese voller Maulwurfshügel.
Noch näher, als das Bild der Landschaft liegt unsern Landwirten natürlich die Bodengüte. Diese hängt, wie die Pflanzenwelt, engstens mit jenen Gesteinen und Bodenarten zusammen, die in langen Zeiträumen unsern nährenden Ackerboden gebildet haben. Ja, man kann oft genug aus einer Karte der Bodengüteklassen auf die Geologie schließen. Und umgekehrt kann man aus der geologischen Karte die Bodengüte bestimmen. Zwar liegt diesem Abschnitt die Bonitierung von 1871 zugrunde, doch hat sich daran außer einer neuen Klasseneinteilung nicht viel geändert. Sowohl Acker als auch Wiesen teilte man damals in acht Güteklassen ein. Das Kataster von 1835/37 teilt den Acker auch in acht, die Wiesen jedoch nur in sechs Güteklassen ein. Klasse l—4 sind gute, 5—8 mindere Böden. An guten Böden der Klasse 3 und 4 ist die Bauerbacher Flur weit stärker beteiligt als die Ginseldorfer, Aufm Rod, die Arzbach ,der Hunsrück und am Marktweg sowie im Hinterfeld finden wir diese Bodenklassen, die sich in der alten Nonnhäuser Flur auf die Pfuhläcker beschränken, wo wir auch die alte Dorfstelle vermutet haben. Die besseren Böden haben nicht nur die fränkischen Siedler vor 1200 und 1400 Jahren zu finden gewußt, sondern schon die ersten Bauern, die Bandkeramiker vor 5000 bis 6000 Jahren. Daß die minderen Ackerflächen späteres Rodeland sind, wie die Flurnamenkarte ausweist, ist gewiß kein Zufall, sondern die bäuerliche Erfahrung jener Siedler, die diese Böden vorerst ungerodet liegen ließen.
Bei Ginseldorf liegen die Böden 3. und 4. Klasse rings ums Dorf, besonders nach Osten hin, um Pfuhläcker, Rindszähl, Kuhstück und Rinnacker, bis zum Mondschein, Auch unter der Straße, vom Pfaffacker nordwärts über die Hofäcker bis zur Flurgrenze am Alten Graben. Die Pläne an der Bauerbacher Grenze sind auch in 3 und 4 eingestuft, so die Äcker an den Langen Wiesen, und beiderseits der Straße von den Hangelbirke an bis zur Hofestatt. Das sind auf beiden Fluren die Lößlehmböden. Wo diese allzu dünn sind und wo Rot oder Bsdst,-Verwitterungsböden vorherrschen, haben wir Äcker der Klasse 5 und 6, so aufm Gebrannten und westlich vor dem Seelheimer und Ginseldorfer Walde. Geringere Böden, wie Klasse 7 und 8 kommen nicht vor. — Beste Böden der Klassen l und 2 haben wir ausgedehnt bei Mardorf, Rauisch-Holzhausen, Ebsdori, Leidenholen und Hachborn.
Die Wiesenflächen rangieren zwischen Klasse 3—7. Die besten Flächen hat Gmsuldori zur Ohm hin, wo vom Wiesehol an abwärts Kl. 3 und weiter östlich, über die ganze Aue bis zum Hinterfeld (Gothsweg) Kl. 4 ist. Die Bauerbacher Wiesen in der Hinterbach und in der Arzbach gehören wegen ihres hohen Grundwasserstandes zu den Klassen 5—7 und reichen kaum an die Qualität der Ohmwiesen heran. Untergelagerte tonige Schichten des Rot verhindern hier das Absickern der Niederschläge und versäuern den Boden. An der Marburger Straße „aufm Hunsrück" stauen solche Schichten das Wasser im Straßenuntergrund und verursachen Frostaufbrüche im Frühjahr. Ähnlich liegen die Dinge bei der großen Allendorfer Kreiswasserleitung. Während die Allendorfer Buntsandsteinplatte, der Herrenwald, stehen blieb, und sich noch hob, sank westlich das Amöneburger und östlich das Neustädter Becken ab. Die Tonschichten dieser beiden Mulden legten sich vor den durchlässigen Allendorfer Sandstein und verhinderten den Abfluß der sich darin stauenden Niederschläge. Diese können so die Tiefenbrunnen füllen und Wasserleitung speisen.
Dränage. 1924/25 dränierte Ginseldorf 68ha Acker und l ha Grünland, weitere 15ha
Acker und 5 ha Grünland sind noch bedürftig.
1927 dränierte Bauerbach 60 ha Acker und 33 ha Grünland, weitere 20 ha Grünland sind noch der Dränage bedürftig.
Die Bodenqualität prägt sich auch in den Steuersätzen aus. Um 1900 betrugen die Grundsteuer-Reinerträge auf den guten Böden je Hektar in Mardorf 46,6 Mark, in Großseelheim 41,7 Mark. Auf den mittleren Böden in Bauerbach 31,— Mark, in Ginseldorf 26,— Mark. Auf geringen Böden in Niederklein 13,80 Mark, in Langendorf 9,20 Mark. Der Einheitswert je Hektar beträgt z. Zt. in Bauerbach l 528,— DM, in Ginseldorf l 070,— DM.
Meereshölle (hierzu Abb. 15 und 18)
Bauerbach. Das Dorf (Kirche) liegt 265 m, die Flur 270 m im Mittel. Die Arzbach und das Rod liegen etwa auf Mittelhöhe der Ginseldorfer Flur, 230 m. — Ginseldorf. Das Dorf (Kirche) liegt 197 m u. M. — Gradnetz. Länge: 8 Grad 30 Min. geht über Wetzlar und Kahlen Asten, — 9 Grad über Homberg Ohm. Bauerbach und Ginseldorf liegen etwa in der Mitte, 8 Grad 45 Min, — Breite: 50 Grad 30 Min. geht über Wasserkuppe und Hoherodskopf, — 51 Grad über Jesberg und Hatzfeld. Bauerbach liegt etwa in der Mitte, 50 Grad 45 Min. Der Schnittpunkt von 9 ö. L. und 51 n. Br, liegt bei Gemünden/Wohra.
Was Gott wachsen läßt, die Pflanzenwelt
Die so ganz verschiedenen Floren der beiden Waldungen, Lahnberg und Seel-heimer Wald, sind ein klarer Beweis, daß der Erdboden in seiner Art die Mutter der Pflanzenwelt ist, angefangen von der ragenden Eiche bis zum bleichgrünen Torfmoos. Wir haben bescheidene Gewächse, denen fast jeder Boden gut ist, — wir haben anspruchsvolle, wählerische, die ganz ausschließlich nur eine einzige Bodenart bevorzugen.
Allzu artenreich ist der Buntsandsteinboden nicht. Besser ist schon der Lößlehm, doch hier ist die bäuerliche Kultur, die ihn nutzt, dem freien Wachstum feindlich. Viele der Blumenkinder sind ja für den Landwirt eben nur Unkraut und die Kunde der Heilpflanzen ist weitgehend verblaßt.
Auch die schönen, alten Namen, die die Eigenart der Pflanze treffend festhielten, — wer kennt sie noch? Die Kenntnis der Autotypen ist wichtiger geworden. Man kennt weder den Steinsame mit Namen noch die alte Bezeichnung Bauernschminke, oder wer kennt noch den Namen Bienensaug für Taubnessel, Gottvergeß für Schwarznessel, Dukatenröschen für das kleine Habichtskraut und Hanfnessel für den Hohlzahn? Unsere guten Lehmböden besiedelt Hellerkraut, Gänsedistel und Ackersenf (fälschlich meist Hederich genannt). Am Wegrande Rainfarn, Pfennigkraut, mittlerer Klee, Kratzdistel und Ehrenpreis. Tiefgründige Böden lieben Rotklee, Herbstzeitlose und Weidelgras. Auf mildem Humus gedeihen Goldnessel, gefleckte Taubnessel, Waldveilchen und Moschus- oder Bisamkraut. Der Huflattich findet sich auf tonigen, feuchten Äckern, von denen er schwer zu vertreiben ist, und auf sickernassen Wiesen blühen Kuckucksnelke und Wiesenknopf in Massen. An Hecken und Zäunen, wo sich durch allerlei Abfälle Stickstoff ansammelt, freuen sich Brennessel, Taubnessel, Gänsefingerkraut, Wegmalve und Spießmelde ihres Daseins. Kalkarme, magere, saure und sandige Böden tragen Hederich, Spark, Tormentill, Ackerklee, Honiggras, Stiefmütterchen, Heidenelke, Kleinen Sauerampfer.
Die Pflanze wählt sich nicht nur ihre Bodenart, auch der Standort ist ihr nicht gleichgültig. Das Maiglöckchen verschwindet, wenn der Wald gerodet wird und die Sumpfdotterblume stirbt ab, wenn die Wiese trocken gelegt wird. In Hecken und Gebüschen siedeln Heckenrose und Hundsrose, Haselnuß, Hartriegel, Schneeball, Schwarz- und Weißdorn, und am Boden Gundermann, Nelkenwurz, Veilchen und stellenweise Moschuskraut. Auf sonnigem Wild- und Ödland fühlen sich Augentrost, Feldklee, Hauhechel und Thymian wohl. An den Feldwegen und Rainen begegnen wir der Flocken- und Glockenblume, der Grasmiere, dem Hartheu, der Kardendistel, dem Odermennig, der Schafgarbe, den Labkräutern und Wegericharten. Neben den Gräsern sind auf Wiesen beheimatet die Hahnenfuße, Bocksbart, Kümmel, Lichtnelke, Löwenzahn, Schaumkraut, Wucherblume (Margerite) und die vielen Arten der Doldenblütler (außer dem Kümmel). Die Bruch-undMoorwiesen beherbergen eine ganz andere Lebensgemeinschaft. Hier finden wir, besonders an Wassergräben, Bachbunge, Baldrian, Bärenklau, Brustwurz, Mädesüß, Sumpfgarbe, Sumpfmiere, Vergißmeinnicht, Weidenröschen, Weiderich, Wolfstrapp, Zweizahn und Schilf.
Die Ohmregulierung hat uns einer ganzen Reihe eigenartiger Pflanzen beraubt, die wir auf Bauerbacher Flur nicht fanden und es wird lange dauern, bis sich diese seltenen Gäste wieder einfinden werden. Da blühten Schwanenblume und Froschlöffel, Igelskolben und Pfeilkraut, Schwertlilie und Rohrkolben. In allen Ecken des Dorfes drängt sich eine ganz buntscheckige Gemeinschaft zusammen, — schade, daß die meisten Dorfgenossen weder den Namen noch sonstiges Wissenswerte über diese Zaungäste wissen: ob giftig oder heilkräftig, ob mit altem Volksglauben behaftet oder traditionslos, ob alt-einheimisch oder aus fremden Ländern zugewandert. Da fristen ihr Leben der Große Ampfer, der Beifuß, das Berufskraut, das drahtige Eisenkraut, der zähe Vogelknöterich, der Gute Heinrich mit seinem trauten Namen, die Hopfenseide, die die Brennessel erdrücken will, die strahllose Kamille, die, wie das Knopfkraut und das Berufskraut, aus Amerika zu uns kam, das Schellkraut in der Mauerritze, Wegerauke und Zahntrost als Wegebegleiter, Am Franzosenweg findet sich, wohl von Marburg her (am Michelchen), das Kleine Springkraut; unser „Kräutchen Rührmichnichtan", kommt in unsern Waldungen nicht vor, Es liebt den Verwitterungsboden von Basalt oder Grünstein. Vielleicht tragen diese wenigen Reihen dazu bei, sich all die Vielfalt der bunten Herrgottskinder näher anzusehen, von denen für jedes gute oder schlechte Plätzchen einige geschaffen und geeignet sind.
Die Ohm, Regulierung und Staubecken
Wir haben uns die Ohm in der ersten Siedlungszeit als ein Wildwasser und ihr weites Becken als eine Naturlandschaft zu denken: Seitenarme und Vergabelun-gen, Sumpflachen und Altwasser, Sand- und Schlammbänke, Bruchwiesen und ausgedehnte Auewälder mit Weiden, Erlen, Pappeln und auch Eichen komponierten das Bild. Die Siedlungen finden sich zwar nahe am Wasser, aber doch abseits der Hochwassergrenze, entweder am Hange des Uferberges wie Anzefahr, auf einem Buntsandsteinhügel, wie Bürgein oder auf einem Schuttfächer; wie ihn, bandförmig ausgebreitet, die Seitenbäche in das Haupttal hineingeschoben haben, wie bei Niederwald. Als dann um und nach 1200 die Wassermühlen die alten Handmühlen ablösten, begann man auch, die Täler, soweit es die damalige Technik ermöglichte, trocken zu legen und Talwiesen zu kultivieren. Die alten Höhenstraßen begann man ebenfalls in die Flußtäler umzulegen. Bis in jene Zeit reichen also die Versuche zurück, die Wildwässer in etwa zu bändigen. Die Namen „Alte Ohm" für alte Flußarme erinnern uns daran. Vor 1840 berichtete uns Pfarrer Ferrari vom Bau eines Dammes an der Ohm, nördlich Ginseidorfs.
Die Hochwasser von 1946, 1947 und 1948 haben den Anstoß zur Regulierung der Ohm und zum Bau des Rückhaltebeckens gegeben. Das Hochwasser vom Februar 1946 ging über die Südbahnhofsbrücke hinweg! Die Leberegelseuche (siehe „Rund um Wall und Wehrturm", Seite 212) hatte 1924 in Mardorf, Schweinsberg und Kirchhain Tausende von Kühen, Schafen und Ziegen hingerafft, eine Krankheit, die durch sommerliche Hochwasser entsteht, wenn die Weidetiere die Larven des Leberegels auf überschwemmt gewesenen Wiesen aufnehmen, Am 24. September 1957 stand das Ohmtal nochmals unter Hochwasser. So war zunächst im Gebiet des Rückhaltebek-kens ein Binnengrabennetz von 35 km Länge zu schaffen.
Der Staudamm des Beckens ist 6 km lang. Dazu kommen 2,6 km Eindeichungen, denn die zuströmenden Bachläufe verlieren beim Stau ihre Vorflut und müssen dann mit Schöpfwerken — bei Kirchhain, Kleinseelheim und Radenhausen in das Becken eingepumpt werden. An der „Schönbacher Schleuse" ist der Damm 6 m hoch. Dieses Absperrbauwerk ist ein Doppelschützenwehr mit drei Öffnungen von zusammen 18 m Breite und einen Maschinenhaus mit elektrischem Windewerk.
Der aufgestaute See hat bei 4 m Tiefe an der Schleuse eine normale Oberflächt1 von 850 ha und 10 Mill. cbm Inhalt, was bei „Katastrophengrenze" bis zu 900 ha und 15 Mill. cbm steigen kann.
Mit dem Bau des Beckens war verbunden eine Straßenverlegung von fast 3 km, stellenweise auch Erhöhung der Straße, Bau einer neuen Brücke, ein Sandfang für dieWohra und Bepflanzung besonderer Stellen für Einpassung in das Landschaftsbild. Die ersten Probestaue waren im Februar 1957 und 1958. Die heimische Landschaft bekam zeitweise eine ganz neue, nie gesehene Note. Zwar liegt der Stausee nicht auf heimischer Flur, aber in der Sichtweite. Von Bauerbach nach Osten blik-kend, kann man einen Großteil der glänzenden Seefläche übersehen. Schon beim ersten Stau fanden sich zur Freude des Vogelkundigen zahlreiche Wasservögel ein, viele Arten Wildenten, Wildgänse und Schwäne. Der Hauptzweck des Staubeckens ist, das winterliche Hochwasser der Ohm so lange vom Lahntal fernzuhalten, bis sich das Hochwasser der Lahn verlaufen hat. Der erste Stau in einem solchen Ernstfall war am 5. Dezember I960, als sich binnen 24 Stunden das Becken mit 14 Mill. cbm Wasser füllte. War nun der Ohmlauf bis zur Schönbacher Schleuse geregelt und gebändigt, so ging es nun durch die Anzefahrer Flur auf Ginseldorf-Bürgeln zu. Zwei Jahre, von 1957—1959, haben hier die Maschinen gerattert und geknattert, schwere Bagger mit Löffeln, Greifern und vor allem mit Schöpfkellen. Die Firmen Herzog, Marburg; Müller, Gönnern und Klammt, Herford/Westf. hatten mit ihrem Maschinenpark zahlreiche Arbeiter beschäftigt. Nördlich der Ginseldorfer Flurgrenze waren drei große Flußschleifen von 3 km Länge auf weniger als 2 km, also um 37% zu begradigen. Die Flur von Ginseldorf wurde allerdings nur dabei auf eine kurze Strecke von kaum 200 m berührt.
Mit Steinschüttungen zur Uferbefestigung, Wegerampen und -befestigungen, Grabenanschlüssen und der nötig gewordenen Flurbereinigung belief sich der Kilometerpreis auf rund 400000 Mark. Das Flußbett bekam bei 2,30 m Tiefe eine Sohlenbreite von 20 m und 40 m am Wasserspiegel. Dazu mußten 120000 cbm Erde bewegt werden, was 6000 Waggonladungen oder 120 langen Güterzügen entspricht. Das Ende der Erdbewegungen war eine Wüste von Schutt- und Geröllbergen, von Erdhaufen und Schlammassen, die dann die großen Planierraupen einebneten. Mit Grassamen eingesät, war bald alles vernarbt und wieder in saftige grüne Wiesen verwandelt. Das Ziel der Riesenarbeit war, die ganze Flußaue vor sommerlichem Hochwasser und Überschwemmung zu schützen.
An der Mündung des Roten Wassers stieß man in 1,80 m Tiefe auf die bei Kirchhain und Niederwald bekannten „Schaulschichten", die an anderer Stelle schon genannten Aschenmassen des Laacher Vulkans. An den ehemaligen Ohmlauf erinnert nur noch die alte, 1776 gebaute Straßenbrücke neben der Straße bei Bürgein, die man, dankenswerter Weise, als Geschichtsdenkmal hat stehen lassen. Der Schlußstein trägt den Namen des Landgrafen Friedrich II., der von 1760—1785 regierte.
Das Staubecken hat auch seine Gegner gefunden. Die stehende Stauuung soll mehr schaden als das strömende, natürliche Hochwasser, sagt man, die guten Grasarten schwinden schnell hin, das Wachstum setze in dem durchtränkten Boden später ein, der Staudamm begünstige die Bildung von Spätfrösten, die gestaute Feuchtluft hindere die Heuwerbung und bilde Talnebel, die Leberegelseuche werde begünstigt und das Klima verschlechtert. Erst die Erfahrung wird diesen Bedenken recht oder unrecht geben.



