Ende von Kurmainz
Kurmainz kannte noch keine genaue Flurkarten, kein Kataster und kein Grundbuch, Wohl erwähnt Pfarrer Ferrari ein altes Flurbuch, das in Kassel liege, doch das war wohl von Bauernhand geschrieben. Unsere kurmainzischen Orte erhielten, kurhessisch geworden, genau vermessene Flurkarten und Kataster mit einer ganz ausführlichen Vorbeschreibung in den Jahren zwischen 1806—1837. Nur der römische Fiskus hatte schon vor 2000 Jahren mit gleicher moderner Präzision die Vermessung und Besteuerung von Grundstücken betrieben, wie es die hessische Regierung 1807 bis 1837 tat. Von da ab haben wir ein recht genaues Bild des Dorfes, das in der Folge immer wieder erneuert und ergänzt wurde. Fast gleichzeitig mit der „Vorbeschreibung" gab Pfarrer Ferrari ein getreues Gegenwartsbild der Pfarrei Bauerbach-Gin-seldorf. Zwanzig Jahre später, 1859, schickte die Kurfürstliche Regierung zu Kassel einen langen Fragebogen an die Bürgermeister, der bis ins Einzelne ging, 1907 hat Katelhön eine Siedlungskundo des Lahngebietes verfaßt und 195l hat die Landwirtschaftskammer Kurhessen durch die Landwirtschaftsschule Marburg die bäuerliche Wirtschaft der Heimat eingehend untersucht. Die jüngsten Angaben stammen aus dem 1956 erschienenen Heimatadreßbuch des Landkreises Marburg, das nicht nur die Familien jedes Dorfes, sondern auch Geschäfts- und Erwerbsleben enthält,
Hessische Kataster
Flur und Ort wurden 1808 durch den Landmesser Johann Scheffer zu Niederwetter vermessen. Beim Neubau von Häusern wurde der Ortsplan berichtigt. Die Vorbeschreibung ist vom Steuerrevisor Pilgrimm in Kirchhain. Die Kenntnis der Heimatgeschichte war mehr als kümmerlich. Man begnügte sich mit Vermutungen, die weit am Ziele vorbeischießen. Auf viele kleine Einzelheiten einzugehen, lohnt nicht. Das Klima wird als „sömmerisch" bezeichnet. Die Straßen sollen gepflastert gewesen sein, doch wissen die ältesten Leute nur von einer Packlage aus Sandsteinen, die man wohl als Pflaster angesehen hat, Pfarrer Ferrari nennt die Straßen ungepflastert und schmutzig, über die die Jauche liefe. An Bewohnern hatte das Dorf 101 Erwachsene, 119 Jugendliche, 28 Knechte und Mägde (13 und 15) und 2 Lehrlinge, zusammen 250 Seelen in 42 Familien, in 34 Wohnhäusern (ohne Schule und Pfarrhaus). Bei dem Fehlen einer Wasserleitung war die Wasserversorgung in der Höhenlage wichtig. Es waren drei Gemeindebrunnen da und fünf private auf den Höfen Nau, Hofmann, — Gölzhäusers, — Braun, Kurts, — Bieker, Kilbers und Stau-bitz, Stauze. Auf der Gemeindewüstung, das Gemeindge genannt, war noch ein Teich für Feuerbekämpfung, dessen Mulde und Damm noch erkennbar sind. Auf der Schantz, am Acker des Peter Staubitz (Ecke Haarweg-Straße) war eine Brunnenquelle und unter der Widdern der „Kump", (aus dem nach Bauerbacher Überlieferung der Storch die kleinen Kinder holt.) Von den Brunnen sind noch drei offene und zwei zugeschüttete zu sehen. Die ersteren bei Damms, bei Bornhenners und „Kissils Loch". Die bei Schülers und Hebeners sind an den Brunnenrandungen noch kenntlich. Ein Rest Mittelalter waren die drei Arzbacher Teiche. In der vor-lutherischen Zeit und noch lange darüber hinaus hatte jeder Adelssitz, jedes Kloster, ja viele größere Bauernhöfe, einen Karpfenteich. Kaspar Preis berichtet um 1640, daß er 380 Karpfen in seinen Teich gesetzt habe. Um 1840 hat die Gemeinde die alten Teiche bekommen und diese, nachdem sie lange ungenutzt lagen, 1955 an Gregor Damm verpachtet, der sie als Acker nutzt, Der ganze Teichschlamm hatte sich im Wiesengrund an der Hühnerbrücke in dicken Schichten abgesetzt, die man jetzt, 1961, beim Neubau der Straße fand und erst für eine geologische Bildung hielt.
Der Absatz an „Naturprodukten" (Erzeugnisse der Landwirtschaft) wird als nicht unbedeutend erwähnt. Marburg war dafür Verkaufsmarkt. Die Tagelöhner fanden immer in Marburg Arbeit, Das Dorf hatte 23 Bauern, je fünf Schneider, Weber und Maurer, vier Tagelöhner, drei Schmiede, je zwei Wagner, Schäfer und Wirte und einen Schuhmacher, Die Schneider, Schuhmacher und Maurer gehörten noch den Marburger Zünften an. Die Maurer arbeiteten fast alle in Marburg, Ausführlich werden Kirche, Pfarrei, deren Einkünfte sowie die des Lehrers und Kirchendieners behandelt. Für die bauliche Unterhaltung des Turmes, der Kirchhofsmauer und -tore, der Kirchenuhr, der Glocken, Orgel und Totenbahre hatte die Gemeinde zu sorgen. Seitenlang werden alle Lasten, Zinsen, Zehnten und Dienste, die auf Höfen und Gütern ruhen, aufgeführt, obschon sie bereits in der Ablösung begriffen sind. Hier sei die prozentuale Verteilung nur angegeben. Von der landwirtschaftlichen Bodenflache waren:
|
52% |
Deutsch-Ordensgut, |
|
14% |
Stifts- und Pfarrgut, |
|
6% |
Erbleihegut |
|
23% |
Erbland. |
|
5% |
Zehntfrei. |
Der Bühl und das Loh, noch völlig unbebaut, gehörten der Gemeinde und dienten als Hute für das „kleine Vieh", Schafe, Schweine und Gänse. Die Obstbäume wurden jährlich verpachtet. Den Gemeindewald betreute ein Förster des Forstreviers Marburg. Erst in preußischer Zeit, 1874, bekam Bauerbach einen Förster. Da von den 42 Familien 27 Nutzbürger waren, waren 15 Familien „Beisitzer". Ferrari gibt 1838 nur 22 Bauern- und 13 Beisitzerfamilien an. Die Nutzbürger erhielten höchstens alle 5—6 Jahre einmal Brennholz aus dem Gemeindewald. Sonst wurde Bau-, Nutz- und Brennholz aus dem Staatswald ersteigert, wie auch die Schweinemast. Für das Recht zur Kühhute im Lahnberg zahlte man jährlich 12 gute Groschen, „Blumenhutegeld". Die Bauerbacher Katasterfläche betrug 290,00 ha, wozu noch 35,80 ha in fremden Gemarkungen kam, allein in Gemarkung Großseelheim (Arzbach!) 24,00 ha. Aus Bauerbacher Gemarkung gehörten 8,60 ha zu ändern Gemeinden. (Großseelheim und Ginseldorf).
Flur und Dorf enthielten
|
an Gebäude und Hofflächen |
1,00 ha |
|
an Ackerland |
215,50 ha |
|
an Wiesen und Gärten |
45,00 ha |
|
an Hüten und Trieschern |
18,60 ha |
|
an Waldungen |
7,70 ha |
|
an Wegen |
2,00 ha |
Der Boden ist tiefgründiger fruchtbarer Lehm, strichweise leichter Lehm mit Sand und nur stellenweise quelliger, naßgründiger Lehm- oder Tonboden. Die Ortsschätzer, Peter Martel und Johs. Petri, behaupteten, die meisten Länder litten unter Nässe, doch schiene das nur Nachlässigkeit zu sein, stellte der Revisor fest. Die Erträge waren wesentlich höher als die Angaben der Ortsschätzer. In den mittelfruchtbaren Jahren 1834 und 1835 ergaben, alles von Kasseler Acker und Metzen auf Zentner und Morgen umgerechnet: l Morgen Acker 1. Klasse 5 Ztr. Weizen, 6,9 Ztr. Roggen, 5,8 Ztr. Gerste und 7,3 Ztr. Hafer, die ändern Bodengüteklassen sind ebenfalls genau angegeben. Der Acker ist in acht Güteklassen eingeteilt: 19,6% gehören den ersten drei, 65,45% den mittleren drei und nur 14,8% den beiden untersten Klassen an. Die Wiesen sind in sechs Klassen eingeteilt und sind wesentlich schlechter als das Ackerland. Nur 24% gehören den drei oberen und 76% den drei unteren Klassen an. Die Flur war durch jahrhundertelange Erbgänge, Käufe und Verkäufe sehr zerstückelt. Die alte Bauerbacher Flur hatte 562 Parzellen (Teilstücke), die Arz-bachflur 340 und die Hinterbach (Nonnenhausen) 178, wozu noch die 27 Anteile des 1820 gerodeten Hinterbachswäldchen kamen. Zusammen waren das l 107 Parzellen, wovon allerdings 70 innerhalb der Ortslage waren. Das größte Flurstück hatte 27 Ar. Stücke von zwei Morgen Größe kamen nicht vor.
Seitenlang sind Acker, Wiesen, Gärten, Häuser nach Kauf- und Mict-(Pacht-) wert klassifiziert, denn es handelte sich ja um Steuerberechnung. Die Häuser stehen in 12 Klassen, die erste gilt 650 Gulden Kauf- und 33 Gulden Mietwert, die 12. Klasse 32, bzw. l1/:» Gulden, Zur 1. Klasse gehörte nur Kurts, zur zweiten Stauze, Hofmanns und Schülers, zur dritten Arems, Kissels, Gölzhäusers, Kilbers und Meurers. Das Schulhaus war in der 9., das Hirtenhaus in der 11. Klasse. Dieses stand zwischen Pfarrhaus und (heutiger) Schule. Das Backhaus stand dicht am Schulhaus und wurde 1839 an den „Brunnenweg" gesetzt. Laut Namenstein war es 1752 erbaut, als die privaten Backöfen des Holzmangels wegen verboten wurden. Die Inschrift "HP MM BGM GH" ist jedoch aus dem Jahre 1839 und wurde leider beim Umbau 1955 zerschlagen, HP MM ist Maurermeister und Gastwirt Joh. Heinrich Petri aus Haus 25, „Petris", der von 1801—1866 lebte, BGM GH ist wohl der BürGerMeister GölzHäuser, der damals amtierte. Heute hat das Backhaus nur noch sechs Benutzer. Alle ändern liefern ihr Backgut zum Bäcker und beziehen von diesem ihr täglich Brot.
In etwa hat man schon nach 1800 die Enge des Dorfes aufgelockert. Haus 12, Gerhards, stand bei Gölzhäusers Haus 28, die Schmiede, stand vor Wiebers. Adam Huhn, Haus 28 und Henrich Petri, Haus 25, hatten Bier- und Branntweinausschank und „Herbergierung". — Das sind die wichtigsten Züge aus dem Dorfbild, wie es uns sich um 1830/40 darbietet,
Münzen, Maße, Gewichte
Ein buntes Gewimmel von Sorten, Währungen und Maßen aller Art, ein Spiegelbild unserer Kleinstaaterei, wie sie sich aus der Fürstenherrlichkeit entwickelt hatte. Erst die Reichseinigung 1871 machte mit diesem Wust ein Ende. Das Geld. Im Norden galt der Thaler, im Süden der Gulden. Beide wurden gegeneinander aufgerechnet. Der Gulden (fl.) hieß auch Florentiner. In England heißt heute noch das Zwei-Schilling-Stück „Florin", Es gab Reichs-, Krön-, Konventions-, Laubund Berliner, Brabanter, schlesische, große und kleine Thaler, mit Werten, zwischen 2,88 Mark und 5,60 Mark schwankend. 1660 hatte ein Thaler 45 Albus (Weißpfennig) ein Albus zu 12 Heller. 10 Albus war ein Kopfstück, 2 Albus ein Batzen. Später galt der Reichsthaler 30 Silbergroschen oder 90 Kreuzer oder 1,5 Gulden. Der Gulden war 2/s Thaler. Die mittelalterliche Marburger Währung fußte auf Pfund und Schilling, l Pfd. war 10 Schilling, l Schilling war 12 Pfennig, (d), ein d war 2 Heller. Das Deutsch-Ordens-Pfund hatte 20 Schilling, und der Schilling nur 6 Pfennig (nach Küch).
Unsere „Vorbeschreibung" gibt ganz andere Sorten und Untersorten. Es gab „schweres" und „leichtes" Geld. Das schwere war die niederhessische (Kasseler) Währung, das leichte die Frankfurter Währung auf dem 24-Guldenfuß. Ein Gulden war 60 Kreuzer oder 17 Albus und 9Vs Heller niederhessischer Währung. — Ein Kreuzer war 4 Pfennig oder 35/9 Heller niederhessische Währung. 4 Kreuzer waren ein Batzen. Wir müssen die Kaufleute bewundern, die mit solchen Umrechnungen fertig wurden, — die Schulkinder werden versagt haben. Es wäre müßig, diesen Häcksel in unsere heutige Währung umrechnen zu wollen.
Die Maße für Längen, Flächen, Getreide und Holz.
Die Maße waren in den einzelnen Gegenden und Städten verschieden. Doch finden wir im „Amtsblatt der Königlichen Regierung zu Cassel" im März und Juli 1870 genaue Angaben und Verhältniszahlen für die Umrechnung der alten in die für den Norddeutschen Bund festgestellten neuen Maße. Da werden an kurhessischen Maßen angeführt 9 Längenmaße, 9 Körpermaße für Flüssiges und 30 für feste Körper (Getreide und dergl.) Dann an preußischen alten Maßen, je 9 für die Länge, die Fläche, das Getreide und Holz.
Der kurhessische Normalfuß war (seit 1820) 28,77 cm, der Fuldaer 28,30 cm, der frankfurtische 28,46, der darmstädtische 25,00, der preußische (rheinische) 31,39 cm.
Die Elle war oft 2 Fuß, manche Elle war ein eigenes Maß, etwa 55 ctn. In Kurhessen waren 14 Fuß eine Ruthe, 3,99 m, in Darmstadt 10 Fuß eine Ruthe, 2,50 m, in Fulda 12 Fuß eine Ruthe, 3,39 m.
Die Marburger Maße werden im Amtsblatt nicht genannt, Die dortige Elle ist am Rathaus als Eisenstab angebracht. Sie hat 2 Fuß von je 28,6 cm. 20 Fuß waren eine Marburger Ruthe, die an der Marienkirche in Stein gehauen ist, sie war 5,72 m.
Die Flächen. Der Kasseler Acker zu 150 Qu.-Rth. war 23,86 Ar, dieses Maß ist in diesem Buche immer zugrunde gelegt. Der preußische (rheinische) Morgen hatte 180 Qu.-Rth. oder 25,53 Ar. Die örtlichen Feldmaße, die das Amtsblatt nicht nennt, waren der Amöneburger Kirchenmorgen, der !5/s Kasseler Acker groß war, demnach 38,76 Ar, ein Maß, mit dem hin und wieder alte Landwirte in den kurmainzischen Dörfern heute noch rechnen (das „Viertel" rund 9,7 Ar). Das Großseelheimer Kataster von 1768 gibt einen „Waldmorgen" von einer 18 schuhigen Ruthe an, was ungefähr dem Amöneburger Morgen entspricht. Seitenlang führt das Amtsblatt alle möglichen Maßsorten auf. Die Flächenmaße teilte man nicht dezimal ein, sondern in Viertel, Achtel und Sechzehntel.
Flüssigkeitsmaße. Das Kasseler Ohm, 320 Schoppen, war 1,75 hl, eingeteilt in Viertel, Eimer, Maß und Schoppen. Dieser war 0,55 Liter. Das Marburger Ohm war 1,48 hl, eingeteilt in Maß, Schoppen und Kännchen, dieses zu 0,116 Liter. Getreidemaße. Ein Marburger Malter, 4,02 hl, hatte 4 Mött. Ein Mött, 1,00 hl, hatte 4 Mesten. Eine Meste 25 l, 16 Mäßchen. Das in unsern Dörfern auch gültige Wettersche Maß war um ein Geringes größer, ein Malter 4,14 hl. In Kassel galt der kurhessische Scheffel zu 80 1. Das Getreide wurde nach diesen Hohlmaßen, nicht nach Gewicht gemessen. Rechnet man um, so ist ein Mött Hafer 100 Pfd., Kartoffeln 130, Gerste 140, Roggen 150, Weizen 160, Erbsen 170 und große Bohnen 180 Pfd.
Die Holzmaße. In Kurhessen hatte man ein Klafter zu 150 Kubikfuß (3,57 cbm) und ein Klafter zu 144 Kubikfuß (3,43 cbm). Spricht man heute noch von Klaftern, dann nimmt man rund 4 cbm an. (Das cbm als Raummeter gedacht.)
Dorfpläne von 1807
Der Dorfplan (Bauerbach 1807 — Ginseidorf um 1810)
Hierzu Abb. 14 u. 17
In beiden Orten ist zwar der Dorfanger noch erkennbar, aber seinem Zwecke schon zum Teil entfremdet. Man hat in Bauerbach das Hirtenhaus und in Ginseldorf Schule und Schäferhaus darauf gesetzt. Beide Male liegt der freie Platz ziemlich am Ortsrand, in Bauerbach im Norden, in Ginseldorf im Osten. Der stufenweise Aufbau ist am Bauerbacher Plan noch gut abzulesen. Die beiden große Höfe des Kaspar Weber sind offenbar der alte, ursprüngliche Haupthof neben der Kirche, die ändern, umliegenden, sind Absplisse desselben und ursprünglich wohl Sitze der Dienstmannen. Alle zusammen bilden mit der Kirche deutlich die bekannte Schildform. Kirche und Rittersitz waren wohl schon auf dem Hügel, als das Dörfchen noch im Tale lag. Die Ordenshöfe liegen in einer Reihe am Westrande und die Nonnhäuser Höfe am Nordrande. Daß man bei dem Zusammenzug das Loh, den freien Dorfplatz, unbebaut liegen ließ, ist Absicht, kein Zufall, Die dicke Dorflinde weist auf die Bedeutung des Platzes hin.
Die beiden ausgegangenen Höfe, Hohmanns und Kilbers (Carle Frantz Herbener) sind noch vorhanden, Die Hausnummern, seit etwa 1770 bekannt, haben sich zum Teil verschoben. Für abgerissene Häuser sind Neubauten entstanden (No. 6 und 23).
No. 12 und 28 sind an einen neuen Platz versetzt. Später auch No. 31, das ersichtlich aus altem Gebälk gebaut wurde. Die Nummerung endet mit der alten Schule, No. 29. In Ginseldorf ist die bauliche Entwicklung längst nicht so klar zu ersehen, die Ordenshöfe sind regellos verstreut. Auch um die Kirche ist keine klare Gruppierung der Höfe. Eher schon um „Blocke" No. 1, um das abgesplissene, kleinere Höfe liegen, No. 2, 3, 4, 5, 8.
150 Jahre danach
Es war eine große Verbesserung im Straßenbild Bauerbachs, als 1958, nachdem der Kreis die bisherige Dorfstraße, Bühl und Lohweg, als Kreisstraße übernahm und die bisherige Kreisstraße, Untergasse und Lohgasse, zur Dorfstraße wurde. Jetzt erhielt die Straße eine harte, geteerte Decke und die vielen Pfützen und Schlaglöcher verschwanden. Die Querstraße vor der Kirche erhielt sogar eine teure (13000 DM) Mac-Adam-Decke und Kanalisation. Der 1928 zur Straße ausgebaute Arzbachweg (nach Schröck) wird jetzt (1961) mit einer staubfreien Decke belegt und verbreitert. Die Feuerwehr erhielt eine Motorspitze (1958).
Wasserleitung
1929 baute die Firma Herzog, Marburg, das Wasserwerk am Wäldchen, das damals noch nicht gerodet war. Diese versagte mehr und mehr, bis man 1953/54 das Wasser am Forsthaus holte, das seine eigene Leitung vom Saustallsbörnchen her hatte. Dann wurde ein ergiebiges Vorkommen im Stocksgrund erbohrt, das auch in dem Afrikasommer 1959 nicht versagte. Von dort befördert ein Pumpwerk das Wasser in das Sammelbecken an der Steinrücke. Ein neuer, größerer Hochbehälter am Lahnberg steht noch zur Planung.
Der Bauer und sein Hof 1835/37
|
Der Bauer und sein Hof im Jahre 1837 A) In Bauerbach nach der Hof größe | ||||
|
Dorfplan Abb. 14 |
Der Hof | |||
|
Haus No. Hofname |
Größe in ha |
davon Erbland in ha | ||
|
1. Johannes Braun und (vorher Kaspar Weber) Maria Elisabeth geb. Weber Der Hof bestand aus Arzbach-Anteil, 3/14. und Pfarr-Lehngut |
No. 22/23 „Kurts" |
S |
40,2 |
4,4 |
|
2. Anton Nau und (vorher Johannes Seh?) Anna Maria geb. Hofmann Bestand: Deutsches Ordensgut in Erbleihe, Deutsches Ordensgut in Landsiedelleihe Deutscher Ordens-Pachthof in Landsiedelleihe |
No. 7 „Hofmanns" |
A S |
29,4 |
3,3 |
|
3. Peter Schüler und vorher Johannes Seh? Elisabeth geb. Riehl Bestand: Arzbach-Anteil 3/14 und Pachthof in Landsiedelleihe |
No. 14 „Schülers" |
A S |
26,2 |
1,6 |
|
4. Johannes Biecker. vorh. C. F. Herbener, seit 1847 Andreas Biecker Bestand: Arzbach-Anteil 1/7 Erbleihegut, Kilbershof gen. |
No. 20 ,, Kilbers" |
A S |
18,6 |
0,08 |
|
5. Peter Staubitz, seit 1842 Heinr. Bodenbenner Bestand: Deutscher Ordens-Pachthof. Landsiedelleihe |
No. 3 „Stauze" |
A S |
18,3 |
2,1 |
|
6. Johannes Hoffmann, vorher Joh. Herbener Bestand: Arzbach-Anteil 1/7 Erbland |
No. 24 „Herbeners" |
A |
17,2 |
8,2 |
|
A = lieferte den „Aschhafer" in Pfarrhaus S — waren zu Spanndiensten verpflichtet | ||||
|
7. Johannes Petri, vorher Konrad Petri Bestand: ein halber Deutscher Oi'dens-Pachthof |
No, 5 A 15, n „Orems" S Adams? |
1.1 |
|
«. Kaspar Petri und Elisabeth geb. Nau Bestand: Arzbach-Anteil 1/14 Stiftsgut in Erbleihe |
No. 26 S 15,2 „Meuers" |
0,9 |
|
!). Ludwig Gölzhäuser, BürgermeistcT, und Anna Maria geb. Kraus Bestand: Arzbach-Anteil 1/14 ein Viertel Pachthof |
No. 1.0, is.i heute No. 11. A S |
3,f) |
|
10. Joh. Adam Staubitz, (vorher Joh. Kissel) Anna Gertrud geb. Kissel Bestand: ein halber Pachthof in Landsiedelleihe |
No. 9 14,6 „Kissils" S |
2,0 |
|
11, Peter Kissel (ab 1842 Konrad Schick) Bestand: Arzbach-Anteil 1/14 ein Erbleihegut |
No. 21 14.4 „Schicks" |
O.OR |
|
12. Heinrich Schmidt, (vorher Peter Kraus) Marianne geb. Weber, (ab 1857 Pet. Schreiner) Bestand: Arzbach-Anteil 1/14 |
No. 16 10,6 „Krause" |
6,1 |
|
13. Joseph Damm, vorher Johannes Damm Bestand: nur Erbland |
No. 15 8,8 „Damms" |
8,8 |
|
14, Peter Joseph Martel, vorher Johs. Hof mann ab 1851 Heinr. Weitzel Bestand: ein Viertel Deutscher Ordens-Pachthof |
No. 4 7,6 „Martels" S |
0,3 |
|
ab hier: nur Erbland |
||
|
15. George Petri, Wagner, und Maria Katharina Krähling Bestand: Nur Erbland |
No. 10 A 7,0 „Schmidts Joh." |
|
|
16. George Baumgarten und Marianne geb. Herbener Bestand: Nur Erbland |
No. 2 7,2 „Schmieds" |
|
|
17, Adam Huhn, Gastwirt und Katharina geb. Gölzhäuser Bestand: Nur Erbland |
No. 28 3,7 |
|
|
18. Joh. Peters Nau's Erben Bestand: Nur Erbland |
No. 13 3,04 „Schusters" |
|
|
19. Henrich Baumgarten, Wirt, vorher G. Wieber Elisabeth geb. Schröder Bestand: Nur Erbland |
No. 27 2,6 ..Wiebers" |
|
|
20. George Hoffmann und Elisabeth geb. Nargang Bestand: Nur Erbland |
No. 19 1,9 „Schneiders" |
|
|
2l. Johannes Preis und Juliane geb. Mink, nur Erbland |
No. 1 1.2 „Preise" |
|
|
22. Konrad Herbener und (vorn. Joseph Weitzel) Elisabeth geb. Garthe, nur Erbland |
No. 17 1,0 „Beizers" |
|
|
23. George Dörr und (vorn. Heinrich Petri) Marianne geb. Petri, nur Erbland Der Pfarrei Großseelheim zehntbar. |
No, 19': 0.6 |
|
|
24. Joh, Henrich Petri und Maria Elisabeth geb. Schmidt. Erbland |
No. 25 0.55 „Petris" |
|
|
25. Henrich Haar und (ab 1846 Heinr. Huhn) Elisabeth geb. Kissel, Erbland |
No. 30, 0.35 heute 33 „Haars" |
|
|
26. Henrich Weitzel, vorher Georg Weitzel |
No. 12 0.33 abgebrochen |
|
|
27. Georg Adam Hohmann und Elisabeth geb. Stey (an No. 7. Anton Nau) |
No. 8 0.24 |
|
|
28. Henrich Herbener und Elisabeth geb. Schüler |
No. 33, 0.20 (alte No.) |
|
|
29. Heinrich Gerhard und Anna Martha geb. Martel |
No. 12 0.13 |
|
:;o. Heinrich Marcks und George MOOR |
No. 31, Marckse |
|
ni. George Moog und Thercse |
No. 31, Marcksc |
|
32. Ludwig Geizhäuser |
No. 6 abgebrochen |
|
M. Konrad Kissel und Margarethe geb. WHtzel |
No. 38 |
|
34. Hcnrich Hoffmann und Mär. Elis. Petri |
No. 39 |
Die Wohnverhältnisse kann man nicht als gesund bezeichnen. Ein Wohnhaus hatte im Durchschnitt mehr als sieben Bewohner. Acht Häuser hatten mehr als eine Familie, dabei waren die meisten Häuser kleiner als heutzutage. Eine Familie bestand durchschnittlich aus 6 Personen. 1956 kamen auf jedes Haus — trotz der aufgenommenen Heimatvertriebenen — nur 5,8 Bewohner.
|
B) In Ginseldorf. 1835. Dorfplan Abb. 17 | ||||
|
Haus No. Hofname Nebengewerbe: |
Der Hof Größe davon in ha Erbland |
v ti v 'S 1 i§ ä -S M & o | ||
|
1. Konrad Bauerbach u. Anna Katharina Fach hatte das Nonnhäuser Gut, 16,06 ha |
10 u. 22 ..Schweitzers" |
A |
28,06 11,74 |
1 4 3 |
|
2. Johannes Nau und (1851 P. Feußner u. K. Nau) Katharina geb. Eucker Bestand: ein halber Deutscher Ordenshof das Fleischhauergütchen, 3,3 ha |
1 ..Blocke" |
A |
26.23 3,29 |
225 |
|
3. Johannes Eucker und Elisabeth geb. Eucker. Bestand: 1/2 Deutscher Ordenshof |
12 „Bauern" |
A |
2ö,6() 4,RS |
324 |
|
4. Konrad Fach, Bürgermeister, und Elisabeth Nau Bestand: ein ganzer Deutscher Ordenshof |
23 ..Matthos" |
A |
21,30 1,16 |
224 |
|
5. Konrad Schmidt u. Anna Elisabeth Petri Bestand ein ganzer Deutscher Ordenshof 1862 Henr. Schick u. Karol. Schmidt |
24 ..Treern" |
A |
20,28 1,G8 |
— 4 4 |
|
6. Kaspar Eucker, 1878 Hieronymus Eucker Bestand: ein ganzer Deutscher Ordenshof |
30 „Renners" |
A |
17,15 9,R4 |
225 |
|
7. Andreas Kraus Bestand: Ein ganzer Deutscher Ordenshof das Bachgütchen 6,77 ha. |
20 „Hartmanns" |
A |
13,30 6,86 |
— 2 3 |
|
8. Peter Kraus, Adams Sohn, u. Marianne Preiß Pfarrgut der Pfarrei Bauerbach 1,14 ha |
28 „Strawe" |
13,29 1,06 |
— 2 4 | |
|
9. Peter Kraus, Andreas Sohn, u. Katharina Preiß Erbleihe v. d. Pfarrei Bauerbach |
29 „Jürges" |
12,05 0,32 |
— 2 3 | |
|
10. Josef Kissel 1873 Jos. Herbig und Franziska Kissel |
31 „Heers" |
9,90 ab hier: nur |
— 2 3 | |
|
11. Peter Nau u. Elisabeth Grunewald |
21 „Facks" |
g 7R Erbland |
— 2 3 | |
|
12. Christoph Gnau und Katharina Fach |
2fi „Lang Kaspers |
.. |
5.03 |
— 2 3 |
|
13. Konrad Eucker und Marianne Schick 1852 Friedr. Zinser. — 1855 Johs. Schratz |
H „Schratze" |
5,40 |
— 2 3 | |
|
14. Konrad Rhiel und Anna Elisabeth Ruhl 1857 Heinrich Riehl |
18 „Riehls" |
5,26 |
__ __ 4 | |
|
13. Johannes Lecher (auch Loecher) und Elisabeth Ruhl. 1858: Johs. Riehl und Kathr. Lecher |
32, „Lechers" Leinweber |
4.93 |
-------- 3 | |
|
IG. Peter Fach. — 1841 Johannes Nebel |
16, „Nebels" Schneider |
4, (U |
__ 21 | |
|
17. Kaspar Kissel. — 1858 Johannes Hofmann und Theresia Kissel |
3, „Steys" Schmied |
4.35 |
_„ __ 3 | |
|
18, Henrich Hopp. 1857 Johannes Paul und Katharina Hopp |
7 „Hebs" |
3,44 |
__ __ 2 | |
|
19. Kaspar Bromm und Anna Martha Nau |
25 „Bromms" Leinweber |
3.08 |
_ „ 2 | |
|
20, Johannes Nebel. Johannes Schüßler *) u. Anna Elisabeth Stuhl |
15 „Eachhäuser *) Schreiner |
2,91 |
------- 2 |
|
21. Johannes Rieth u. Mär. Margar. Ruhl |
f> „Liebigs" Wirt |
2,78 |
__ __ 2 |
|
22, Johannes Fischer u. Gertrud Kissel |
2 ..Fischers" Leinweber |
2,00 |
------- 2 |
|
23. Peter Pfeiffer u. Elisabeth Kraus seit 1847 Johs. Schratz u. An. El. Pfeiffer seit 1855 Johs. Rieth, Wirt |
6 abgerissen, Leinweber |
1,97 |
__ ........ 2 |
|
24. Heinrich Kissel u. Elisabeth Eucker 1875 Karl Kissel u. Kath. Bromm |
13 „Marthe" Leinweber |
1,30 |
------- 2 |
|
25. Johannes Steinhausen |
4 „Sprengers" Leinweber |
0,83 |
_ __ . 2 |
|
26. Heinrich Hopp u. Elisab. Laperdon 1849 Ludw. Ottmüller u. Kath. Schick |
4V; „Pfeiffers" |
0,66 |
------------ |
|
27. Franz Wieber, Lehrer 1873 Karl Kraus u. Maria Fischer |
14 „George" |
0,35 |
------------ |
|
28, Johannes Gerhard u. Elis. Rieth |
19 „Eickerts" Schneider |
0,21 |
------------ |
|
29. Heinr. Jos. Kissling u. Elis. Rieth |
17 |
0,20 |
________ |
|
30. Johannes Stuhl u. Elis. Kissel 1852 Peter Schmidt, Lehrer |
12'/s „Stuhls" |
0,13 |
------------ |
|
31. Paul Kissel, 1848 Joh. Jos. Fischer 1859 Andreas Nau |
9 |
-,- |
------------ |
|
Summa 10 32 74 |
Die Pferdehaltung war klein, Zucht wurde kaum betrieben. Die Fohlen sind anscheinend nicht gezählt, denn die Zählung von 1859 gibt 16 Pferde an. Die 14 größeren Bauern hielten jeder je nach Hofgröße 8—36 Schafe, im ganzen 344 Stück. Von Bauerbach gibt die Steuerliste die Viehzahl nicht an. Schweine, Kälber und Rinder sind auch hier in Ginseldorf nicht gezählt. Auch die Zahl der Milchkühe (74) ist gegen heute (114) gering.
Einige Einblicke in die Zustände zwischen 1780—1840 gibt uns das Währschafts-buch von Bauerbach. Die Folgekriege der französischen Revolution, Joh. Peter Hebel, ein Zeitgenosse derselben, nannte sie nur „den langen Krieg", brachten Not und Schulden. Schon vorher, seit 1790, hat man Arzbach-Anteile verpfändet, Häuser und Grundstücke beliehen, was nach 1800 sich häufte. Zweifellos eine Folge der Verschuldung durch endlose Kriege und die seit 1832 folgende „Ablösung". Gläubiger waren Jeremias und Matheus Hermann in Marburg, die Großseelheimer Kirchenkasse, die katholische Kirchenkasse in Marburg, der Gerbermeister Johs. Lotz, der Jude Moses Bergenthal in Bürgein, der Amtsaktuar Bauer in Amöneburg, der Hofapotheker Lück in Marburg, der Amtsverweser Taßius in Schweinsberg, der Bäckermeister Seip in Marburg und andere Geldgeber.
Der Untergang der Hofes Hohmann läßt sich seit 1750 verfolgen, als man vom Hospital St. Elisabeth, das 1815 Universitäts-Kranken-Institut heißt, ein Darlehen aufnimmt. In den Jahren 1806/08 werden weitere 900 fl. geliehen, 1822 wird das Haus verpfändet und geht 1837 endgültig verloren. Auf gleiche Weise geht 1816/21 der Kilbers Hof (Haus 20) an Bieker über. Bieker heiratet 1846 in Schülers ein. Auch die Gemeinde hat Kriegsschulden und leiht sich 1812 in Marburg 800 fl., die aber schon 1817 gelöscht werden können. 1814 bestand schon eine Feuerversicherung. Joh. Peter Kissel hat sein Haus No. 21 (Schick) mit 280 Rthlr. versichert. 1818 verpfändet Joh. Henrich Marx sein neues Wohnhaus (No. 31) für 200 fl, Johs. Biecker kauft 1816 ein herrschaftliches Lehnsgut (unbekannter Größe) für 2900 fl., wohl den im Dorfplan 1807 genannten Hof von Carle Franz Herbener, No. 20. (Kilbers).
Die Vorbeschreibung von Ginseldorf. 1835
Sie ist zwei Jahre früher ausgestellt als dio Bauerbacher. Die Anlage des ganzen ist bei beiden Orten völlig gleich. Den Ortsnamen leitet man ab von den Ginstern am Lahnberg oder von den Gänsen an der Ohm, Private Brunnen waren am Haus l, Johannes Nau; Haus 12, Johannes Euker und Haus 30, Kaspar Euker. Man ließ in der Hainmühle oder in Bürgein und Cölbe mahlen. Die Bauerbacher gingen zur Hainmühle, nach Anzefahr und Schönbach. Ein „Mühlenbann" bestand nicht, d. h. man war nicht an eine bestimmte Mühle gebunden. Die Gemeinde hatte an Eichen- und Buchenhochwald 59,00 ha. Demnach sind im Laufe der letzten 120 Jahre rund 10 ha gerodet.
Die Einwohner: Die Zahlen in (..) gelten für Bauerbach. Ginseldorf hatte 1835 87 (101) Erwachsene, 125 (119) Jugendliche, 20 (28) Knechte und Mägde, und 2 (2) Lehrlinge. Im ganzen 234 (250) Einwohner in 40 (42) Familien. Das Dorf hatte 20 (23) Ackerbauer, 9 (5) Weber, 7 (5) Maurer, 2 (-) Weißbinder, 2 (-) Schreiner, 2 (5) Schneider, 2 (4) Tagelöhner, l (2) Wagner, l (3) Schmied(e), l (2) Schäfer, l (2) Wirt(e) und keinen (1) Schuhmacher. Es waren 39 (36) Häuser im Dorf.
Von der Pfarrei Bauerbach hatten zwei Höfe zusammen 23,30 ha in Erbleihe: Peter Kraus, Adams Sohn, Haus 28 und Peter Kraus, Andreas Sohn, Haus 29. Sechs Bauern hatten fünf Landsiedelhöfe des Deutschen Ordens. An die Elisabethkirche zinsten zwei Höfe: Johannes Euker, Haus 12, mit 86 Ar Wiese und Andreas Kraus, Haus 20, mit dem Bachgütchen. Der Feldschütz war gleichzeitig Forstläufer. 1843 war der Forstläufer Balthasar Hahn, in Haus 40 wohnhaft. 27 Nachbarn hatten die Nutzung am Gemeindewald. Der Einwartsanteil betrug jährlich rund 6 rm. 1833 hatte man für 116 Rthlr. Bauholz versteigert, 13 Besitzerfamilien hatten keinen Waldanteil. Erst nach 1835 ist der Wald in Privatbesitz überführt, denn heute ist er Bauernwald. Im Lahnberg durften die Leute zweimal wöchentlich Leseholz sammeln und Laubstreu holen, doch war das keine „Gerechtsame", sondern eine Vergünstigung. Schönbach hatte die Mithude aufm Gebrannten. Dafür durfte Ginseldorf die Schafe im Virngrund am Brunnen tränken, was aber von Schönbach betritten wurde. Die Bauerbacher Arzbachbesitzer hatten das Huterecht bis zum Schönbacher Strauch.
Die Ohmfischerei hatte Henrich Kissel, Leinweber, Haus 13, gepachtet. Der Wirt Johannes Rieth hatte den Bier- und Branntweinausschank.
An Einzugsgeld zahlte ein Mann 10 Thaler, eine Frau die Hälfte. Die Beisitzer zahlten jährlich 45 Kreuzer. Wer keine Einwartsgerechtigkeit (Waldanteil) hatte, konnte kein Ortsbürger werden. Die Katasterfläche betrug 300,14 ha. Die (vom Verfasser errechnete) prozentuale Verteilung der Bodenfläche: 59°/o Ackerland, 16,3% Wiesen und Gärten, 2,2°/o Hüten und Triescher, 19,3% Waldungen, 3,2% Wege und Hofflächen. Der Wert eines Hauses I, Klasse wurde mit 500 Thlr. angegeben, doch stellte der Steuerrevisor fest, daß Häuser der niedrigen Klassen höher als 300 Thlr. verkauft wurden, so das Haus des Lehrers (nicht die Schule!) zu 510 Gulden (ca, 340 Thlr.) Das Backhaus hatte oben eine kleine Stube, die vermietet wurde. Waren Scheune und Haus unter einem Dach (sogen. „Wohnstallhaus"), betrug der Grundzins 2 Mesten Korn, sonst vier Mesten. Für jedes weitere Nebengebäude 2 weitere Mesten. Die Scheune nannte der städtische Schreiber „Fouragebau"! Die Flur war womöglich noch mehr zersplittert als die Bauerbacher, obschon etwas kleiner, hatte sie doch 1040 Parzellen, die im Durchschnitt nur 25 Ar groß waren. Die Bodengüte des Ackerlandes war sehr vorsichtig geschätzt. Zu den drei besten Klassen gehörten nur 18%, zu den fünf minderen dagegen 82%.
Der Ginseldorfer Zehnte war geviertelt. Der Deutsche Ordenszehnte lag auf 9,1% des zehntbaren Landes, der Rottzehnte auf 17,1%. Beide fielen an den Staat. Der Stifts- oder Fabrikzehnte, auf 58,9% des Landes liegend, fiel zur Hälfte an.
Amöneburg und die Gemeinde selbst. Unter Kirchenfabrik verstand man die Kir-chenbaukasse. Der Hinterfeldzehnte (5,8°/o) fiel an die Grundbesitzer. Zehntfrei waren 17 ha (9,1%), was ganz auffallend wiederum eine mittlere Hofgröße ist, ebenso wie Bauerbach. Hier in Ginseldorf mag es der Rest des ehemaligen „Rudolphs-gutes" sein. 1738 hatte der Marburger Archivar Georg Engelhard Speyermann einen Ginseldorfer Zehnten gekauft. Auch diese Vorbeschreibung ergeht sich des langen und breiten über alle Abgaben und Dienste, sowie seitenlang über die Grenzbeschreibung, mit Angabe vieler Flurnamen, die wir in dem betreffenden Abschnitt wiederfinden. Ins Einzelne gehende Angaben bringen die beigegebenen Listen „Der Bauer und sein Hof". Ginseldorf gab sogar die Nebengewerbe der kleineren Höfe und die Stückzahl des Viehes an, was bei Bauerbach fehlt.
Weit mehr noch als heute war damals die Landwirtschaft die Grundlage des Wirtschaftslebens, da eine ausgebaute Industrie noch völlig fehlte. Die Kasseler Regierung gab sich daher Mühe, den Bauern zu schulen und seine Erzeugnisse zu mehren. Der Marburger Professor Wenderoth gab seit 1823 monatlich die „Landwirtschaftliche Zeitung für Kurhessen" heraus, die bei Gebr. Hampe in Kassel gedruckt wurde. Preise, Belehrungen, Versuche, Forschungen, Ratschläge, biologische Beschreibungen, Warnungen vor Unfällen, Vorschriften, neue Erfindungen usw. füllen die Seiten der Zeitschrift. Doch wer mag sie gelesen haben?
Baukosten
Man kann zwar den Wert eines Hauses, den die Kataster von 1835/37 angeben, nicht genau mit den Baukosten gleichsetzen, es gibt aber doch ein Bild von damaligen Preisen. Ein Haus 1. Klasse galt 650 fl, eins 2. Kl. 500 fl. (Etwa 1300—1700 Mark). Um 1890 baute man ein zweistöckiges Fachwerkhaus für 4000 Mark. 1912 kostete ein Einfamilienhaus heutigen Typs etwas mehr, bis zu 5000 Mark. Dasselbe Geld mußte man damals für ein Auto anlegen! Nach dem Kriege hatte alles lange still gelegen, Inflation, Währungsreform und hoher Zinsfuß machten Kaufen und Bauen fast unmöglich. Erst 1927 begann man wieder zu bauen. Alois Baumgarten baute als erster. Mehrere Jahre kam ein Haus bis zu 10000 Mark und darüber. Die ersten Autos kamen in die Dörfer, Bauerbach erstellte sein Kriegerdenkmal und zwei Jahr später die Wasserleitung, als das Geld wieder flüssig wurde. Die große Weltwirtschaftskrise von 1930/32 senkte die Kosten eines Neubaues auf 7000—8000 Mark, Als man nach diesem Kriege um 1950 wieder zu bauen begann, kostete ein Haus schon 20000 Mark, wenige Jahre später 32000 Mark und kletterte dann seit etwa 1959 auf 40000—50000 Mark, und steigen durch Lohnforderungen, deren Ende nicht abzusehen ist, immer weiter. In der Stadt lagen die Preise wesentlich höher. Als Marburg 1910 am Ortenberg 27 ha Baugelände kaufen wollte — der Kauf zerschlug sich — wäre l qm auf etwa 8,— Mark gekommen und ein Eigenheim mit 10 Ar Baugrund auf rund 31 000 Mark.
Fachwerk und Bauernhof. Kratzputz
|
Fachwerkhäuser und Bauernhöfe. Hierzu Abb. 22 u. 23 | |
|
Unsere Straßen klingen von Stimmen alter und neuer Zeit. Edle Kirchen und Häuser singen schönstes Lied der Vergangenheit. |
ober Firste und Erker traulich im Winkel geschmiegt noch ein letztes Glänzen verblaßter Tage sich wiegt. |
|
(Karl Bröger) | |
So
![]() |
Heute wird nur noch selten in Fachwerk gebaut. An alten Scheunenwänden, die schadhaft geworden sind, kann man die frühere Technik des Fachwerkbaues beobachten, wie man die Gefache mit Staken und Ruten füllte und diese mit Lehm, der mit Stroh oder Rindshaaren gemischt war, beworfen hat. Mitunter sind auch Lehm-ziegel als Füllung benutzt. Das Alter des Hauses ist in etwa am Fachwerk abzulesen. Die ältesten Bauten, vor 1700 (ältere als 1650 dürften kaum vorkommen), sind eingeschossig, das heißt, die Ständer gehen durch beide Stockwerke hindurch. So in Bauerbach bei Ställen und Scheunen, Gölzhäuser, Hofmanns, und bei Beizers Hause. In Ginseldorf sind noch eingeschossig, Nr, 3, Steys — 18, Rhiels — 22, Elsewitts und 2, Fischers, das wohl, ehe es abgerissen wurde, das älteste Haus des Dorfes war. Bei diesen alten Bauten, auch schon später sehen wir die Eckständer mit dem „Hirnholz" auf dem Steinsockel stehen, später stehen sie auf der Grundschwelle. Diese besteht häufig (Hofmanns Scheune) aus „Urholz", einem krummen Stamm, der sich nicht als Ständer oder Riegel verzimmern ließ. Die Eckstreben laufen bis um 1810/20 zur Ecke hin, später laufen sie ins Balkenfeld.
Nach 1700 baute man zweigeschossig. Der Oberstock wird aufgestockt, er ragt mit den Balkenköpfen und der Fußschwelle über das Obergeschoß hinaus. Dieses ist vorgekragt. Leider legt man keinen Wert darauf, die Balkenköpfe und die dazwischen liegenden Schalbretter farbig herauszuheben. Diese Häuser sind die schönsten des Dorfbildes. In Bauerbach sind es die Nr. 2, Schmieds — 3, Orems — 7, Hofmanns — 13, Schusters — 15, Damms —22, Kurts — 24, Harbeners — 25 Petris. Imitationen dieses Stils um 1900 sind weniger geglückt: so an Haus 16, 51, 56. Noch schöner ist das Fachwerk in Ginseldorf sowohl an Häusern als auch an Scheunen. So Nr. l, Blocks — 10, Schweitzers — 23, Mathes — 31, Heers, und andere. Das Fachwerkhaus hat eine deutliche Drei- oder Zweiteilung. Der „Hessemann" entsteht, wenn die Fußstreben und die Kopfstreben (Kopfbänder) verlängert sind. Diese Figur, meistens auch an den Ecken angebracht, teilt die Längswand ein in Stube, Ehrn und Stallung. Zweigeteilte Häuser haben nur Stube und Ehrn. Es gibt auch vierzonige (Ginseldorf, Blocke) und fünfzonige Häuser. (Abb. 22 u. 23)
![]() |
Nach 1820, zur Biedermeierzeit baut man einfacher. Ober- und Untergeschoß sind bündig aufgesetzt, ohne Vorkragung, die verzierten Balkeriköpfe und Füllhölzer fallen fort. Jetzt wird im Laufe des Jahrhunderts das Fachwerk immer unansehnlicher. Die mächtigen Ständer, bisher 30—34, ja bis zu 44cm stark, schrumpfen auf 14—17 cm zusammen. Ja, statt das Fachwerk, wo es nötig erscheint, mit Schindeln zu überkleiden, wird es mit Putz verschmiert, so daß es unter Luftabschluß bald erstickt und vermorscht. Mit dem Ersten Weltkrieg ist der Fachwerkbau so gut wie erloschen. Eine Entartung des Fachwerks war es schon, als man begann, die Gefache mit Backstein, statt mit Staken und Ruten und strohgemischtem Lehm zu füllen. Die dünnen Steinwände, ohne Isolierschicht, ergaben ein kaltes, feuchtes, ungemütliches Haus, während die durch Jahrtausende erprobte Bauweise — wir finden sie schon zur Urnenfelderzeit! -- warm, trocken und gesund war.
Ein sehr häufiges Motiv, das sich in einigen Nachbarorten selten findet, ist das Andreaskreuz über und unter Fenstern und Türen. Es halte eine magische Bedeutung und sollte Unheil und Krankheit, Hexen und Zauber abwehren. Der ländliche Architekt, der diese Fachwerkbauten plante und errichtete, war der oft in der Oberschwelle verewigte Zimmermeister. Leider ist uns aus dem 18. Jahrhundert keiner überliefert, wie wir überhaupt kaum altere Inschriften an unsern Häusern finden. (Die älteste ist wohl die an Damms Flaus und die Jahreszahl 1745 an Schicks Scheune.) Neben dem Namen des Zimmermeisters beschränken sich die Hausinschriften fast ausschließlich auf die Namen der Erbauer, meistens ein Ehepaar. Die traditionellen Sprüche, wie wir sie in Mardorf und seinen Nachbararten finden, fehlen hier. In der Zeit von 1866—1900 hat Lehrer Heinrich Gnau manche Inschrift in schönen Lettern in die Balken geschnitzt, p. B. an Martels Wohnhaus, an Damms und Herbeners Scheune. Gnau war im Schreiner- und Zimmerhandwirk erfahren.
Zimmermeister
1827 Johannes Schneider, Anzefahr, Scheune 14 und in Ginseldorf Blocke Scheune und Haus 4 und 5. Da Johannes und Jörg Schneider aus Anzefahr und Niederklein 1825 Meuers Scheune bauten, werden diese nahe Verwandte gewesen sein. 1840 baut Heinrich Schneider, Niederklein, Haus lOV* und 1892 Joh. Georg Schneider und Sohn Konrad Haus 3. 1879 zimmert Joh. Jos. Nahrgang, Anzefahr, Scheune 15 und 1880 Haus 4. 1881 ist es aus Niederklein Joh. Georg Schmitt, der den Stall Nr. 3 baute. 1842 baut Johannes Müller, Amöneburg, Haus 2l und 1836 die Scheune 22, während Joh. Henrich Müller von 1839—1882 in Mardorf Bauten aufführt. 40 Jahre lang arbeiten hier Moischter Zimmerleute. 1849 Friedrich Wißner, Moischt, Haus 14 und 1892 Haus 18. 1856 Heinrich Wißner, Moischt,. Scheune 3, und in den Folgejahren, 1863—1881, Scheune 5, 16, 22. 1871 baut Heinrich Damm, Schröck, Scheune 24 und 1897 Joseph Damm Scheune 7. 1874 in Ginseldorf Peter Hofmann, Schönbach, Haus 7. Schön gemeißelte Namensteine mit Namen der Erbauer (auch des Maurermeisters) finden sich an den Häusern 4, 14, 22 und 26. Bemerkenswert ist der Namenstein von Kurts, der Rosetten, Sechssterne und Wirbelrad (Sonnenrad) als Zierde trägt sowie in Ginseldorf Haus 1. Der Name des Maurermeisters ist, wie bei dem alten Backhaus, abgekürzt. Bei Martels ist, kaum leserlich, Kissel, Ginseldorf, als Meister genannt. Der Spruch an Damms Flause (Nr. 15) verdient erwähnt zu werden.
„Schmücke Dich, schöne Jugend,
Dan wil ich ein kräntzlein winden,
aus Gottes Haus die schöne Blimlein finden.
Wann der Mensch bedächte, was er war,
und was aus ihm sol werden,
so lebt er frömmer auf erden.
Bleibe fromm und habe Gott im (. . , Sinn?)
dann wird es geschehen.
Ein neuerer Spruch heißt
Schaue vorwärts, nicht zurück,
neuer Mut gibt Lebensglück. oder
Vieles hören, wenig sagen,
seine Not nicht jedem klagen,
sich in Glück und Unglück schicken
sind die größten Meisterstücken.
Was über unser schönes Fachwerk zu sagen ist, haben Prof. Bleibaum und Dr. K. Rumpf in ihren Schriften und Werken niedergelegt. Wir erkennen dabei, was an Schönheil mit dem Ersterben dieser Bauweise zugrunde geht. Was an hessischer Bauernkunst bereits verloren gegangen ist, zeigt uns ein Gang durch die Heimatmuseen.
Kratzputz.
Alte handwerkliche Kunst, nur noch wenig gepllegt und beachtet. Um so höher ist es zu bewerten, wenn noch ein Hof, wie Strawe, Schick, Ginseldorf in Fachwerk bauen und mit Kratzputz verzieren läßt, über die verschiedenen Arten des Kratzputz berichtet uns Rumpf in dem Band „Hessen", Deutsche Volkskunst. Den einfachen Stempelputz finden wir an verschiedenen Scheunen, wie bei Schülers und Hofmanns. Es gibt die Tüpfelmanier, das aufgerauhte Flächenmuster und die Reliefmanier. Die beiden letzteren finden wir im Kreise Marburg, auch in unsern beiden Orten. Hier haben künstlerisch und schöpferisch begabte Handwerker eine wahre Volkskunst entwickelt. Als Künstler fühlte sich auch, mit Recht, Weißbindermeister Joh. Euker, Unterrosphe, der noch als 72j ähriger arbeitete und seine Arbeit mit J. H, E. signierte. Landwirt Kraus, Jürgese wußte eine anschauliche Darstellung von der Arbeit des „Kratzers" zu geben: „Er guckte mal gegen den Himmel, kratzte sich hinnerm Ohr, ,knurwelde' dabei was vor sich hin — un hauts dann mit seinem ,Löffelche' ins Gefach": Blumen und Rankenwerk, Rehböcke, Singvögel, Störche, Jäger mit Gewehr, Frau mit Butterfaß, Reiter mit Pfeifchen und auf altem Kratzputz von 1876 heute erstorbene Muster, sinnbildliche, runenartige Zeichen. Sprüche, Herzen, ganze Blumenkörbe, den Lebensbaum; schier unerschöpflich war die Phantasie des „Kratzers". Euker hat 1902 an Strawe Hof „gekratzt", und 1930 und 1933 an Nebels und Jürgese. Heute setzt sein Enkel in Unterrosphe, Johs. Opper, seine Arbeit fort. Und da Kratzputz auf Kalk nicht teurer ist als einfacher Edelputz („Terra nova") ist nicht einzusehen, warum man auf diesen einzigartigen Schmuck des Fachwerkhauses verzichtet und eine schöne alte Volkskunst kurzerhand zum alten Eisen wirft. Als „Dorf des Kratzputzes" darf Holzhausen am Hünstein, Kr. Biedenkopf, gelten. In Bauerbach findet sich noch Kratzputz an Haus 48, Schulmeisters aus 1900 und an Kisseis aus 1908, dieser von Meister Gerber, Großseelheim. 1939 wußte der Schwiegersohn Gerbers bei der Erneuerung des Anstrichs nicht mehr viel mit dem Kratzputz anzufangen. Kostet er etwa zuviel Zeit und Geld? Welche Folgerung würde das für die Köpfe und Fassaden unserer jungen Mädchen haben? Diese scheuen für ihr Make-up weder Zeit noch Kosten, und doch ist ihr Aufputz nur kurzlebig, während der Kratzputz für Jahrzehnte das Haus schmückt. Der älteste Kratzputz an Blocke Haus von 1867 wird bald 100 Jahre alt und ist noch wohl erhalten.
Unsere schöne Tracht schwindet, Fachwerk wird kaum noch gebaut, für den zierenden Kratzputz hat man keinen Sinn mehr, — alle Eigenart, auf die man stolz sein könnte, legt man ab, eine langweilige Gleichmacherei greift Platz, unsere soliden alten Bauernmöbel findet man nur noch bei reichen Protzen in rheinisch-westfälischen Großstädten, die sie hier massenhaft haben aufkaufen lassen. Eine herrliche, bodenständige Kunst, die von 1700—1850 blühte, ist erstorben. Man will modern sein und sagt abschätzig: „Das ist ja nur altfränkische, hessische Bauern-kunst!" Nur der Heimatbund für Kurhessen und Waldeck nimmt sich alter Schönheit an, sucht sie zu erhalten und zu retten, was noch zu retten ist. Schon 1908 wies das Amtl. Schulblatt auf die Schrift Schultze-Naumburgs hin „Die Entstellung unseres Landes". Die Schule sollte Verständnis für die Pflege heimischer Baukunst und Landschaft wecken. Bis heute, 50 Jahre später, ist kein Erfolg festzustellen.
Fränkische Hofanlage
So verschieden, wie die deutschen Landschaften, so unterschiedlich sind auch deren Haustypen und Hofanlagen. Bestimmend sind hierbei Klima, Gebirge, Ebene, Ackerbau oder Viehzucht, In den kühl-feuchten Viehzuchtgebieten Norddeutschlands und des Alpenvorlandes bergen sich Mensch und Vieh unter einem gemeinsamen Dache. Wir finden hier das Einhaus oder Einheitshaus. Da haben wir in Niedersachsen das Einhaus mit dem riesigen Dache und der ebenso riesigen Tür an der Giebelseite. Die Nordkreise des Bezirks Kassel haben noch dieses Bauernhaus aufzuweisen. Ganz anders ist das süddeutsche Einhaus im Grundriß und in der Gestaltung. Unser fränkisches Gehöft zieht sich quer durch ganz Mitteldeutschland. Es ist ganz auf vorwiegenden Ackerbau abgestimmt. Der Kleinbauer begnügt sich ebenfalls mit einem Einhaus, das jedoch von dem Niedersachsenhaus ganz verschieden ist. Die Tür ist allemal an der Längs-(Trauf,)Seite des Hauses. Ein Hausdrittel beherbergt Vieh und Vorräte. Selbst mittelgroße Höfe hatten um 1800, wie der alte Dorfplan ausweist, höchstens eine Scheune, doch den Stall noch im Hause. (Die folgenden Angaben beziehen sich auf diesen alten Plan.) In Bauerbach hatten „Wohnstallhaus". Weitzell, Haus Nr. 11 — Gerhard 12 — Bühn 17 — Wieber 27 — Huhn 28. In Ginsel-dorf Brom 2 — Steinhause 4 — Hob 7 — Euker 11 — Fach 16 — Fach 26. Der größere Hof hatte (und hat) neben dem Wohnhaus noch ein weiteres Gebäude, Stall oder Scheune. Beide stehen in der Regel im rechten Winkel zueinander, ein latein. „L" bildend, der L-Hof oder Hakenhof. In Bauerbach Hofmann 4 — Nau 13 — Dam 15 — Kraus 16 — Petry 18 — Herbener 24. Oft ließ die beengte Lage die Winkelstellung nicht zu, bei Baumgarte 2 — Preis l — Preis 25 und Petry 26. Hakenhöfe in Ginsel-dorf: Kraus 20 — Nau 21 — Bieker 25. Unregelmäßige. Gerhard 19 — Euker 30. Ist der Hofraum von drei Seiten umbaut, entsteht der U-Hof. In Bauerbach sind es die großen Deutsch-Ordenshöfe und der Pfarrhof, der gar aus zwei Höfen besteht: Joh. Caspar Weber hat in Haus 22 einen U-Hof und in Haus 23 einen L-Hof. In Gin-seldorf hat Conrad Bauerbach ebenfalls in Haus 22 einen U-Hof und in Haus 10 einen L-Hof. Ferner in Bauerbach: Petry 5 — Hofmann 7 — Hohmann 8 — Kissel 9 — Kis-sel 21 — Schüler 14. In Ginseldorf: Nau l — Euker 12 Schmidt 24. Als einzigen vierseitig umbauten Hof haben wir in Bauerbach den von Peter Staubitz, Haus 3 und in Ginseldorf von Johannes Nau Nr. 1.
Ein Vergleich mit heute zeigt, wie zwar nicht die Betriebsfläche des Hofes aber die Erzeugung gewachsen ist. Die alten Wirtschaftsgebäude, Stall und Scheune haben bei weitem nicht mehr ausgereicht. Man hat sie ständig vergrößern müssen und aus manchem einfachen Hof ist ein L-Hof und aus manchem L-Hof ein U-Hof geworden, selbst dann, wenn die enge Lage ein Zusammenpferchen der Gebäude nötig machte.
Zum Aussiedeln, wie wir es in vielen ändern Orten sehen, vor allem in dem Landstädtchen Kirchhain, hat sich hier noch keiner entschließen können. Der Hof Kissels scheint aus besonderern Grunde (Schöffenhof?) von jeher „ausgesiedelt" gewesen zu sein,
Heimliche Ecken
Auf unserm Hof sind viel heimliche Ecken
da spielet so gerne das Märchen Verstecken,
Ganz hinten am Boden, unter dem Dach,
da ist es so spinnwebig-dunkel.
Ein kleiner Spalt läßt herein nur vom Tag
ein winziges Sonnengefunkel. (Heinr. Horst, Roßdorf)





