Bräuche, alte und neue
Maibaum. — Mädchen. — Ritterschlag
Der Fortschritt, die Technik, hat nicht nur unsere Tracht, sondern auch viele alte schöne Bräuche ermordet. Außer dem Malen der Ostereier ist nicht viel davon übrig geblieben. Josef Böttner, geb. 1877, hat mit seinen 83 Jahren ein erstaunliches Gedächtnis und weiß noch vom Maibaum, vom „Stempeln" (nicht auf dem Arbeitsamt!) und dem „Verstrich" (Versteigerung) der Mädchen zu berichten.
Am ersten Samstag im Mai fanden sich die jungen Burschen in einer Wirtschaft zusammen. Alle, die bis dahin ihr 16. Lebensjahr vollendet hatten, fanden sich ein, um mit dem Ritterschlag in die Reihen der Burschen aufgenommen zu werden. Ein porzellanen Streichholzständer, wie er damals auf jedem Wirtshaustische stand, wurde unterseits mit Ruß geschwärzt und die Neulinge damit auf der Stirne abgestempelt. Die neue Würde mußte mit einer Mark Eintrittsgeld erkauft werden. Waren es mehrere, die Jahrgänge des kleinen Dörfchens waren meistens nicht stark, dann mochte es zu einem Fäßchen Bier langen, das Liter kostete ja nur 25 Pfennig. Wer es konnte, gab wohl auch allein ein Fäßchen zum besten. In Ginseldorf war das Abstempeln von einem kräftigen „Schinkenkloppen" gefolgt. Nach dieser Zeremonie zog der ganze Haufen in den Lahnberg oder den Seelheimer Wald, holte dort eine schöne Birke, pflanzte sie am Brunnen vor der Kirche auf und sang einige Lieder dazu. „Der Mai ist gekommen" durfte nicht fehlen, dazu kamen Wander- und Soldatenlieder.
Zurück gings in die Wirtschaft und hier kam der schöne Teil des Tages, die Versteigerung der Mädchen. Der Älteste führte den Vorsitz und bot ein Mädchen mit Namen an. Mit 50 Pfennig wurde angeboten. Die Bewertung richtete sich nicht immer nach Schönheit oder Vermögen des „Objektes", der Geschmack des Bietenden war maßgebend. Ganz Begehrte kamen oft auf drei, ja bis auf fünf Mark zu stehen, und das war im vorigen Jahrhundert fast ein kleines Vermögen und für manchen ein Wochenlohn oder mehr. Dann wurde ihm großzügig Abzahlung zugestanden, Dem Höchstbietenden wurde die Maid zugeschlagen und damit nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, diese bei der Kirmes als Tanzpartnerin zu betreuen. Wenn auf ältere „Überbleibsel" nichts geboten wurde, so war das für die Betreffenden ärgerlich und ein Gutmütiger übernahm diese dann im Ramsch: „No, ae'ch gewwe for de Rest ee Mork." Der Ertrag des ganzen „Verstrichs" wurde bei späterem Anlaß droben „am Wäldchen" in einem lustigen Gelage verzecht.
Jetzt kam erst der Nachrichtendienst. Die einzelnen Mädchen bekamen Bescheid. Meistens wurde der Bote schon mit der Frage empfangen: „Ei, woas hu aech da gekost?" Die Frage nach dem Käufer war überflüssig, denn der war gewöhnlich der Bote selbst. Um das Jahr 1900, als J. Böttner vom Militär kam, war der frohe, humorvolle Brauch schon tot. Nach seiner Meinung war das Fahrrad mitschuldig. Er selbst hatte beim Telegrafen-Bataillon in Koblenz Radfahren gelernt, doch er besaß keins. Die Burschen jedoch, die sich eines zulegten, fuhren, wenn sie Samstag von der Arbeit kamen, lieber durch die Gegend; die erste Entfremdung vom Dorfleben, die das Auto fortgesetzt und verstärkt hat. Abstempeln und Versteigerung haben sich in Ginscldorf bis 1925 gehalten. Die „Versteigerung" ist weitverbreitet und ist bis an die Westgrenze zu finden. Verfasser fand sie noch im Kreise Cochem (Mosel). An der oberen Eder findet sie vor Ostern statt. Im Kreise Olpe ist die Versteigerung der „Ostermädchen" beim Scheine des Osterfeuers.
Maibaum
Der Maibaum war überall verbreitet, hat sich aber nicht überall so lange gehalten, wie hier. In Mardorf berichten Gemeinderechnungen um 1750, daß die jungen Burschen den beiden Bürgermeistern und den Gerichtsschöffen am 1. Mai „den Mayen gesteckt" haben und dafür ein Ohm Bier für 2 Gulden bekamen. Später wurde der Maien auf Pfingsten gesteckt. In Sindersfeld wurden auf Pfingsten die Häuser mit Birken geschmückt. In den Hitlerjahren hat man versucht, die Sitte zu beleben und 1954 und 1955 stand noch einmal ein Maibaum an der Kirchtreppe. In Ginseldorf trugen früher die Kinder den „Maimann" durchs Dorf und sangen „Der Mai ist gekommen." In Marburg zogen vor 1800 die Schüler in feierlichem Zuge zur „Schülerhecke", wo sie die Maibüsche holten. Da sie dies mit Trommeln und Pfeifen machten, sah es 1806 den Franzosen zu militärisch aus und sie verboten es. (Kürschner). Das kirchliche Brauchtum deckte und deckt sich weitgehend mit dem in „Rund um Wall und Wehrturm" Seite 290 ff. von Mardorf beschriebenen.
Glücksbeil
Das Beil, eine der ersten und größten Erfindungen des Menschen, und so vollkommen in der Form, daß diese kaum der Verbesserung fähig ist, war seit je ein Glücks- und Heilszeichen. Im Abschnitt „Der Boden spricht" hörten wir schon davon. Hier hat sich dieser alte Glaube lange erhalten. Der Vater eines heute Achtzigjährigen hat noch darum gewußt, demnach muß es vor 1850 gewesen sein, daß man ein Beil auf die Stallschwelle legte, wenn man einen Fahrochsen (Pferde waren damals weniger im Gebrauch) gekauft hatte und ihn zum ersten Male in den Stall führte.
In Ginseldorf trugen Burschen und Kinder abends alte Töpfe und Flaschen vors Haus. Ein verkleideter Bursch ging ins Haus, wünschte Glück und bekam dafür Fastnachtskreppel geschenkt. Als dieser Brauch ausartete, wurde dagegen eingeschritten. Um mißliebige Leute zu ärgern, warf man nachts Unrat, Flaschen mit fragwürdigem Inhalt vor die Haustür, wobei die Anstifter unerkannt blieben.
Neues Brauchtum
Friedrich Naumann (1860—1919), der schon vor dem ersten Weltkriege einen Großwirtschaftsraum Mitteleuropa forderte, sagte 1896: „Ich glaube an Gott den Vater, den allmächtigen Schöpfer, den Herrn des Ackers und der Maschine, den Geber der Erfindungen und des Fortschritts." Dieses Credo, daß der Schöpfer auch Herr der Maschine und des Fortschritts ist, sein und bleiben muß, haben viele vergessen. Ein neuer, schöner Brauch erinnert uns alljährlich an Gott, den Herrn der Maschine. Es sind sechs Jahre, als sich zum erstenmale die Landmaschinen am 1. Mai 1955 auf der Amöneburg einfanden, um den Segen des Priesters zu holen. Mit zunehmender Zahl langte der Platz droben nicht mehr und die vielen Bulldogs fanden sich in den verschiedenen Orten zusammen. 1959 war die Segnung der Maschinen in Bauerbach auf dem Loh, 1960 waren in Mardorf über 160 Maschinen versammelt, wozu Domkapitular Hunstiger aus Fulda gekommen war. Die allgemeine Teilnahme zeigt, daß es schon ein Brauch geworden ist, der wohl nicht wieder ausstirbt.
Recht oft findet auf Bauerbacher oder Ginseldorfer Flur die Fuchsjagd der Reitschule Bleicher, sowie der Reitervereine Ohmtal usw. statt. Wenn bis zu 30 Reiter die Lunte des Fuchses zu erjagen suchen, dann ist das ein Bild, das unserer Jugend schon vertraut ist, wennschon sie es nicht alljährlich zu sehen bekommt.
Auf Spiegelslust
Das Wirtshaus, das viel älter ist als der 1891 erbaute Turm, war alljährlich auf Christi Himmelfahrt Wanderzicl des Dorfes. Es hatte sich diese Waldwanderung zu einem Brauch ausgewachsen, der nahezu die Bedeutung der Kirmes überwog. Nicht nur die Großen, auch die Schulkinder zogen mit. Die Ginseldorfer, die einen noch viel weiteren Weg über den Lahnberg hatten, schlössen sich an den „Vier Bänken" den Bauerbachern an. Droben, angesicht der Stadt, auf die sich ein schöner Ausblick bietet, verbrachte man in froher Geselligkeit den Nachmittag und zog abends durch den dämmernden Hochwald wieder heim. Gemeinde und Familie erfreuten sich noch einer Geschlossenheit, um die wir sie heute nur beneiden können, trotz unserer Autos, Radios, Fernsehgeräte und Urlaubsreisen in die Alpen und ans Mittelmeer. Wohl gab es damals müde Füße, aber Verkehrstote waren nie zu beklagen. Das Rote Kreuz und die Polizei hatten an Sonn- und Feiertagen Ruhe, während sie heute an diesen Tagen mit dem Bergen der Opfer voll beschäftigt sind.
Der Brauch, um die Ostermitternacht stillschweigend an einem „heiligen" Born Osterwasser zu schöpfen, pflegt man hier nicht, aber mitunter holt man noch aus der „Elisabethtrappe" am Sonnenblick Wasser, das gegen Augenübel helfen soll. Ersparen wir es uns, alle die Bräuche anzuführen, die sich weitgehend mit denen anderer Dörfer decken, oft sogar mit denen in entfernteren Landstrichen. Dazu wäre aber eine Sonderarbeit vonnöten.
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In die Welt hineingeboren |
Denn der Geist, der nützlich handelt, |
(Otto Bluse)
Philippinas Musensöhne
Vielerlei sind von altersher die Verbindungen Bauerbachs mit Marburg und seiner Universität. Fast hundert Jahre nachweisbar, wahrscheinlich schon länger, ist die alte Dorfwirtschaft Ausflugsziel und Treffpunkt der verschiedenen studentischen Verbindungen. Weit mehr als heute waren vor dem ersten Weltkriege Söhne jener Kreise, die oft nur studierten, um Korpsstudent gewesen zu sein, Besucher des Dorfes. Denen saß das Geld locker und die väterlichen Moneten gaben sich leicht und flott aus. Nicht nur sonntags, auch an den meisten Werktagen kamen sie besonders zur guten Jahreszeit angezogen und ließen sich mächtige Schnitten der bäuerlichen, riesigen Brotlaibe mit Schinken servieren. Daß dabei die nötigen Säfte der Gerste und der Traube nicht fehlten, versteht sich von selbst. Oft genug wurden an einem Nachmittage an die dreißig und mehr Brotlaibe aufgeschnitten. Bei solchen Massenbesuchen reichte der Platz im Wirtshause bei weitem nicht aus. Man holte Tische und Bänke herbei und vor dem Hause unter der Linde, ja, auf der Dorfstraße und auf dem Nachbarhof bei Martels saßen die singenden, buntbemütz-ten Scharen. War das obere Sälchen besetzt, warfen übermütige den Dorfbuben von der „Altane" Geld herab und nicht bloß 5- und 10-Pfennig-Stücke, auch silberne 50er und mitunter Markstücke, Was verschlugs den Buben, wenn in wildem Gewühl um den „Segen von oben" die Sonntagshosen mit jenem braunen Saft durchtränkt wurde, der zwar den Acker nährt, aber ansonsten wegen seines Duftes höchst unbeliebt ist. Immerhin freute sich manche arme Frau, denn damals waren die Löhne gar gering und das Bargeld knapp, wenn der Bub soviel Geld heimbrachte, daß es für einige Tage den Brotbedarf deckte.
Einzelne Verbindungen waren Stammgäste, so erinnert sich Scholastika, die Tochter des alten Wirts, noch der Palatia (Cartell-Verband) und der Saxonia. Die Rhenanen spielten bei anderer Gelegenheit eine besondere Rolle, Als im Weltkriege alles im Felde stand, ruhte das frohe Treiben. Wie der Hessenlöwe an der Weidenhäuser Brücke meldet, mußten 587 Marburger Studenten ihr Leben lassen. Nach dem Kriege lebte unter dem Druck der Notzeit die alte Festfreude nie wieder voll auf und die Wirtsleute hatten Mühe, trotz Mangel und Lebensmittelmarken die Nachfrage nach den geschätzten, schon historisch gewordenen Bauerbacher Schinkenbroten zu befriedigen. Mancher überstieg jetzt den Lahnberg, um hier mal wieder satt zu werden. Heute leben die studentischen Ausflüge noch in kleinerem Maße, — es wird mehr studiert und weniger gefeiert, doch auf Christi Himmelfahrt wird immer noch ein Leiterwagen mit frischen Maien bekränzt und die Studiosi besuchen eines der nächsten Dörfer, wobei Ginseldorf und Bauerbach nicht vergessen werden.
Als von 1893—1906 Pfarrer Weigand hier amtierte, kamen alljährlich die Rhenanen zum Fronleichnamsfest und nahmen in Wichs und mit Farben an der Prozession teil, wozu sie eine Musikkapelle bestellt hatten. Sie kamen den Bornweg herab und pflegten erst bei Gölzhäusers den Bürgermeister abzuholen. Nach der Feier nahmen sie gemeinsam das Mittagessen ein und danach war auf dem Loh, wo Tische und Bänke aufgestellt waren, ein froher Kommers im Beisein fast der ganzen Gemeinde und besonders der vollzähligen Schuljugend. Denn beim Sackhüpfen, Wettlauf, Springen nach der Wurst und dergleichen gab es ausgesetzte Preise. Es wurde gesungen und gebechert, bis gegen Abend der Rückzug nach Marburg kam. Wer noch hieran Erinnerungen hat, kann mit Recht von „guter, alter Zeit" sprechen. Die großen Bauplanungen auf der Höhe des Lahnbergs, die zum Teil den Bauerbacher Staatswald mit einbeziehen, werden das Dorf in den Bereich der Universitätsstadt bringen und die alten Beziehungen noch enger knüpfen.
Der Osterhase malt und dichtet
Abb. 26
Über den Anfang des Osterhasen läßt sich nicht streiten, denn sein Geburtsschein ist unauffindbar. Auch hat es seine bunten Eier schon lange und fast überall gegeben. Doch bemalte und beschriftete Eier finden sich nur in bestimmten Gegenden und nicht allein in den kurmainzischen Dörfern Oberhessens. — Freidank, ein schwäbischer Dichter, der 1228, zur Zeit, als St. Elisabeth in Marburg lebte, den Kreuzzug mitmachte, spricht schon von bunten Ostereiern. Und Christoph v. Schmid, Domkapitular in Augsburg (1768—1854) weiß in einer Rittergeschichte aus der Zeit Freidanks von bunten Ostereiern, die mit lehrhaften Kinderreimen beschriftet waren. Im Sauerland sind Osterhase und Ostereier erst seit 1682 nachweisbar. Eine Münchner Ärztin, W, von König, hat mit Mardorfer Ostereiern beginnend, eine Sammlung angelegt, die Eier aus ganz Europa aufweist und über 600 Stück zählt. Wir finden neben Oberhessen den hessischen und den badischen Odenwald, Thüringen und den Böhmerwald als Stammsitze der bunten, bemalten Ostereier. Im östlichen Deutschland Ostpreußen, Schlesien und die Lausitz, Die Nachbarländer sind vertreten mit der Schweiz und den Alpenländern, mit dem Sudetenland, Mähren, Steiermark, der Zips in der Hohen Tatra, dem Salzburger Land, dem Burgenland, Siebenbürgen, Tscheche!, Slowakei und Polen. Weiter östlich und südöstlich Ungarn, Rußland mit der Ukraine, Jugslawien, Bulgarien, Rumänien und Griechenland. Überhaupt hat diese Osterkunst im Osten und Südosten ihre höchste Vollendung erfahren. Das mag mit den Ostkirchen und deren starker Betonung des Osterfestes zusammenhängen. Jedenfalls dünnt sich der Brauch nach Westen hin sehr aus. über die westlichen Vorposten Oberhessen und Odenwald hinaus findet sich am Rhein kaum etwas und nur Spuren in Frankreich, Cumberland/Erigland und Portugal. Ob nun kunstvoll bemalt, oder kunstvoll gefärbt, das Osterei findet sich bei christlichen Völkern und wir vermuten in ihm wohl mit Recht das Sinnbild des christlichen Auferstehungsglaubens. Wie einst Christus aus dem Felsengrab im Garten hervorging, so kommt aus dem Ei neues, junges Leben, das die kalksteinerne Hülle sprengt.
Vielfältig, wie das Vorkommen der bunten bemalten Eier ist auch das Verfahren, mit dem sie geschmückt werden. Weitverbreitet ist das einfache Färben mit Pflanzensäften (Zwiebelschalen) oder käuflichen Eierfarben. Einen Schritt weiter geht das Marmorieren; mehrere Farben werden mit dem Finger auf der Schale verrieben (bad, Odenwald), — Mit Farbstiften oder Wasserfarbe bemalt man die Eier teils ganz, teils halbseitig, wobei dann die andere Hälfte ein Muster bekommt. (Ungarn, Serbien). — Mit einem Nagel, Messer u. dergl. kratzt man nach dem Färben feine Muster auf die Schale. In Glashütten Böhmens und Schlesiens schliff man auch solche Muster ein. Die Kratzmuster kommen vor in der Lausitz, der Hohen Tatra, Schweiz und England. — Statt Kratzen wird auch die Farbe mit Salzsäure weggeätzt. (Slowakei, auch in Schröck). In den Alpenländern helfen die Ameisen. Man wirft gefärbte Eier in Ameisenhaufen, wo die Tierchen sie mit Säure bespritzen und ihnen ein feines Gesprenkel verleihen. — Man klebt feine Scherenschnitte auf die Schale oder bindet diese in krause Petersilie, kleine Blümchen, Moos, was sehr feine Abdrücke ergibt. (Odenwald, Schweiz, England.) — Das schwierigste Verfahren, was aber die schönsten Eier erzeugt, ist die Mehrfachfärberei. In mehreren Farbbädern erhalten die Eier verschiedene Farben, wobei die vorherige Farbe immer sorgfältig abgedeckt werden muß. (Mähren, Ukraine, Rumänien, Ruthenien, Polen, Jugoslawien). — Nach dem Färben werden allerlei Ornamente, aus Papier oder Stroh ausgeschnitten, auch Blümchen und Muschelchen aufgeklebt. (Tscheche!, Griechenland). •— Binsenmark, zu Spiralen gedreht und aufgeklebt, um bunte, kreis- oder herzförmige Stoffrestchen gewunden, ergeben die Binseneier. Klebt man zwischen das Binsenmark Wollfäden, Perlen oder Litzen ,sehen die Eier oft wie Nadelkissen aus. (Odenwald, Thüringen, Mähren, Polen, Tschechoslowakei.) — Aufmalen von buntem Wachs in Ornamenten und Blumen gibt ganz reizvolle Motive. (Slowakei, Mähren, Bulgarien). — In Frankreich und Siebenbürgen hat man Eier aufgeschnitten und kleine Figuren hineingestellt, in Rußland gab es Holz- und Porzellaneier und aus der Biedermeierzeit (um 1820) zartgefärbte Glaseier, Eines dieser russischen Eier in der v. König'schen Sammlung, ein Porzellane!, ist von der letzten Zarin, die eine hessische Prinzessin war, selbst beschriftet. Diese wurden oft als Christbaumschmuck verwandt und im Württembergischen hatte man Palmsonntag Palmsträuße mit Eierkronen.
Schließlich liegt uns das Malverfahren am nächsten, was hier geübt wird. Es findet sich auch in Ostpreußen, Schlesien, Siebenbürgen, Tschechoslowakei, im Schwäbischen Ries und im Komitat (Grafschaft) Baranya, Ungarn. Heiß gemachtes Bienenwachs wird mit einer gewöhnlichen Schreibfeder aufgenommen (in der Lausitz nimmt man eine Gänsekiele), und das Muster und die Schrift werden auf die weiße Schale gebracht. Das Ei kommt solange in die heiße, schwach kochende Farbbrühe, bis das Wachs abläuft. Schnell heraus! ehe das weiße, bis dahin wachsbedeckte Muster sich auch bunt färbt. Abgetrocknet und mit einer Speckschwarte abgerieben, ist das Ei fertig. Das Färben ist Sache von Minuten, das Malen hingegen kann je nach Muster eine Stunde und mehr dauern. Wir hören, was unser Roßdorfer Heimatfreund und -kenner Heinr. Horst 1935 zu den Eiern zu sagen wußte:
„Schon seit Jahrhunderten pflegt uns're Sippe,
die Frau'n und Mädchen, eine feine Kunst;
das Osterei mit Wachs und Farbe zu verzieren,
Uralte Zeichen, Sonnenrad und Baum des Lebens,
die Zickzacklinie, der ües Mannes Wesen gleichet,
wobei der Wellenlinie sanfter Schwung
uns mehr die feine Art der Frauen zeiget.
Dies alles schmücket heute noch uns're bunten Eier.
Des Feldes Blumen und des Himmels Sterne
das Kreuz des Glaubens, und der Hoffnung Anker,
das Herz, der Liebe Sinnbild,
sie geben immer wieder neue Muster,
das Osterei kunstfertig darzubieten.
Auch schöne Sprüche werden drauf geschrieben,
sie reden von der Liebe, von der Freundschaft;
sie geben Segenswünsche und manch guten Rat."
Ein hohles Holzei von 1706 aus Hameln, ein anderes von 1821 enthielten lange (6—7 m) Streifen mit Gedichten. Diese Streifen gab es in anderer Form als Zauberbänder im Kreis Cochem, die man als „Herrgottslänge" bezeichnete und mit vielen und langen Gebeten beschriftet waren. Tatsächlich hatten die Streifen mit 1,78 m fast genau jene Länge, die auch die Gestalt auf dem Turiner Grablinnen hat, das man mit guten Gründen für das Grabtuch Christi hält.
Überall, wo man Ostereier malt und zugleich noch die überlieferte Tracht trägt, wie in unserer Heimat, wiederholen sich die Muster der Trachtenstickerei auch auf den Ostereiern. Das findet man gleicherweise in Ungarn, der Ukraine und sonstwo.
Verschieden, wie die Maltechniken und die Muster, sind auch die mit der Übergabe der Eier verknüpften Bräuche. Ehe in Ungarn die Mädchen die Burschen ins Haus einluden und ihnen die bemalten Eier schenkten, ließen sie sich von den Burschen die Dorfstraße entlangjagen und mit wohlriechenden Wassern bespritzen. Im salzburgischen Flachgau schenken die Mädchen die Eier in weißem Tüchlein, die mit Reimen in den Ecken bestickt sind. Ein Brauch, den wir hier in Oberhessen wiederfinden. Auch in unsern Dörfern pflegte man die Eier in „Herzschnupptüchern" zu überreichen. Das waren handgestickte Tüchlein, in die die Geberin Herzen und Blümchen, wohl auch mal einen Osterhasen und ein Sprüchlein einstickte. Als nach 1820 die Leinweberei einging und später die oberhessischen Maurer begannen, im Ruhrgebiet Arbeit zu suchen, wo dann, nebenbei bemerkt, der Spott der Ungebildeten unsere heimische Männertracht ausrottete, da sandten die Mädchen ihren Burschen die handgemalten Eier mit recht deutlichen Sprüchen zu. Man redete nicht „durch die Blume", sondern durch das Ei. War der Bursch im Heimatdorf, holte er am Fenster des Mädchens, er „leiterte" die Eier ab. Wenn in Gnaden aufgenommen, spendeten die Burschen Schnaps, einen „Rauhen" für sich und einen „Süßen" für die Mädchen. Der Umtrunk wurde im Hause gereicht. Wenn in Ungnaden verstoßen, wußte sich der Verschmähte zu rächen: Er bestrich das Fenster der Stolzen mit Kalk, Bronze oder gar mit Teer. Und das Schlimmste: Man ließ sie beim Kirmestanz „sitzen". Heute sind diese Bräuche sehr verflacht. Die Kinder holen ihre Eier, einfach gefärbte oder gemalte, bei ihrer Patentante ab, oder suchen sie daheim im Garten, Hofraum oder in der Scheune, War die Geberin den Burschen sehr ans Herz gewachsen, war die Neigung gar hoffnungslos, dann wurde ein Ei wohl jahrzehntelang aufbewahrt und ging erst bei der nächsten Generation pietätlos zugrunde. Daß der Brauch des Eiermalens erlösche, kann man nicht gerade sagen. Er wird noch in allen kurmainzischen Orten neben Bauerbach und Ginseldorf geübt. In jedem der beiden Dörfer sind noch 5—10 Eiermalerinnen tätig, von denen manche 30—50 Eier bemalen. Bis ins ferne Japan, ins kaiserliche Haus zu Tokio sind unsere bemalten Ostereier bekannt geworden, als im September 1960 Prinz Mikasa, ein Bruder des Kaisers, anläßlich des Kongresses für Religionsgeschichte von Marburg nach Erdhausen fuhr und dort im Künstlerhaus Lenz Mardorfer handgemalte Eier bewunderte, die ihn an die Volkskunst seiner Heimat erinnerten.
20 Ostereierreime. Bauerbach
(Frau Magdalene Weitzel und Frau Mathilde Stork) Wovon sollen die Reime zuerst sprechen, wenn nicht von Ostern und den Eiern?
Ich will zum frohen Osterfest
Dir freudig gratulieren.
Vielleicht gelingt es irgendwo
ein Häschen aufzuspüren.
Dann lege ich in seinen Korb
ein Blatt mit tausend Grüßen,
das soll geschwind es bringen
Dir mit seinen flinken Füßen.
Nimm hin dies Angedenken,
aus treuem Herz will ichs schenken.
Aus lauter Lieb- und Treu
schenke ich dir dies Ei.
Hab Acht! Sonst geht's entzwei!
Ich male dir dies Ei aus Scherz,
doch denk' ich dein mit treuem Herz.
Ich mache dir das Ei recht schön,
drum laß mich nicht zur Kirmes stehn!
Nun merke Dir's und denk daran,
sonst legt Dir nächstes Jahr der Hahn.
Seit je waren die Eier Gabe des Mädchens an ihren Bursch, daher wird auch der Liebe ein Loblied gesungen:
Ich weiß ein schönes Sprüchlein
und das hat Gold in sich.
Läßt du es dir empfohlen sein,
im Herzen freut es mich (dich),
es heißt: „Liebe mich!"
Die ganz selbstlose Liebe, die Caritas, kommt auch zu Wort:
Das will ich mir schreiben in Herz und Sinn
daß ich nicht für mich nur auf Erden bin,
daß ich die Liebe, von der ich lebe,
liebend an andere weitergebe.
Ist's nicht die bräutliche Liebe, dann soll feste Freundschaft herrschen:
Nicht gleiche deinem Glücke
auf ganzem Erdenrund.
Und fest in jedem Stücke
sei unser Freundschaftsbund.
Als Sinnbilder alles Guten und aller Tugenden werden die Blumen empfunden:
Alle Blumen, die den Lenz verschönen
mögen deine Jugendtage krönen
aber nimmer sollen Sorgen sich dir nahn.
Lieb' und Freundschaft mögen dich geleiten,
jeder Tag soll frische Rosen dir bereiten
auf des Lebens mühevoller Bahn.
Von Blumen umgeben,
dein Glück mög' erblühn,
es möge Dein Leben nur Freude durchziehn.
Die Liebe umhülle dein jugendlich Sein,
und Segen in Fülle sei immerdar dein!
Es blüht ein Blümchen
an moosiger Quelle
das leuchtet im Kreise
der Freundschaft so helle,
Blau ist seine Farbe
und hell ist sein Licht,
sein Name lautet: „Vergißmeinnicht."
Das Leben wäre ein Paradies, wenn alle Eierwünsche für Glück, Freude und Zufriedenheit in Erfüllung gingen:
Viel fröhliche Tage und jegliches Glück
beschere dir immer ein gütig Geschick.
So gründe dir, frei von Beschwerden,
die Liebe den Himmel auf Erden.
Heiter, wie ein Maientag, wand'le froh durchs Leben
Rosen und Vergißmeinnicht mögen dich umgeben.
Genieße still zufrieden
den sonnigheitern Tag.
Du weißt nicht, ob hienieden
ein gleicher kommen mag!
Christlichen Ursprungs ist das Osterei und so kommt in seinen Reimen die christliche Tugend nicht zu kurz, namentlich die „Großen Drei", Glaube, Hoffnung, Liebe.
Freudig sollst du in der Ferne
nach dem blauen Himmel schauen
wo dir leuchten die drei Sterne:
Glaube, Liebe und Vertrauen.
Wandle stets den Pfad der Tugend,
habe acht auf Deine Jugend!
Fliehe Sund' und böse Lust,
Unschuld ziere deine Brust!
Herrlich strahlt das Grün der Hoffnung
und der Unschuld Farbe, — Weiß.
Doch das Blau, das ist die Treue,
die im Herzen glühet heiß.
Freundschaftstreue, Jugendliebe,
sind erhebend fürs Gemüt.
Gebe Gott, daß diese Blume,
dir, mein treuer Freund, stets blüht.
Oft arbeitet der Freund in weiter Ferne, im Ruhrgebiet, wohin ihn die Arbeitsuche getrieben hat:
Tausend Grüße send' ich dir
aus der weiten Ferne,
doch viel lieber, glaube mir,
brächt' ich selbst sie gerne.
Trennen uns auch Tal und Hügel
laß dem Schicksal seinen Lauf!
Freundschaft ist, als hätt' sie Flügel,
keine Ferne hält sie auf.
Osterglück und Frühlingsfreude wecken oft den Gedanken an Vergehen, Alter, Tod und Jenseits:
Die Jahre der Jugend sind heiter und schön,
nur schade, wie schnell sie vorübergehn!
Die fröhlichen Tage, die glücklichen Stunden,
noch eh' wir es ahnen, sind sie schon entschwunden,
Es schwindet die Freude, es dauert kein Leid
die Jahre verrauschen im Strome der Zeit.
Die Sonne wird sinken, die Welt wird vergehn,
doch Liebe bleibt immer und ewig bestehn.
Rein erhalte dein Gewissen,
deine ganze Seele rein,
dann wird einst dein Sterbekissen
wie das Blatt der Lilie sein.
Diese zwanzig Reime sind nur ein Bruchteil der vielen, die in Gebrauch sind. Weitere dreißig, die auch den ganzen Schatz bei weitem nicht erschöpfen, brachte mein Mardorfer Heimatbuch (S. 303 ff.).
Eierreime aus aller Welt
Nicht nur die Sitte des Eiermalens, nicht nur die Muster und Symbole, auch dieselben Reime finden sich in weiter Ferne wieder. Die Sammlung v. König, München, weist aus verschiedenen Gebieten Hunderte von Sprüchlein auf, teils sehr derbe, aber alle variieren um die gleichen Themen wie unsere heimischen.
Aus Iglau:
In meinem Herzen hat niemand Platz
als Gott allein und Du, mein Schatz.
Der Teufel soll Dich holen
mit Säbel und Pistolen
wenn Du vergißt,
wer Deine Freundin ist.
Ich bin nicht Goethe, bin nicht Schiller,
ich dichte nicht wie Wilhelm Müller.
Ich schreibe nur einfach hierhin,
daß ich Deine Freundin bin.
Bis Könige Kartoffeln pflanzen,
bis die Schweine lernen tanzen,
bis Zwerge groß und Riesen klein,
dann hör1 ich auf, Dein Lieb zu sein.
Flöh' und Wanzen
sollen Dich kuranzen
wenn Du vergißt
wer Deine Freundin ist.
Aus dem Böhmerwald:
Eh' Du wirst alt und grau
nimm Dir eine Frau!
Ich liebe Dich so innig und treu
wie der Esel Disteln und Heu.
Wie leuchten die Rosen, wie glänzen die Stern!
wie hätt doch die Kathrin den Hannes so gern!
Uns're Liebe hat die Katz' gefressen
nun will ich auch Dich vergessen.
Aus Tirol:
Ich bin verliebt bis in den Tod,
doch nicht in Dich, Du schwarze Krot!
Wenn ich Deiner soll vergessen,
soll mich gleich der Wauwau fressen!
Aus der Schweiz:
Den Apfel, der nicht lange hält,
soll man sogleich vermosten
und eine Braut, die Dir gefällt,
die lasse nicht verrosten



