Zum Inhalt springen
Kopfbild 1 von 5
Menü öffnen Menü schließen

Karl A. Müller

Kurt A. Müller

Zum Geleit

Landrat Eckel begrüßte 1961 in seinem Geleitwort die 1. Auflage des vorliegenden Heimatbuches, „weil die Jahrhunderte alte lebendige Verbindung der beiden Lahnbergdörfer Bauerbach und Ginseldorf mit der Stadt Marburg aufgezeigt wird". Seine damalige Feststellung, daß die Verbindungen „sich noch verstärkt und vertieft" hätten, fand am 1. Juli 1974 ihre abschließende Bestätigung, als beide Gemeinden Teil der Stadt Marburg wurden. Dies geschah übrigens keineswegs erst unter dem Zwang des Landesgesetzes, sondern in Übereinstimmung mit der schon vorher - wenigstens von Ginseldorf - ausdrücklich erklärten Anschlußabsicht.

Als vor mehr als 800 Jahren die Geschichte des Marburger Raumes urkundlich greifbar wird, werden Marburg 1138 und Bauerbach 1133 fast gleichzeitig genannt. Beide gehören zur Grafschaft der Gisonen, die kurz zuvor an Thüringen gefallen war. Als 1133 Bauerbach mainzisch wurde, hob das die Verbindung mit dem Landgrafen und mit Marburg keineswegs auf. Schon vor 1357 hatte der Landgraf den Bauerbacher Medem, eine Rodungsabgabe, inne. Längst hatte auch der Deutsche Ritterorden von seiner Kommende vor den Toren Marburgs aus als Geschenk der Landgrafentochter Agnes Besitz in Bauerbach und Ginseldorf. Die Pfarrstelle wird auch nicht immer vom Mainzischen Amöneburg, sondern oft von Marburg aus besetzt. Ginseldorf ist - als es noch selbständige Pfarrei war - wohl immer vom Deutschen Orden versehen worden. In Bauerbach setzte Landgraf Philipp der Großmütige einen lutherischen Prediger ein. Das bewog viele Jahre später die Marburger, über den Lahnberg dorthin zur Kirche zu gehen, weil sie den von Landgraf Moritz in der Stadt eingeführten Calvinismus ablehnten.

Nach 1700 wird die Verbindung noch enger dadurch, daß mancher Beamte des Deutschen Hauses sich in Bauerbach nicht nur trauen, sondern auch beerdigen läßt, darunter Nachkommen von Veit Stoß: Leonhard und dessen Sohn Konrad Anton, deren Grabstein noch vorhanden ist.

1803 geht die Landesherrschaft vom Mainzer Kurfürsten auf Hessen über. Dadurch werden beide Orte nun von Marburg aus verwaltet. Schon lange, bevor es einen regelmäßigen Postverkehr gab, kamen die wenigen Briefe für Bauerbach und Ginseldorf von Marburg her. Und um 1840 berichtet der Bauerbacher Pfarrer H. W. Ferrari: „Wirklich Arme gibt es hier nicht. Wer arbeiten will, findet sein Auskommen in Marburg". An dieser Feststellung hat sich in 135 Jahren eigentlich wenig geändert: Etwa die Hälfte aller Erwerbstätigen aus dem Stadtteil Bauerbach arbeiten in der Kernstadt. Für Ginseldorf liegt der Prozentsatz eher noch höher.

Ich habe als Oberbürgermeister stets den Standpunkt vertreten, daß der Magistrat gut daran tue, das Eigenleben der neuen Stadtteile nicht nur zu respektieren, sondern ausdrücklich zu fördern. Dazu gehören die charakteristischen Besonderheiten ebenso wie ein vielfältiges Vereinsleben. Und dazu gehört auch die vorliegende Neuauflage der Heimatchronik, die der Magistrat bereitwillig unterstützt hat; denn die Beschäftigung mit der Vergangenheit der unmittelbaren Umgebung trägt in besonderem Maße dazu bei, sich der eigenen Identität bewußt zu werden. Das bedeutet keineswegs die Ausprägung eines „Kirchturmhorizonts"; denn die vorliegende Chronik läßt die vielfältigen Verflechtungen erkennen, die durch die Jahrhunderte Bauerbach und Ginseldorf mit Marburg verbunden haben.

Marburg, den 18. Februar 1976
Dr. Hanno Drechsler

Vorwort zur zweiten Auflage

Daß die Erstauflage unseres Heimatbuches trotz der verhältnismäßig geringen Einwohnerzahl unserer beiden Dörfer schon nach wenigen Jahren vergriffen war und daß der Wunsch nach einer Neuauflage laut wurde, spricht für die Beliebtheit unseres Buches. Was der Verfasser im Vorwort zur ersten Auflage klarstellt, kann auch heute voll und ganz unterschrieben werden. Hinzu kommt noch, daß sich unser Leserkreis seit 1961 verdoppelt hat. Die grundlegenden Änderungen in der Sozialstruktur unserer beiden Orte, wie sie auf Seite 268 ganz vorsichtig angedeutet wurden - damals war ja alles noch in unsicherer Planung begriffen -sind inzwischen verwirklicht worden. Beschrieb Ernst Moritz Arndt zu Beginn des vorigen Jahrhunderts in seinem Gedicht „Von Heimat und Vaterland" die Heimat noch pathetisch als den Ort, „wo das erste Menschenauge sich liebend über Deine Wiege neigte, wo Deine Mutter Dich zuerst mit Freuden auf dem Schöße trug, wo Dein Vater Dir die Lehren der Weisheit und des Christentums ins Herz grub", so hat sich dieser Begriff - wie vieles andere auch - gewandelt. Heimat ist heute, wo Industrie und Verkehr die Masse des Volkes in Bewegung hält, nicht mehr, wie zu Arndts Zeiten, nur Geburtsland. Für viele gibt es eine neue Heimat, eine „Wahlheimat", und eine solche zu erringen, liegt in der Macht des Menschen. Man kann den neuen Boden, auf den man verpflanzt wird oder auf den man sich verpflanzen läßt, schätzen lernen. Doch dafür ist die erste Vorbedingung, sich in die neuen Verhältnisse einzufügen und zu vertiefen und dadurch Land und Leute kennen und lieben zu lernen. Jenes „geistige Wurzelgefühl" wachsen zu lassen, das der Philosoph E. Spranger dem Begriff Heimat zugrunde legt. Das gilt für alle, die in den letzten fünfzehn Jahren sich in Bauerbach und Ginseldorf niederließen.

Ein Nebenzweck der Zweitauflage des Buches ist es, völlig unberechtigte Angriffe, die in einem Heimatbuch aus der Nachbarschaft zu finden sind, abzuwehren. Hier sei auf die fünf Anmerkungen No. 9, 21, 47,48 und 59 hingewiesen. Jene Verdrehungen und Entstellungen bedürfen dringend einer Entgegnung und Richtigstellung, selbst wenn diese streitbarer Natur sein sollte, was aber bestimmt nicht beabsichtigt ist. Hier kann es nur heißen: Der Wahrheit die Ehre! Wozu muß ein anderes Heimatbuch Dinge zur Sprache bringen, die nur Bauerbach angehen? Vielleicht nur um Unfrieden zu stiften? Ein Heimatbuch darf nicht zu einer Streitschrift herabgewürdigt werden. Geschieht es doch, dann fordert das Gegenwehr heraus; und das ist hier geschehen.

Es sei nicht vergessen, allen meinen Helfern und Mitarbeitern zu danken, namentlich meiner Ib. Frau, ohne deren stets bereite Mitarbeit mir manches sehr schwer geworden wäre. Denn es ist mir nicht leicht gefallen, im vorgerückten Alter (77 J.) und nach eben erst überstandener schwerer Krankheit die neue Auflage fertigzustellen. Ich bin mir klar darüber, daß die neue Gestalt unseres Buches keineswegs eine vollkommene Lösung ist. Die Anmerkungen und Ergänzungen hätten in den alten Text eingeflochten werden müssen, doch dann hätte man den ganzen Text des Buches völlig neu abfassen und schreiben lassen müssen, und das war mir unter den oben angegebenen Umständen einfach nicht möglich. Das hätte vor allem zu ganz wesentlich höheren Druckkosten geführt, so daß der Preis des Buches für manchen zu hoch würde, namentlich wenn er für seine Kinder Vorsorgen wollte, indem er für diese Reservestücke für die Zukunft zurücklegte. Daß es den Lesefluß hemmt, wenn man bei jeder Anmerkung unterbrechen und im Ergänzungsteil nachschlagen muß, ist zwar keine Freude und der Verfasser weiß das, muß aber in Kauf genommen werden; ebenfalls der Verzicht auf eine feste Einbanddecke, wie bei der Erstauflage. Auch diese würde den Buchpreis erheblich steigern. Möge die zweite Auflage unseres Buches dieselbe gute Aufnahme beim Leser finden wie die erste.

Marburg, im September 1975

Karl A. Müller

Freuet euch, Freunde der Heimat,
nicht alle genießen das Glück:
eine Heimat haben und lieben.
Dann denkt auch an jenen,
der einstens, um euch zu erfreuen,
aus Liebe zur Heimat
dies Büchlein geschrieben.

Der Verfasser

Dorfgeschichte

Was hat ein Dörflein schon in mehr als tausend Jahren

 

von frohem Glück beschienen, — • von Gewittern überrollt,

 

an Lust und Leid, — an Not und Tod erfahren,

 

wenn ihr der Chronik jetzo lauschen wollt!

 

Froh sehen wir die Neubekehrten wallen

721

zum Berge, wo Sankt Winfried sie gelehrt,

 

zum Lahnstadt auch, wo einst von ihnen allen

 

der Hessen heil'ge Ahnfrau ward geehrt.

1231

Sie rodeten den Wald, sie werkten hart, sie fronten,

 

sie pflegten ihren Boden und das liebe Vieh.

 

Wir, ihre Erben, leben, wo sie wohnten.

 

Vergessen können wir, was sie einst schufen, nie!

 

Und an der fischereichen Ohm, im weiten Grunde

 

liegt Ginseldorf, beherrscht vom Deutschen Haus.

 

Es sank dahin durch Fehde, in des Feuers Schlunde

 

und neu erstand es nach dem blut'gen Strauß.

1484/1485

Die Jungen kommen und die Alten gehen.

 

sie bauen Häuser, alte reißt man ab.

 

In ihrer Mitte bleibt das alte Kirchlein stehen.

 

Hier finden alle einst ihr stilles Grab.

 

Doch sieh! Der Landgraf bringt die neue Lehre,

1526

das Ew'ge Licht erlischt, — der alte Glaube wankt!

 

Ist keiner, keiner, der sich eifrig setzt zur Wehre,

 

dem man die Rückkehr freudiglich verdankt?

 

Die Rückkehr kam. — Doch dann ein endlos Morden.

1608—1618

Entvölkert lag das liebe Heimatland.

1648

Das alles, alles ist Geschichte worden

 

und die Jahrtausende lenkt Gottes weise Hand.

 

Die Deutschen Herrn sehn wir den Lahnberg steigen

1700—1800

die Kirche suchten sie in unserm Ort.

 

Hier konnten sie den alten Glauben zeigen

 

die Sakrament' empfahn und hören Gottes Wort.

 

Des Mainzer Krummstabs Herrschaft mußte enden.

1803

Wie auf der Bühne wechseln schnell die Herrn.

 

Franzosen, Hessen, Preußen halten Macht in Händen,

1806—1866

doch schnell sinkt ihres Glückes launenhafter Stern.

 

O, laßt uns von den letzten Kriegen schweigen!

1914. 1939

Noch ist zu frisch das grausige Gescheh'n!

 

Wir wollen vor den Opfern still uns neigen

 

und freuen auf ein frohes Wiederseh'n.

 

Was sagen die Geschicke uns'ror Alton?

 

Was lehrt uns der Jahrhundert' langer Trott?

 

O, laßt uns an der Heimat fest in Treuen halten,

 

und helfen wir uns selbst, dann hilft uns Gott.

1960

HISTORIA VITAE MAGISTRA.

 

Zeittafel

Einige der wichtigsten Daten. Weitere im Text.

Vor Christi Geburt.

Vor 50000

Jahren und mehr. Der Mensch der Altsteinzeit (Neandertaler) lebt und jagt am Lahnberg.

um 20000

Der Mensch der Altsteinzeit lebt hier in der Ohmebene.

um 6000

Der Jäger der Mittelsteinzeit durchzieht die Gegend.

um 4000

Die ersten Ackerbauer siedeln auf den Lößböden.

um 1000

Die Urnenfelderleute der Bronzezeit und ihre Hügelgräber.

um 500

Keltische Siedler finden sich ein.

Nach Christi Geburt.

nach 500

Zusammenzug der Streusiedlungen. Ortsgründungen.

nach 600

Die ersten iro-schottischen Glaubensboten predigen.

721

Winfried-Bonifatius auf der Amöneburg und auf dem Königshof Seieheim.

960

Erste mainzische Einflüsse um die Amöneburg.

um 1100

Mögliche Gründung der Cyriacuskirche zu Bauerbach.

1122

Wachsende Mainzer Macht in Oberhessen.

1133

Mainz kauft vom Kloster Ilbenstadt das Kappenberger Gut in Burebach. Erste Nennung des Dorfes.

vor 1165

Auf der Amöneburg besteht eine mainzische Burg.

nach 1200

Umsiedlung vom alten Dorf im Stocksgrund auf den Hügel.

1232

Bauerbach wird in der Elisabeth-Urkunde genannt.

1237

Sifrid v. Atsbach ist Zeuge beim Kauf der Grafschaft Ruchesloh.

1238

Heinricus v. Burbach, Pfarrer ist Schiedsrichter in einem Prozeß.

1247

Trennung Hessens von Thüringen.

um 1248

Mainzer Abgabeliste nennt Bauerbach und Arzbach.

1250

Wigand, miles (Ritter) v. Burebach genannt (1260 Hartmann v. B.).

1252

Heinricus v. Burbach ist Prior im Deutschen Haus zu Marburg.

1253

Der Deutsche Orden tauscht Hachborner Einkünfte gegen Ginseldorfer. Erste Nennung des Dorfes.

1256

Nennung von Nonnenhausen.

1270

Großer Waldbesitz des Hofes Arzbach. Hartmann v. Burbach ist Schultheiß in Rauschenberg.

1273

und 1280 Ginselnau wird genannt (lag im Hinterfeld).

1305

Die Hobeherrn haben Besitz in Bauerbach. Die Grundherrschaft des Adels. In der Folge Besitz von etwa 20 Geschlechtern in Bauerbach und Ginseldorf.

1310

Letztmalige Nennung des Dörfchens Arzbach.

1311

Deutsch-Ordenshöfe werden in Bauerbach genannt.

1327

Die Burggräfin Agnes v. Nürnberg hat Einkünfte in Bauerbach.

1333

Ein Pfarrer von Ginseldorf genannt.

1333

Amöneburger Abrechnungen nennen von Bauerbach Einkünfte, Rechte Flur- und Familiennamen, sowie Lehnsherren.

1334 - 86

Das Rudolphsgut in Ginseldorf genannt.

1346

Die Brüder v. Fleckenbühl Urkunden über einen Hof in Nonnenhausen

1358

Güterverzeichnisse des Deutschen Ordens nennen Ordenshöfe in Bauerbach und Ginseldorf.

1374

Ein Salbuch nennt die Güter von Peter Junge in Bb. Ginseldorf zahlt Forstkorn an den Landgrafen.

um 1380-1404

Große Fehden zwischen Mainz und Hessen.

1395

Ginseldorf wird als mainzisch genannt.

um 1400

Die Kirche von Ginseldorf erwähnt.

1425

Letzte Nennung von Nonnenhausen. Es ist wüst.

1427

Schwere Niederlage des Erzbischofs gegen Hessen.

1469

Bauerbacher Schöffen am Landgericht Bilstein (Amöneburg).

1484/85

Plünderung und Zerstörung von Ginseldorf durch die Landgräflichen.

1491

(bis 1756) Landschiede legen die Grenzen fest. Ältester Grenzstein aus dieser Zeit in der Joicht. Bauerbach.

1516

Die Reiter des Götz v. Berlichingen plündern Bauerbach.

um 1530

Der Landgraf setzt lutherische Prediger in Bauerbach ein (bis 1608).

1549

Mord an einem Boten und Hinrichtung des Mörders am Lahnberg.

1570

Auch Ginseldorf hat zeitweilig einen lutherischen Pfarrer (bis 1589).

1575

Der Frevel beim Abendmahl.

1582

Der neue Gregorianische Kalender wird abgelehnt. Der Amtmann von Amöneburg verzeichnet Rechte und Höfe usw. zu Bauerbach und Ginseldorf.

1583

Vertrag zu Merlau. Bauerbach (und Sdiröck) gelten nicht mehr als mainzisch.

1592

Das Kirchhainer Salbudi nennt das „Alte Dorf".

1608

Rückkehr zur alten Kirche. Bauerbach und Ginseldorf eine Pfarrei.

1618

Beginn des Dreißigjährigen Krieges.

1652

Wieder geregelte Seelsorge. Pfarrer Henrich Hirsch.

1655

Beginn der Kirchenbücher beider Orte.

1658

Dechant Burckhardts Schulbericht. In Ginseldorf Lehrer Dietr. Riedt.

1659

Genaue Liste der Familienhäupter in Bauerbach und Ginseldorf (auch 1676)

1679

Paul Stuhl Lehrer in Bauerbach.

1682

Mainzische Schulordnung und Schulpflicht (Winterschule).

1684

Volksmission der Jesuiten in Bauerbach und Ginseldorf.

1690

Hutevertrag über Waldweide im Lahnberg. „Blumenhutegeld".

1707

Beerdigung von Leonhard Stoss und Sohn.
In der Folge, bis 1802 Beerdigungen vieler Ordensbeamter des Deutschen Hauses.

1712

Mainzisdie Verordnung über Lieferung des Zehnten.

1741

Wilddieberei im Lahnberg. Überfall auf Bauerbach durch Marburqer Förster.

1742

Errichtung der vier Bildstöcke in Bauerbach. 1750 in Ginseldorf.

1756

Die heutigen Grenzsteine gesetzt: Mainzer Rad und Hessenlöwe.

1758

Großer Schulbericht durch die Bürgermeister.

1759

Großes Franzosenlager bei Großseelheim und Bauerbach.

1770

Übergabe des Hofes Arzbach an acht Bauern zu Bauerbach. Anbau von Kartoffeln und Klee verbreitet sich.

1803

Ende des Kurmainzer Staates. Übergang an Hessen.

1808

Vermessung der Flur. Anlage der Kataster. Erste Ortspläne.

1809

Napoleon hebt den Deutschen Orden auf („Die Franzosenzeit").

1820

Rodung des Hinterbachswäldchen.

1821

Übergang der oberhessischen Pfarreien an das Bistum Fulda. Der Kreis Marburg entsteht.

1822

Bau des Pfarrerhauses aufm Loh.

1831

Neue Gemeindeordnung. Beginn der Ablösung (bis 1852) aller Zehnten, Lasten, Fronden und Dienste.

1835/37

 Stück- und Lagerbücher mit Ortsbeschreibungen. Pfarrer Ferrari als Ortschronist

1841

Neubau der Schule zu Ginseldorf. Umbau der Schule zu Bauerbadi.

1851

Beginn größerer Auswanderungen nach den Vereinigten Staaten.

1859

Statistiken der Kasseler Regierung durch Fragebogen.

1866

Ende des Kurfürstentums Hessen-Kassel. Übergang an Preußen.

1874/76

Bau des Forsthauses auf einer Waldrodung zu Bauerbach. Bau des Ginseldorfer Forsthauses.

1893

Gründung der Spar- und Darlehnskasse (Raiff eisen).

1898

Neubau der Ginseldorfer Kirche.

um 1900

Mähmaschinen kommen auf. 1902 erstes Fahrrad in Ginseldorf.

1901

öffentliche Fernsprechstellen werden eingerichtet.

1911/12

 Neubau der Schule zu Bauerbach.

1914/18

In Bauerbach 15, — in Ginseldorf 13 Kriegsopfer.

1916/17

 Flurbereinigung in beiden Orten.

1917

Erste, 1941 zweite Beschlagnahme der Kirchenglocken.

1920/21

Erweiterungsbau der Kirche zu Bauerbach.

1924

Anlage der elektrischen Leitung in Bauerbach, 1926 in Ginseldorf. Regelmäßige Untersuchungen der Schulkinder.

1925

Bindemäher. Motorrad in Bauerbach. 1926 erstes Radio in Bauerbach.

1927

Errichtung des Kriegerdenkmals in Bauerbach. Erstes Automobil in Bauerbach.

1929

Wasserleitungsbau in Bauerbadi. — 1931 in Ginseldorf.

1930

Landverkraftung der Post. Poststellen in Bauerbach und Ginseldorf .

1935

Rodung des Wäldchens Steinrücke- Wann.

1939/45

In Bauerbach 37, in Ginseldorf 27 Kriegstote und Vermißte.

1941

Der erste Traktor in Bauerbach. Schuljahresbeginn im Herbst (bis 1948).

1946

Der Strom der Heimatvertriebenen flutet herein.

1952/53

Neue Glocken für beide Kirchen gegossen.

1954

Wasserleitung im Stocksgrund für Bauerbach.

1955

Eintunnelung des Baches in Ginseldorf. Die ersten Mähdrescher und Fernsehgeräte in Bauerbach.

1956

Das Dekanat Marburg errichtet.

1957

Ohmregulierung beendet. — Straßenbeleuchtung in Ginseldorf.

1958

Ausbau der Kreisstraße mit staubfreier Decke.

1959

Neues Raiffeisenlager in Bauerbach. Beheizung der Kirche Bauerbach. Bau der Leichenhalle.

1961

Beginn des Ausbaues der Straßen im Neubaugebiet Bauerbach.

1962

Elektrisches Läutewerk mit Angelusläuten in der Pfarrkirche zu Bauerbach.

1962/63

Außergewöhnlich langer, strenger, schneereicher Winter.

1963

Straßenbaubeginn und Erschließung des Univ. -Neubaugebietes auf den Lahnbergen. Abtretung von 1 50 ha Bauerbacher Staatswald an die Universität (siehe hierzu das Flurkartchen „Bodenfunde").

1965

Baubeginn Neubaugebiet Lahnberge (Universitätsneubauten).

1966

Herbst: Der Schulhausneubau „i.d. Wann" in Bauerbach wird bezogen.

1967

Ginseldorf, Abbruch der alten Schulscheune, Umbau der Schule, Anbau Gemeindeamt.

1970

Volks- und Berufszählung.

1970

Herbst: Einschulung der Oberstufe in die Richtsbergschule.

1973

Juli: Eröffnung der Nordstrecke („Panorameweg"). Baubeginn Mai 1971.

1973

Drei Studentenwohnheime in Bauerbach werden bezogen.

1973

Ginseldorf: 15 ha Bauland umgelegt.

1974

1. Juli: Beide Orte werden Stadtteile von Marburg.

1975

Januar: Freigabe der neuen Waldstrecke vom Heizwerk nach Bauerbach.

1975

April: Einweihung des Bürgerhauses Bauerbach „auf dem Loh".

Vorwort

 

Die Heimat lädt dich ein
Sei zu ihr lieb!
es könnte einmal sein, 
daß nichts Dir blieb

 

Die Heimat läßt dich nicht 
 und sei es, daß du erst 
 zu ihr im Abendlicht 
aufatmend wiederkehrst

 (Max Mell)

Mein zweites Heimatbuch übergebe ich hiermit den Lesern. Das erste, .Rund um Wall und Wehrturm" konnte ich den Mardorfern vor sechs Jahren vorlegen. Eine Dorfgeschichte hat ihre Tücken. Man kann sich nicht auf ein Thema einstellen, man muß sich notgedrungen verzetteln. Das Buch hat rund 24 Themen, von denen jedes einzelne eine runde Arbeit abgeben würde. So die Vorgeschichte, das Lehns-wesen, die Glaubenswirren, die Volks-, Trachten- und Wirtsdiaftskunde, die Bodenarten, Flora, Namendeutung, das Gegenwartsbild u. a. Die ganz- und allseitige Betrachtung, wie sie Karl Löber zu Recht aufstellt, ist schwer zu erreichen, doch wurde immerhin versucht, ihr nahe zu kommen. Ein Heimatbuch, wie das von Londorf, an dem über 20 Autoren mitwirkten, kann man nur beneiden, doch verblieb mir hier, trotz vieler williger Mitarbeiter, deren im Quellenverzeichnis in Dankbarkeit gedacht wurde, die Hauptarbeit allein. Auf Fußnoten mit Quellenhinweisen wurde absichtlich verzichtet, sie sind für unsere dörflichen Leser störend und ermüdend.

In einer Zeit, wo uns soviel an unverdaulicher und vergifteter Kost gereicht wird, wo wir überschüttet und erschlagen werden von Zeitungen, Zeitschriften, Illustrierten, Büchern, Werbe- und Flugschriften, Photos, Dias, Filmen, von Radio und Fernsehen, soll dieses Buch besinnlich gelesen werden und Gutes stiften: In Familie und Gemeinde, in Pfarrei und Schule. Beide Dörfer sollen sich als eine Einheit fühlen, die allen Zwist auf den Schutthaufen fegt. Daß auch Unerfreuliches zu berichten ist, versteht sich von selbst, denn Geschichte ist das, was geschehen ist. Schöne Märchen finden wir nur bei Brüder Grimm.

Bei etwaigen Ungenauigkeiten in der Gegenwartskunde möge man Nachsicht üben. Zuverlässige Gewährsleute sind nach bestem Wissen gesucht und befragt worden. Auf diese mußte sich der Verfasser verlassen. Hundertprozentige Vollkommenheit gibt es nun einmal nicht. Und der, dem Ausstattung, Schriftbild usw. des Buches nicht gefällt, möge bedenken, daß hierbei der Kostenpunkt ausschlaggebend war. Ein Heimatbucfa ist ohnehin unbezahlte Arbeit und von vornherein ein Verlust-,Geschäft".

Ein passendes Jubiläum ist z. Zt. nicht zur Hand, doch werden es 1963 gerade 830 Jahre sein, daß Bauerbach, und 710 Jahre, daß Ginseldorf erstmalig beurkundet wurde. Manches hätte sich noch ergänzen lassen, doch mußte vieles gekürzt werden, so daß der Text mitunter Lücken und Sprünge bekam. Vieles, was dem Historiker altbacken Zeug ist, wird unsern Leuten „frisches Gebäck" sein. Ohne den Blick in die Weite sind lokale Vorgänge oft kaum verständlich. So mußte oft über den örtlichen Rahmen hinausgegriffen werden. Man kann Toynbee nicht zustimmen, wenn er vom Kirchturmshorizont der Ortsgeschichte spricht. Da trifft doch das Wort Eduard Sprangers den Kern: „Heimat ist das geistige Wurzelgefühl des Menschen. — Der Weg zum Menschentum führt nur über Volkstum und Heimatgefühl." Audi August Winnig zeigt das Ziel: „Heimat ist die Pforte, durch die uns das Ewige,. in das Zeitliche entließ, und unsere Heimatliebe ist die Sehnsucht nach diesem Ewigen." Wenn das Buch diesen großen Ideen den Weg ebnet, hat es seinen Zweck voll erfüllt. Und daß der Verfasser, ein alter Lehrer, mit diesem Buche der Schule und ihren Kindern dienen will, braucht nicht betont zu werden. — Leser, denen Geschichte fern liegt, auch solche gibt es, mögen bei Kapitel 23, „Weltkriege", beginnen. Vielleicht finden sie von der Gegenwart her den Zugang zur Vergangenheit.

Eine Neubelebung des von Spranger genannten Wurzelgefühls tut unsern Dörfern bitter not. Wir sind schon so weit, daß uns manche Großstädte Vorbild sein können! Diese pflegen ihre Traditionen und sind stolz auf ihre Geschichte. Sie denken nicht daran, ihre Mundart fallen zu lassen. Der Kölner spricht sein Kölsch und der Hamburger snackt sein Hamburger Platt. Wir dagegen werfen bedenkenlos Altererbtes über Bord, machen aus unserer Tracht alten Plunder und manches Dorf versucht, sich in ein nachgeäfftes Städtchen zu verwandeln. Noch sind unsere beiden Orte diesem Ungeist nicht verfallen, das zeigt das lebhafte Echo, das unser Buch fand und die rege Mitarbeit für unser nahes Heimatfest.

Die Drucklegung des Buches wäre unmöglich gewesen, wenn uns nicht viele Freunde und Gönner, Geldgeber und Spender zu Hilfe gekommen wären, unser Heimatfreund Herr Dr. E. Kaufmann, der Schirmherr Herr Landrat Eckel, der Kreisausschuß, beide Gemeindevertretungen mit ihren Bürgermeistern, die kath. Kirchengemeinde mit Herrn Pfr. v. Keitz, die Spar- und Darlehnskasse sowie alle ändern Spender und Vorbesteller. Mit einem herzlichen Dankeswort an alle genannten und ungenannten Helfer sei das Buch der Heimat und ihren Freunden gewidmet.

Bauerbach, Pfingsten 1961. (21. und 22. Mai)

Karl A. Müller