Die Technik im Anmarsch
Auch wenn eine Erfindung ihren Kinderschuhen entwachsen und fabrikreif geworden, dauert es meistens eine geraume Zeit bis sie sich das Dorf erobert. Vor und um 1900 war das sogar recht lange, heute hingegen geht es schneller. Freiherr Drais von Sauerbronn hatte 1817 sein Laufrad, Fischer in Schweinfurt baute 1835 ein Fahrrad mit Tretkurbel und der Franzose Michaux stellte Fahrräder 1868 fabrikmäßig her. Fast 40 Jahre vergingen, bis 1902 in Ginseldorf Theodor Nebel, Haus 2, ein Fahrrad fuhr und erst 1908 kauften drei Bauerbacher bei Rudolf Nau am Pilgrimstein ihre Räder, das Stück zu dem damals sehr hohen Preis von 140 Mark: Konrad Preis, Haus 38, Johs. Weitzel, Haus 31 und Anton Herbener, Haus 17 (jetzt in Essen). Das monströse „Hochrad" war damals schon nicht mehr in Gebrauch. 1885/86 bauten Daimler und Benz, unabhängig voneinander, Kraftmaschinen in ein Fahrrad ein. Das Motorrad war erfunden. In Bauerbach fuhr Lehrer Schramm das erste, ehe er sich 1927 seinen „Opel" kaufte, der audi das erste Auto im Dorf war. Kurz darauf fuhr auch Pfarrer van Moll einen Opel. Der noch jugendliche Anton Preis fuhr im Jahr darauf einen Lieferwagen und Heinrich Bieker, Schülers, ein Viktoria-Motorrad. In demselben Jähr fuhr der 22jährige Lorenz Stey, Ginseldorf, den ersten Lastkraftwagen Marburgs, den die Fa. Kaiser & Roth in Betrieb nahm. Die kleinen, flinken Mopeds fahrt man seit 1953/54. Ginseldorf kam nur zögernd nach. 1936 fuhr Konrad Kissel, Haus 13, das erste Motorrad und nach 20 Jahren, 1956, Karl Kraus, Haus 32, das erste Auto des Dorfes. Vierzig Jahre, bevor der Kraftwagen in unsere Dörfer einzog, hatte Gottlieb Daimler ihn 1887 fabrik- und marktfähig gemacht.
Der erste Konstrukteur eines Benzinfahrzeuges war der Mecklenburger Mechaniker Siegfried Marcus, in Wien lebend (um 1875). Der 1935 verstorbene Marburger Stadtbaumeister Ludwig Broeg baute sich selbst um 1890 einen kleinen Motorwagen, zu dem er den Motor von Daimler in Cannstatt erhielt. Mit Benz in Mannheim plante er den Bau einer Fabrik in Marburg. Den ersten Bulldog hatte 1941 in Bauerbach Stauze, einen „Deutz" mit 11 PS, in Ginseldorf 1953 Lg. Kaspers einen „Fahr". Die ersten Mähdrescher hatten in Bauerbach 1955 Kurts und 1957 Stauze. In Ginseldorf 1960 die Brüder Euker, Nr. 10 und 12.
Die ersten Maschinen für Pferdekraft sind schon seit 60 Jahren in Gebrauch, Die erste Mähmaschine hatte, als Gölzhäusers 1902 eine kauften, vorher schon Braun-Kurts in Betrieb. In Ginseldorf 1908 Anton Bauerbach, Haus 10. Als 1906 Gölzhäusers eine Sämaschine kauften, hatte Braun-Kurts ebenfalls schon eine. Die ersten Bindemäher finden wir 1925 in Bauerbach bei Hofmanns und 1928 in Ginseldorf bei Bauerbach Nr. 10. Die ersten Radios hatte in Bauerbach 1926 Karl Nau, Nr. 5 (Preis 250 Mark) und Lehrer Schramm. In Ginseldorf 1933 Bauerbach Nr. 10. Die ersten Fernsehgeräte hatten 1955 die beiden Gasthäuser Nau und Weitzel in Bauerbach, In Ginseldorf 1957 Gastwirt Euker. Bezeichnend ist, daß man in Bauerbach, wie auch in Mardorf, Radio und Fernsehen nicht wegen Musik, Unterhaltung und Belehrung, sondern in erster Linie der großen Fußballübertragungen wegen anschaffte. Heute hat Bauerbach 94 Radios (Ginseldorf 66) und 7 Fernsehgeräte (3). In Bauerbach sind z. Zt. 15 Telefone (Ginseldorf 3).
Im vorigen Jahrhundert währte es wohl ein Menschenalter und länger, bis eine neue Erfindung unsere Dörfer erreichte. Unser Jahrhundert hat ein anderes Tempo. Im Juni 1921 übertrug der Sender Königswusterhausen (Deutschlandsender) die Oper „Madam Butterfly" und schon im März 1923 begann der Südwestdeutsche Rundlunk (Frankfurt) zu senden. Drei Jahre später hatten wir die ersten Radios hier. Der Vatikansender wurde 1931 eröffnet.
Motorisierung
Stand der Motorisierung am 1. November 1960
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in Bauerbach |
in Ginseldorf |
Orte beide |
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Traktoren (Bulldogs) |
21 |
17 |
38 |
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Fersonenkraftwg. über 600 ccm |
7 |
2 |
9 |
|
Volkswagen (VW) |
10 |
10 |
20 |
|
Kleinwagen 600 ccm u. weniger |
17 |
4 |
21 |
|
Last- u. Lieferwagen auch Kombis |
5 |
_^ |
5 |
|
Kraftfahrzg. (o. Bulldogs) insges. |
39 |
16 |
55 |
|
Motorräder |
34 |
7 |
41 |
|
Motorroller |
2 |
2 |
4 |
|
Mopeds |
18 |
18 |
36 |
|
zweirädrige Fahrzg. insges. |
54 |
27 |
81 |
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Alle Arten insgesamt |
114 |
60 |
174 |
Schlepperdichte 1957
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je l Schi, auf: | |
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Bundesrepublik |
14 ha |
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Frankreich |
40 ha |
|
USA |
42 ha |
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Ostzone |
120 ha |
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Sowjetunion |
225 ha |
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in unseren 2 Orten |
14,6 ha |
Nicht mitgezählt sind Wagen, die der Firma eines Beschäftigten gehören. Personenkraftwagen einschließlich Kleinwagen haben wir auf je 15 Bewohner einen. In der Bundesrepublik hatte 1949 V*0/., der Arbeitnehmer einen eigenen Wagen, heute sind es 25% In Bauerbach hat sich die Zahl der Traktoren und Mopeds in einem Jahr nur um je eines erhöht, die Personenkraftwagen stiegen von 28 auf 34, die Zahl der Motorräder und Roller fiel von 42 auf 36. Eine Entwicklung, die noch im vollen Gange ist, In den Traktoren ist Ginseldorf überlegen, weil es sieben Hofe zwischen 5—9 ha hat, die in Bauerbach ganz fehlen.
Des Blitzes Bruder, der elektrische Strom
Immer stärker werden unsere Kraftquellen, aber auch immer gefährlicher. Menschen- und Tierkralt, Dampf, Strom, Atom, ist die gesteigerte Kraft- und Gefahrenreihe Marburg wurde 1905 mit Strom versorgt, unsere Dörfer kamen erst nach dem Krieqe an die Reihe, 1923/24. 1958 hatte Bauerbach 124 Zähler (Ginseldorf 79 Zahler). Verbraucht wurden in Bauerbach 64 150 kWh (in Ginseldorf 37 850 kWh) für 15764 DM (9928DM). Bauerbach verbrauchte je Kopf 130 kWh, Ginseldorf je Kopf 110 kWh. Zum Vergleich: Simtshausen hatte je Kopf über 400 kWh.
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Der Strom betrieb im Jahre 1958: | |||||
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im Haushalt: |
auf den Höfen: | ||||
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in Bb. |
in Gd. |
in Bb. |
in Gd. | ||
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Elektroherde |
39 |
19 |
Schrotmühlen |
11 |
6 |
|
Waschmaschinen |
16 |
3 |
Jauchepumpen |
8 |
3 |
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Trockenschleuder |
1 |
— |
Melkmaschinen |
7 |
3 |
|
Kühlachränke |
3 |
2 |
Muser |
4 |
|
|
Kühltruhen |
3 |
— |
Greifer u. Mistgreifer |
3 |
4 |
|
elektr. Backöfen |
1 |
— |
Aufzüge |
3 |
1 |
|
Kaffeemaschine |
1 |
— |
Gebläse |
3 |
2 |
|
Heizofen |
1 |
— |
Futterdämpfer |
2 |
— |
|
Boiler |
1 |
— |
Laufkatze |
1 |
— |
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sonstige Motoren |
30 |
12 | |||
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73 |
36 | ||||
Die Zahlen sind in ständigem Steigen begriffen und heute, 1961, schon überholt.
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Was eine Kilowattstunde (kWh) leistet: | |
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sie drischt 2 Ztr. Weizen |
dämpft 20 Pfd. Kartoffeln |
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schrotet 170 Pfd. Roggen |
melkt eine Kuh 2 Monate |
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fördert 50 Ztr. Heu |
kocht 8 1 Wasser |
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lädt eine Fuhre Dünger |
bereitet Mittagessen für 4 Personen. |
Landmaschinen 1950
Ehe die Motorisierung voll einsetzte, hatte Bauerbach drei Traktoren und 32 Motore, Ginseldorf keinen Traktor und 8 Motore. An Landmaschinen waren vorhanden
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in Bb. |
in Gd. | |
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gummibereifte Ackerwg. |
96 |
60 |
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Grasmäher |
22 |
24 |
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Drillmaschinen |
15 |
12 |
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Heuwender |
11 |
6 |
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in Bb. |
in Gd. | |
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Kartoffelroder |
11 |
5 |
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Bindemäher |
8 |
6 |
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Höhenförderer |
7 |
4 |
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Düngerstreuer |
2 |
3 |
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Vielfachgeräte |
2 |
3 |
Mit steigendem Maschineneinsatz steigert sich das Einkommen je Kopf der bäuerlichen Familie nur dann, wenn Fehler vermieden werden, die bei der Viehhaltung in schlechter Fütterungstechnik und beim Anbau in ungenügender, unzweckmäßiger Düngung und dergleichen liegen können. Das verschlechtert die Ertragslage und macht die Maschine unrentabel. Je höher dagegen der Hektarertrag, desto vorteilhafter der Maschineneinsatz. Die Größe der Höfe, der Flurstücke, die Bodengüte und manche anderen Faktoren sprechen ebenfalls mit.



