Europa brennt, Deutschland hungert
1914—1918 — 1923
Jeder, der im Jahre 1960 die Fünfzigermitte überschritten hat, weiß noch um jene Gewitterschwüle des Samstags, I.August 1914, als der erste Donnerschlag rollte: „Mobilmachung!" Von jenem Tage bis zum 8, Mai 1945 sind wir fast zehn Jahre lang durch ein Blut- und Tränenmeer gewatet, wobei wir die 20 Jahre von 1919—1939 als Atempause bewerten. Müßige Frage, wer damals angefangen hat! Wir sind in den Krieg hineingestolpert, stellte ein Staatsmann fest. Staatsmänner entzündeten jenen Brand, dessen sie später nicht mehr Herr werden konnten, da sie im Kriege nur die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln sahen. „Es gibt Krieg!" sagten wir, als ob der Krieg unabwendbar sei, wie ein Gewitter, das eben heraufzieht. Wir wurden darüber hinweg getäuscht, daß der große Brand künstlich geschürt oder doch wenigstens nicht verhindert wurde. Und hatten bisher Herrscherhäuser Kriege geführt zur Ausweitung ihrer Macht und ihres Besitzes, so ging es in den beiden Weltkriegen, je länger sie dauerten, um so mehr, um Dasein oder Untergang ganzer Völker. Heute sind wir soweit gekommen, daß wir gar einen Krieg fürchten, der ganze Erdteile, wenn nicht die ganze Menschheit vernichten könnte. Kein Dorf, keine Familie ist ganz vom Krieg und seinen Nöten verschont geblieben, auch wenn sie keinen der Ihren an der Front hatten, Mütter und Bräute bangten um die Lieben im Felde, Hausfrauen hatten die brennende Sorge, was werden wir essen, womit uns bekleiden, womit die Wohnung heizen, wo „gibt es etwas", wo kann man was über die schmalen Rationen hinaus erhäschen, erhamstern, er-tauschen? Der Bauer und auch der Kleinbauer unserer Dörfer hatte zu essen; wer nur eine Ziege und ein Schwein hatte, ein Äckerchen und ein Gärtchen, glücklich war er, vom Städter umworben und umschmeichelt. Dinge, die sich 20 Jahre später genau so wiederholten. Die englische Blockade drückte, das bleiche Elend durchschlich die Städte und trieb die Darbenden aufs Land. Den Bauern drückte andere Not. Da fehlten Arbeitskräfte (die 60 Einberufenen von Bauerbach bildeten 20,6°/o der ganzen Einwohnerschaft), Geräte, Maschinen, Düngemittel, Saatgut, Kraftfutter. An allen Ecken stieß er auf hunderterlei Verbote; Kontrollen durchschnüffelten die Höfe, und die Erzeugnisse von Acker und Stall sollten abgeliefert werden. Noch war kein Dorf mit Strom versorgt. Bald standen die Petroleumlampen trocken, Kerzen waren kaum zu haben. Man ließ die Ofentür offenstehen oder ging bald zu Bett. Die Preise für das, was der Bauer hatte, wurden mit Gewalt unten gehalten, während die für Industriewaren stiegen. Das ließ die kostbaren Lebensmittel in dunkle Kanäle versickern. Es kam so weit, daß Butter billiger war als Wagenschmier! (Von den Einquartierungen beim Rückmarsch 1918 hörten wir in der Schulgeschichte.)
Abgetriebene, völlig erschöpfte Soldatenpferde, die verendeten oder erschossen werden mußten, wurden auf der „Hude" vergraben. Auch „beim Gary" fanden viele brave Kriegsgäule ein unrühmliches Ende.
Alles hätte man gerne ertragen, ja, noch mehr, wenn man damit das Leben der Gefallenen hätte zurückkaufen können. Jede Trauernachricht durchzitterte das ganze Dorf. In Ginseldorf war Lorenz Stey schon im zweiten Kriegsmonat 1914 gefallen und in Bauerbach war es vier Monate später Theodor Weitzel, der im Lazarett dem Typhus erlag. 1915 war das verlustreichste Jahr, in dem 6 (4) Soldaten den Tod fanden, in den Folgejahren 1916/17/18 waren es je drei (bzw. 2, 2, 5), Von den 60 Mann, die in Bauerbach Soldat geworden wdren, war das genau ein Viertel oder 25%. Als ältester fiel 1917 Job. Heinrich Nau, Haus 13, mit 39 Jahren und als Jüngster Konrad Weitzel, Haus 47, mit 21 Jahren. Von den 15 Verheirateten sind fünf, von den 43 noch Ledigen zehn gefallen. Sechs unserer Soldaten waren kriegsgefangen, einer, Heinrich Huhn, Bauerbach, starb in englischer Gefangenschaft. Förster Kaufmann holte 1917 mitten im Krieg seinen Sohn Wilhelm, der an der Somme 1916 gefallen war, heim und ließ ihn in Marburg bestatten.
Das Kriegerdenkmal neben der Kirche wurde 1927 von Gebrüder Fleck, Fulda, geschaffen und 1950 für die Gefallenen des zweiten Weltkrieges erweitert. 1957 schuf Fleck die Pieta (in der Kirche), die an die Opfer erinnert, die die leidgeprüften Mütter der gefallenen Söhne bringen mußten.
Nicht lange war das restliche Deutschland, die Bundesrepublik ohne Waffen, 1956 marschierte die erste Abteilung der neuen Bundeswehr von Marburg aus durchs Dorf und im Jahre darauf wurde Richard Weitzel, geb. 1937, als Pionier in Hann.-Münden der erste Soldat des Dorfes. Nach dem 1. Kriege hat es 15 Jahre gedauert, nach dem zweiten nur 10 Jahre, bis wir wieder allgemeine Wehrpflicht hatten.
Die Kriegsopfer
Die Opfer des ersten Krieges
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In Bauerbach | ||||||
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Lfd. Nr. |
Name |
geb. |
wo Kriegsgefallen jähr |
Haus-Nr. -.Y j\.i |
er h. inder | |
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l. |
Nau, Job. Heinrich |
78 |
Frankreich |
1917 |
13 |
v. 2 |
|
2 |
Weitzel, Theodor |
79 |
Frankreich |
1915 |
49 |
v. 3 |
|
,T. |
Hühn, Andreas |
82 |
Rußland |
1915 |
45 |
v. 1 |
|
4. |
Gölzhäuser, Heinrich |
83 |
Lazarett |
1918 |
20 |
v. 3 |
|
5. |
Weitzel, Josef |
83 |
Rußland |
1915 |
30 |
V. 2 |
|
6. |
Nau, Anton |
84 |
Lazarett |
1915 |
7 |
|
|
7. |
Baumgarten. Heinrich |
87 |
Rußland |
1915 |
25 |
. __ |
|
8. |
Huhn, Heinrich |
90 |
engl. Lazarett |
1918 |
33 |
__ |
|
9. |
Jennemann. Heinrich |
90 |
Rußland |
1915 |
40 |
__ |
|
!0. |
Böttner, Peter |
91 |
Frankreich |
1916 |
34 |
__ |
|
11. |
Gerhard, Josef, Lehrer u. Ltm |
t. 92 |
Frankreich |
1918 |
12 |
__ |
|
52. |
Pfeiffer, August |
93 |
Frankreich |
1916 |
55 |
__ |
|
13. |
Kaufmann, Wilhelm. Ltnt. |
94 |
Frankreich |
1916 |
Forsthaus |
. __ |
|
1.4. |
Preis, Ludwig |
95 |
Rußland verm. |
1917 |
38 |
. __ |
|
15. |
Weitzel, Konrad |
96 |
Frankreich |
1917 |
47 |
— |
In Ginseldorf
|
1. |
Wetzer, Heinrich |
75 |
Frankreich |
1918 |
8 |
V. 4 |
|
2. |
Stey, Lorenz |
85 |
Frankreich |
1914 |
3 |
|
|
3. |
Schüßler, Ant. Jos. |
89 |
Rußland |
1915 |
9 |
|
|
4, |
Gerhard, Heinrich |
91 |
Rußland |
1915 |
19 |
|
|
5. |
Bauerbach. Hein. Pius |
91 |
Frankreich |
1917 |
10 |
|
|
fi. |
Fischer, Fridolin |
91 |
Frankreich |
1918 |
2 |
__ |
|
7. |
Bauerbach, Pius |
91 |
Frankreich |
191G |
45 |
|
|
a. |
Kraus, Josef |
92 |
Frankreich |
1918 |
4 |
|
|
!). |
Kraus, Leopold, Leutnant |
94 |
Ypern |
1915 |
4 |
|
|
10. |
Kraus, Herrn. Friedr. |
94 |
Rußland |
1917 |
20 |
|
|
11. |
Bauerbach. Konrad |
96 |
Frankreich |
im« |
45 |
|
|
\2, |
Stey, August |
84 |
Frankreich vcrm. |
1915 |
48 |
v. 1 |
|
1 1 |
Kraus. Peter Josef |
88 |
Rußland vcrm. |
1916 |
13' ': |
Hier waren zwei Brüderpaare unter den Gefallenen, Pius und Konrad Bauerbach (Nr. 7 und 11) und Josef und Leopold Kraus (Nr. 8 und 9). Leopold war mit 21 Jahren der Jüngste der Toten und zugleich der erste, der im März 1915 starb. Sein Bruder Josef, Studiosus phil. fiel als Leutnant noch 6 Wochen vor dem Waffenstillstand. Als Ältester fiel Heinrich Wetzer im Alter von 43 Jahren, ebenfalls 6 Wochen vor Kriegsende, als Letzter der 13 Kriegstoten
Bitteres Ende
Vier Jahre Siege, in Angriff und Abwehr, trotz erdrückender Übermacht und dann ein Vierteljahr Niederlage und Zusammenbruch, so endete das große Ringen. Auf 35 Einwohner hatte Deutschland einen Toten, ein Durchschnitt, der in unseren beiden Dörfern mit 19 Einwohnern zu einem Toten weit überschritten wurde. Deutschland hatte die 4'/4 Kriegsjahre jede Minute einen Toten gehabt!
Beide Kriege, der erste und der zweite, endeten auf Grund der alten Wahrheit „Viele Hunde sind des Hasen Tod." Daran änderte die sinn- und haltlose „Dolchstoßlegende" nichts, die behauptete, die Heimat habe versagt und sei der Front in den Rücken gefallen. Deutschland hatte 13,4 Millionen Soldaten unter Waffen, die vier Mittelmächte 25 Millionen. Die Feindmächte dagegen 45 Millionen. Diese hatten 1918 3500 Panzer, wir nur 45! An der Somme hatten wir 1916 2400 Geschütze, die Gegner 4900, Wir hatten 1918 die letzten Reserven eingesetzt und wurden täglich schwächer, die Feindmächte, wie z. B. die USA, begannen erst, ihre Macht einzusetzen und hatten in Frankreich zwei Millionen frischer Truppen. Trotzdem hatten wir die bessere Kriegführung. Auf 10 deutsche Tote kamen 16 feindliche. Wir hatten 990000 Gefangene verloren, davon 170 000 in Rußland. Die Feinde hatten allein in Deutschland 2 500 000 Gefangene. Aus unseren Dörfern waren 6 Mann in Kriegsgefangenschaft. Das Schicksal von 97 000 deutschen Kriegsgefangenen ist immer ungeklärt geblieben, eine Zahl, die im zweiten Kriege weit übertroffen wurde. An Kriegskosten hatte das Reich 98 Milliarden in neun Kriegsanleihen aufgebracht. Pro Tag hatte der verlorene Krieg somit 62V2 Millionen Mark gekostet.
All die Opfer an Gut und Blut, an Gesundheit und Leben, die tausendfachen Nöte der 1562 Tage waren für nichts vertan. Und doch überwog, als die Kanonen verstummten, zunächst die Erleichterung, daß der große Völkermord vorbei war. Wie viele Hoffnungen trogen indessen! Die verhaßten Marken für Brot, Fleisch, Fett, Milch, Eier, Zucker, Nährmittel, Seife, Tabak, Kartoffeln, Kohlen und allen Bedarf des Lebens, Kleidung, Schuhe, usw. blieben vorläufig. Der Ersatz regierte weiter, Ersatz nicht nur für Kaffee, sondern sogar für Kaffee-Ersatz, aus gerösteten Rüben und Eicheln; es gab Schmalzersatz, und Ersatz für Seife; wir beschmierten uns mit Tonstückeii, banden unsere Pakete mit Papierkordel, trugen Anzüge halb aus Reißwolle (Lumpenwolle) und halb aus Papierfaser, klapperten mit Holzsohlen durchs Land, rauchten Buchenblätter statt Tabak, tranken „deutschen" Tee aus Erdbeer- und Himbeerblättern, aßen Marmelade aus Holunder- und Vogelbeeren, hatten gedörrte Rübenschnitzel, die das Vieh nicht mochte, als „Dörrgemüse", das der Landser voll Abscheu „Drahtverhau" nannte, aßen feucht-klebriges Brot, das mit unbekannten Mehlen gestreckt war, man laugte wieder, wie vor 200 Jahren, Asche aus, um Waschlauge zu gewinnen und kochte von wohlgenährten Hunden gute Seife, die auch schäumte, man schrieb seine Anträge für irgendwelche notwendige Zuteilungen auf schlechtes Papier, auf dem die Tinte zerfloß und ahnte nicht, daß man kaum 25 Jahre später noch nicht einmal Papier, Tinte, Feder und Bleistift kaufen konnte.
Toller Wirbel
Am 28, Juni 1919, dein Jahrestage von Serajewo, wurde der Diktatfriede in Versailles unterzeichnet. Die Sorge um das tägliche Brot, überdeckte den Schreck um die Verluste, die wir hinnehmen mußten: 70 600 qkm Land und 3 Mill. qkm Kolonien, die ganze Kriegs- und Handelsflotte, Lokomotiven und Eisenbahnwagen, 41 000 Pferde, 184 000 Stück Rindvieh, Schafe, Schweine, Ziegen usw. Kohlen, Koks, Maschinen, Industriewaren, Barzahlungen, An Reparationen sollten erst 269 Milliarden Mark gezahlt werden, die dann, als die deutsche Währung zusammenbrach, auf 132 Milliarden herabgesetzt wurden. Noch 1929 verlangte der Youngplan Zahlungen bis 1988! — Von der erzwungenen Unterschrift zur Alleinschuld am Kriege und Zurückhaltung der Kriegsgefangenen bis 1920 ganz zu schweigen. Der jungen Demokratie wurden die ersten Gehversuche so schwer wie eben möglich gemacht und ihr alle Hilfe verweigert, sowohl seitens der ehemaligen Feindmächte als auch seitens bestimmter Parteien im eigenen Lande. So war die Saat gesät, die am 30. Januar 1933 fürchterlich aufgehen sollte.
Die Folge dieser totalen Ausplünderung und Verarmung war die völlige Entwertung der Währung. Galt bis dahin der USA-Dollar 4,20DM, so zahlte man dafür 1919 schon 50 Mark, im April 1923 kostete der Dollar 50000 Mark, Va Jahr später ging es in die Milliarden.
Preise : 1) vor 1914, 2) 1919, nach dem Kriege, 3) im Frühjahr, und 4) im November 1923. — Ein Ei 1) 5—8 Pf, 2) 25 Pf, 3) 400 M, 4) 80 Milliarden. Ein Liter Milch. 1) 12—18 Pf, 3) 700 M. Ein Pfund Butter 1) 1,20 M, 2) 3 M, 3) 9000 M, 4) 6 Billionen. Ein Pfund Kartoffeln 1) 3—4 Pf, 2) 12 Pf, 4) 50 Milliarden. Ein Zentner Weizen 3) 90 000 M. Ein Paar Schuhe 3) 120 000 M. Ein Anzug 3) 500 000 M. — Solche Preise waren im November 1923 kaum noch in Zahlen auszudrücken. Die Marburger Studenten zahlten pro Woche für ein Zimmer, ein Brot, was Anfang November 1923 etwa 77 Milliarden, Ende des Monats 770 Milliarden entsprach; nach heutigem Geld war das 6,00DM monatlich. Mitte November 1923 betrug der deutsche Notenumlauf 90 Trillionen Mark, das ist eine Zahl mit 25 Nullen. In Gold- oder Dollarwert umgerechnet waren das nicht mehr als 150000 Goldmark im ganzen Reich oder kaum 40000 Dollar. Die Fabriken entlohnten täglich, das Papier„geld" wurde mit Waschkörben in Möbelwagen geholt und die Arbeiter setzten es auf dem Nachhausewege, wenn möglich, sofort in Waren um. In diesem Zahlen- und Nullentaumel wurde im September 1923 die elektrische Lichtanlage bis zu den Hausanschlüssen im Dorf gelegt. Preis 23 000 Millionen. Es brannte aber erst im Mai 1924, nachdem die neue Währung eingeführt war. Des Hungers der Kinder, der Not der Alten, der Aufstände des „Spartakus", des Kapp-Putsches ist hier gar nicht gedacht, da sich das mehr im städtischen Bereich abspielte.
Erst kurz vor „der Machtergreifung" fanden die Hitlerschen Schlagworte auch hier Eingang, „Erzeugungsschlacht" und „Leistungssteigerung" sollten Deutschland autark machen, damit der große Krieg gewagt werden konnte und für jede Jauchegrube gab es Zuschüsse, doch die vielgenannte „Aufrüstung des Dorfes" blieb weiter nichts als eine Lockspeise, aber „rasserein" und „arteigen" sollten wir alle und sollte alles sein.
Nichts ist bezeichnender und augenfälliger für die eiserne Beharrlichkeit des Oberhessen als die Wahlergebnisse in unseren Dörfern, durch die Jahrzehnte unter verschiedenen politischen Systemen. Ob es in „Wilhelms Zeit" war, ob in der Weimarer Republik, in den „Zwölf Jahren", in der Bonner Republik, man wählt immer dieselbe Partei. Alle anderen bleiben nur Splittergruppen. 1924 kommen die Deutsche Volkspartei und die Sozialdemokraten zusammen auf 11% der Stimmen, 1949 haben die Liberal-Demokraten und Sozialdemokraten zusammen 25%. In Hitlers „Kampfjahren", als wir noch freie Wahlen hatten, erreichte „Der Führer" in Bauerbach ganze 2—3, und einmal 4 Stimmen. Die „Wahlen" des Dritten Reiches erbrachten regelmäßig, wie überall 98—99% der Stimmen für den Führer.
1939/1945, das große Unheil und sein Ende
Da stehen die Herren im Scheinwerferschein.
Die stehlen die Seeion, krakeelen, befehlen,
und glauben bald Götter zu sein.
Das Volk ist für sie zum Bedienen da,
und eins Tags — stehn die Ruinen da! (Günter Neumann)
Am 1. September 1939 hatte es begonnen. Kaum drei Wochen später war der Feldzug in Polen zu Ende und bayrische Truppen der 10. Division unter General v, Cochenhausen rückten in unsere Dörfer ein. In Bauerbach lag ein Bataillonsstab des Infanterie-Regiments Nr. 14 aus Amberg, Oberpfalz, etwa 90 Mann mit ihren Reitpferden und Gespannen. Der Kommandeur, Oberstleutnant Petri, lag im Pfarrhaus in Quartier, die Meldestaffel lag bei Stauze (Nr. 3), die Küche und Schreibstube bei Krause (Nr. 16) und Beizers (Nr. 17). Die Kompanien dieses Bataillons lagen in Ginseldorf, Schönbach und Kleinseelheim. Schwere Artillerie, 15 cm, lag in Mardorf, Roßdorf, Holzhausen, Ofleiclen und anderen Orten. Später ist manche Braut ihrem Bayern in seine Heimat gefolgt, so Cäcilie Baumgarten, Frau Luber und mancher bayerische Soldat blieb auch nach dem Kriege hier oder kehrte zurück, so Johs. Hartl in Ginseldorf. Als am 10. Mai 1940 der große Angriff auf Frankreich anrollte, fluteten die Armeen nach Westen und die Heimat sah keine Einquartierung mehr bis zum Kriegsende. Da freilich auf ganz andere Art, wie man es sich in den ersten siegreichen Kriegsjahren nicht gedacht, aber wie man es seit dem Unheil von Stalingrad mit Bangen kommen sah.
Nachdem am 6. Juni 1944 die Landung der Amerikaner und Engländer in der Normandie geglückt war, begann die feindliche Luftwaffe planmäßig die Eisenbahnen, Bahnhöfe, Knotenpunkte, Landstraßen, Brücken, Industrien und alles, was kriegswichtig war, mit einem ständigen Hagel von Bombenteppichen niederzuwalzen. Damit begann auch der Krieg in unseren Dörfern fühlbar zu werden. Bisher hatte man nur an dem Menschenmangel, den Todesnachrichten und der Kartenbewirtschaftung den Gang der Weltpolitik vermerkt. Jetzt kamen die aus den Städten Geflüchteten auf das stille Land. Im Herbst 1944 mobilisierte man die allerletzten Reserven, den Volkssturm, die Reste der Männlichkeit, die wegen Alters- oder irgendwelcher Schwächen nicht zum Militärdienst fähig waren.
Und erst das Reisen! Seit Herbst 1944 wurde der Bahnverkehr unter den immer schwerer werdenden Bombenangriffen unregelmäßig. Im Januar stockte er ganz. Der Fernverkehr, die D-Züge hörten auf. Der Nah- und Berufsverkehr ging noch in etwa. Im Postverkehr wurden nur noch die Nachbarorte bedient. Daß Briefe verspätet oder gar nicht ankamen, war man schon gewohnt. Endlich lag alles still und wurde erst im August 1945 wieder aufgenommen.
Bei Fliegerangriffen waren schon öfters Bomben in Ortsnähe gefallen, die alten Trichter im Lahnberg werden uns noch lange daran erinnern. Am Läusköppchen fing durch Bombenwurf ein Waldbrand an, den hinzueilende Leute (Konrad Huhn) löschten. Am 22. Februar 1944 und 1945 waren schwere Luftangriffe auf Marburg. Drei Tage später, 1945, es war gegen acht Uhr morgens, während der Sonntagsmesse, erschütterten Detonationen vom Bahnhof Sarnau her das ganze Dorf, Klirrende Scheiben, schreiende Frauen und Panik in der Kirche. Der Pfarrer unterbrach die Predigt, betete ein Reuegebet, erteilte die Generalabsolution und mahnte die Leute ruhig nach Hause zu gehen. Doch konnte die Messe zu Ende gefeiert werden. Am Nachmittag war die Beerdigung von August Böttner I. Der Leichenzug war beim Schulgarten, als plötzlich feindliche Jagdflugzeuge („Jager") heranheulten, gefolgt von Bombern, die Bomben auf Reddehausen warfen. Schnell wurden die Schulkinder heimgeschickt, die schleunigst davonstoben. Den Sarg ließ man auf der Straße stehen und alles nahm Deckung. Der Priester und die Meßdiener, die durch ihre weißen Rochets am meisten auffielen, suchten hinter der Hecke Schutz. Die Flieger schwenkten nach Marburg ab. Den Buben machte die Fliegergefahr womöglich noch Freude. Wagehälse kletterten auf die Obstbäume auf den Lohstückern um besser „beobachten" zu können! Mit den schweren Luftangriffen vom 5. und 12. März auf Marburg setzte von dort eine wahre Massenflucht auf die Nachbarorte ein. Das Pfarrhaus war Wohnungsvermittlungsstelle geworden. Auch solche, die aus den gefährdeten Großstädten nach Marburg „evakuiert" waren, die dort bisher eine Insel des Friedens gefunden hatten, kamen nach hier geflohen. Professor Reike, ein Freund des Veit-Stoss-Forschers Dr. A. Jäger (siehe Abschnitt Joh. Leonhard Stoss), Dr, med, Mon-dry aus Marburg, der schwer Kriegsverletzte Fritz Trott zu Solz, jetzt Oberforstmeister, waren unter den Gästen des Pfarrhauses.
Die Bewohner des Ortenbergviertels, um die Dürerstraße, die von den Bomben in den Lahnberg flüchteten, gerieten im Gefalle erst recht in den Hagel der fallenden Bomben und sahen zu ihrem Entsetzen dort Bombentote liegen, darunter mehrere Fremdarbeiter. Ein Marburger, Hermann Glocke (geb. 1881) aus der Andrestraße, der mit seiner Frau bei Dörrs Zuflucht gefunden, ging am Morgen des 12. März, es war gerade sein Geburtstag, durchs Gefalle nach Hause. Als er dort zwei Bekannte traf (Muhn und Schwaner), gerieten sie in einen schweren Bombenangriff. Sie suchten Deckung, aber Glocke wurde von einem herabstürzenden Felsblock, den die Bombeneinschläge an dem Steilhange gelöst hatten, schwer getroffen. Er starb in der folgenden Nacht in der Klinik, die damals in das Gymnasium ausgelagert war.
Am 19. März fuhr Jos. Preiß, der beim Bunkerbau in Fulda war, mit der Schwester und dem Schwager des H. Pfarrer in Kurts Chaise nach Kirchhain, mitten in einen Bombenangriff hinein, aus dem sie aber glücklich entkamen. Tags zuvor hatten Bomben die katholische Kirche und das Pfarrhaus in Kirchhain in Trümmer gelegt, wobei es im Pfarrhaus fünf Tote gab, Frau Leni Göbel, Pfarrersgattin auf Frankfurt, kam mit zwei kleinen Kindern, 4 und 6 Jahre alt, und mit ihrer Mutter von Frankenberg her, übernachtete im Pfarrhaus, ließ ihre Koffer hier und fuhr mit ihrem Kinderwagen weiter, Richtung Frankfurt. Frau Eickhoff aus Bremen, deren Mann in Norwegen gefallen war, kam auch mit ihren beiden Kindern Berni und Margret hierher. Wie ein aufgestörtes Wespennest waren unsere Dörfer in diesen Tagen. Die meisten Häuser waren noch mit Evakuierten, so hießen die aus den bombardierten Städten Zurückgeführten, die Bombenflüchtlinge, belegt. Zehn Jahre später haben Kinder der Oberstufe durch Umfragen festgestellt, was noch im Gedächtnis haften geblieben war. Rund 70 Personen aus Marburg lagen in 14 Häusern, 30 in 8 Häusern aus Köln, Wuppertal und anderen rheinischen Städten, 15 waren aus Bremen, 6 aus Berlin, andere aus Westfalen, Frankfurt, Ostpreußen und Gegenden, die heute vergessen sind. Im ganzen werden es 130 Menschen oder auch mehr gewesen sein, die in Bauerbach und etwa 130, die in Ginseldorf ihren rettenden Hafen fanden.
In den letzten Märztagen 1945 schwemmte dann die Flut der zerschlagenen deutschen Heere, die meisten kaum oder gar nicht bewaffnet, durch das Land. Etwa 320 Mann ließen sich noch zählen, die 4—6 Tage in 24 verschiedenen Häusern in Bauerbach Einlager fanden. Da waren Infanterie, Sanitäter, Versprengte der Luftwaffe und Fallschirmjäger sowie Waffenarten und Einheiten, die den Leuten unbekannt waren.
Die Karwoche wurde die Schicksalswoche. Am Palmsonntag, dem 25, März, war in Bauerbach schon um 6 Uhr und in Ginseldorf um 7.20 Uhr hl. Messe, Wie zuvor, am 25. Februar, fielen bei Ginseldort schwere Bomben, daß alles schüllerle und die Leute aus der Kirche stürmten. Der Pfarrer mahnte zur Ruhe, betete ein Reuegebet und gab die Absolution, Die Kinder wurden einzeln tortgeschickt. Als die Leute zurückkamen, begann die Messe — nach dem Credo krachten von neuem die Einschläge, doch konnte die Messe beendet werden. Am Dienstag stand in ßauerbach eine Sanitätskolonne unter der 1942 abgestorbenen großen Linde vor der Schulscheune. Auch andere Scheunen und Höfe waren belegt. Sie rückten nach Ginseldorf ab. Am nächsten Tage kamen geflüchtete deutsche Soldaten in voller Auflösung durchs Dorf. Das Ende des Krieges zeichnete sich ab. Allein auf sieben Höfen lagen rund 260 Mann, bei Stauze, Hofmanns, Kissels, Schülers, Kurts, Meuers und Wiebers. Im heutigen Jugendheim, dem ehemaligen „Rathaus", wo 1939 die Schreibstube der Bayern war, lagen französische Fremdarbeiterinnen. Die Amerikaner eingerechnet, wird der Krieg mindestens 800—1000 Menschen durch unser Dorf geschleust haben und in Ginseldorf sind es nicht erheblich weniger gewesen. Aus Deutschland und Nachbarstaaten, aus Übersee, aus allen Altersstufen und Berufen, Sprachen und Konfessionen.
Sie kommen!
Lähmend war das angstvolle Warten, mit dem man dem großen Unbekannten, dem nahenden Kriege, vielleicht der kommenden Schlacht, entgegensah. Seit von 1806—1813 die Armeen Napoleons und die Soldaten seines Bruders Jerome Deutschland besetzt gehalten hatten, war kein fremder Soldat mehr gesehen worden. Was kam nun? — Es war am Mittwoch vor Ostern, sonnige Tage waren Verbündete der Amis, als nachmittags der Feind Ebsdorf, Beltershausen und Moischt besetzte. Von hier aus schickten sie einzelne Granaten in die Nachbarorte.
Die Karwoche 1945
Gründonnerstag, den 29. März.
Früh um 4 Uhr weckte das Rollen der Panzer die Bewohner des Dorfes. Um 6 Uhr kam das Getöse die Marburger Straße herab auf das Dorf zu. Kurz darauf standen die ersten Panzer im Ort, drehten an Jennemanns Ecke und fuhren zurück. Drei weitere kehrten bei Hofmanns um. An vielen Häusern und am Kirchturm wehten weiße Fahnen. Die Panzersperre an der Sandkaute, die der Volkssturm aus gefällten Baumstämmen errichtet hatte, umfuhren die Panzer ohne Aufenthalt. Unter dem Rollen feindlicher Panzer wurde um 7 Uhr ungestört der Gründonnerstags-Gottes-dienst gehalten. Um 11 Uhr hatten die Erstkommunikanten eine Betstunde, in die das ferne Krachen der Einschläge hineintönte, Mittags um 12.30 Uhr kam Bürgermeister Franz Riehl, holte Pfarrer v. Keitz und den Prof. Reike, der englisch sprach, ab und ging mit ihnen, ein weißes Fähnchen tragend, zu den auf der Höhl wartenden USA-Panzern, um das Dorf kampflos zu übergeben. Die Amerikaner verlangten Übergabe der deutschen Soldaten, die noch im Dorfe waren und drohten mit Beschüß. Fünf Mann kamen in Kriegsgefangenschaft, Ludwig Baumgarten (Haus 2), Ludwig Nau (Haus 39), Theodor Böttner (Haus 85), der gerade von Norwegen auf Urlaub war, Ludwig Herbener, Kissels, der gerade im Stall fütterte und in seiner Arbeitskleidung abgeführt wurde, und Konrad Braun, Krause.
Fünf Mann hatten Glück und konnten entwischen: Konrad Gölzhäuser, der in Allendorf Wachsoldat war, konnte noch rechtzeitig in Zivil schlüpfen, ebenso Karl Pfeiffer, der aus dem Lazarett Wehrda kam und Heinrich Weitzel, der auf Tannenberg als Ausbilder war. Anton Schick (Haus 21) und Lehrer E. Schramm waren bereits vom Militär entlassen.
Ein holländischer Knecht aus dem Fremdarbeiterlager Allendorf, der bei Kurts arbeitete, verriet in Kurts Scheune versteckte Soldaten und fuhr dann mit einem Ami-Panzer ab. Der ehemalige Gegner hat 10 Jahre später das Dorf und Kurts besucht, doch den Verrat von 1945 hatte man ihm nicht vergessen.
Da sich in Kirchhain eine kleine deutsche Abteilung festgesetzt hatte und völlig sinnlosen Widerstand leistete, stockte der Vormarsch. Auf der Kirchhainer Straße standen in endlosen Reihen Panzer und Fahrzeuge aller Art, weithin in der Ohm-ebene sichtbar. Da die Amerikaner auch hier Widerstand erwartet hatten, ging ein Geschütz am Marktweg in Stellung. Die Jagdhütte Schrnenners in der Wann schien verdächtig und wurde mit drei Schuß weggefegt. Auch ins Dorf gingen einige Schuß und das Haus Nr. 72 (Wend. Böttner), wurde getroffen. Beinahe hätte es noch Verluste gegeben, als einige Bauerbacher vom Seelheimer Walde aus der Beschießung Anzefahrs zusahen. Auch dort hatte zweckloser Widerstand Feindbeschuß herausgefordert, den das Dorf teuer bezahlen mußte. Die „Manövergäste" am Seelheimer Walde mochte der Ami für Soldaten halten und setzte einige Schuß hinüber, denen aber nur ein Baum zum Opfer fiel.
Um 14.30 Uhr rückten die Panzer ins Dorf. Alle Waffen mußten abgeliefert werden, auch Jagdgewehre und alles, was auch nur entfernt nach Waffe aussah. Die Hakenkreuzfahnen, soweit man sie nicht schon vernichtet hatte, ließ man gerne verschwinden. Ein Hitlerbild war im ganzen Ort nicht mehr zu finden. Für 24 Stunden bestand völliges Ausgehverbot und für 48 Stunden Verbot, das Dorf zu verlassen.
Nun wurden alle Höfe, ja fast jedes zweite Haus belegt. Die Leute mußten ausquartieren und lagen zumeist in der Scheune auf dem Heu. Alle Höfe standen voller Fahrzeuge, besonders Kurts und Schicks. Bei Gölzhäuser stand die Feldküche, beim Bäcker Weitzel war die Schreibstube, auf Orems Bettewiese war alles voll Jeeps (gekürzt aus GP, d. h. general purpose oder Mehrzweckewagen). Oberhalb des Friedhofs, rechts und links der Straße gingen Geschütze auf den Äckern in Stellung. Abends gegen 18 Uhr beschossen deutsche Flieger die USA-Kolonnen, die Richtung Ginseldorf zogen. Einige Dächer bekamen Durchschüsse ab. Bürgermeister Rhiel mußte mit dem ersten Panzer nach Ginseldorf fahren.
Karfreitag.
Der Gottesdienst um 8 Uhr verlief ungestört. Der Durchmarsch auf Ginseldorf zu ging pausenlos weiter. Im Großen gesehen, war das ein Teil der Einkreisung des „Ruhrkessels". Die I. Amerikanische Armee unter General Hodges stieß über Marburg (Bauerbach-Ginseldorf) nach Norden vor und besetzte noch am 29. März Hallenberg und Medebach. Sie hatte bei Remagen den Rhein überschritten, während General Patton am 22, März bei Mainz den Rhein querte, vier Tage später Frankfurt nahm und sich mit Hodges vereinigte. Sie sollten sich bei Brilon mit der 9. Amerikanischen Armee vereinigen, die bei Wesel den Rhein überschritten hatte. Beide Armeen sollten die starken deutschen Kräfte einkreisen, die im Ruhrgebiet standen, Dabei entwickelten sich um Winterberg schwere Kämpfe. In Niedersfeld, dem Geburtsort des Verfassers, standen acht Tage lang über 60 Geschütze, erst deutsche, dann amerikanische, die in schweren Kämpfen fast das halbe Dorf zerstörten.
Von den 68 Wohnhäusern, die Bauerbach damals hatte, waren 24 ganz oder zum Teil belegt. Manchem ließen die Amis heißbegehrte Raritäten zurück, Bohnenkaffee, Zucker, gute Seife usw. Aber was sie mitnahmen oder verdarben, überwog doch bei weitem: Würste, Hühner, Eier, Küchengerät, Bettzeug, Kleidung, Silbergeld, ein Jagdgewehr und anderes, nachdem sie Holz und Kohlen restlos verfeuert hatten.
Ostermontag, den 2. April, war die Feier der Erstkommunion. Dieser Jahrgang wird seine Feier nie vergessen (Jahrgang 1936). Die Sperrzeiten mußten genau eingehalten werden; von abends 17 Uhr bis morgens 8 Uhr durfte niemand sein Haus verlassen. Ostermittwoch zog die Besatzung ab. Einige Häuser waren arg zugerichtet. Eine Erlösung war es, daß man nicht mehr zu verdunkeln brauchte, und es war erfreulich, wenn man abends wieder die traulichen Lichtlein der Dörfer und Städtchen aus der Ohmebene heraufschimmern sah.
Am 20. April hatten wir einen eigenen Besuch. Mit einem USA-Sanitätsauto kam Frl. Lehrerin Franziska Faupel, die 1932 in Bauerbach war, als Rote-Kreuz-Schwester durch Marburg und ließ sich kurz mal nach Bauerbach fahren, überhaupt waren Reisen und Post wieder mittelalterlich geworden. Man reiste zu Fuß und beförderte Briefe durch private Boten. Mancher Oberhesse, der im Ruhrgebiet lebte, kam zu Fuß in die alte Heimat getippelt, Studienrat L. Gölzhäuser wanderte im April, mitten im Kriegsgeschehen, von Hanau nach hier und ging im Mai zurück. Otto Baumgarten brachte H. Pfarrer v. Keitz einen Brief aus Bad Orb, der vom 27, 5. bis 13. 6. unterwegs war. Herr Gölzhäuser nahm die Antwort mit zurück.
Abgeschossene Panzer standen jahrelang im Gelände, an der Großseelheimer Straße, an der Straße oberhalb des Schröcker Brunnens, in der Arzbach, an den Deutsch-Herren-Äckern und an der Kirchhainer Straße. Ein gefundenes Fressen für die Buben, die mit der drehbaren Kuppel wundervoll Karussell fuhren, bis Ernst P. dabei ein Zeh abgequetscht wurde. In der Nähe des Panzers fand der Knecht auf Kurts Acker an der Kirchhainer Straße eine Handgranate, die beim Fortwerfen eines der Pferde tötete und ihn selbst verwundete. Auf Meuers Acker am Haar-Rain war eine Bombe eingeschlagen, ein Blindgänger, der im Herbst 1960 nicht mehr gefunden werden konnte, weil er in allzu großer Tiefe dem Suchgerät des Sprengkommandos aus Kirtorf entging.
Verfuhren die Amis noch glimpflich mit den Leuten, so machten es die Polen, Tschechen und Jugoslawen, die aus den Fremdarbeiterlagern Allendorfs kamen, und von den Amis auf die wehrlosen Deutschen losgelassen wurden, um so schlimmer. Wer mit seinem Fahrrad abfuhr, kam sicherlich ohne dasselbe wieder heim, er wurde überfallen und beraubt. Mit Lastwagen kamen sie an, Waffen hatten sie auch, überfielen die Höfe, nahmen was sie brauchen konnten, untersuchten jedes Hühnernest, schlachteten bei Haars ein fettes Schwein und besuchten Kurts Fleischkammer. Daß'sie nicht hineinkamen, lag daran, daß dem Bauer der Schlüssel aus der Tasche fiel, den Theodor unbemerkt aufhob und verschwinden ließ. Oft genug griffen die Wehrlosen bei den Raubzügen der fremden Plünderer zu mittelalterlichen Waffen, zu Mist- und Heugabeln und zu Knüppeln, Der Überfall aufs Forsthaus am 20. Januar 1946 verlief mit knapper Not ohne Menschenopfer. Als abends schon für alle Sperrzeit war, kamen gegen 22,30 Uhr etwa 15 Polen vor das Forsthaus, nachdem sie die Telefonleitung durchschnitten hatten, schössen erst durch die Haustür, drangen dann ins Haus, setzten dem Förster Klos eine Pistolenmündung an die Schläfe und eine vor die Brust und verlangten Fleisch und Wurst. Da nichts im Hause war, schlugen sie ihn nieder und traten ihn. Er konnte auf den Boden flüchten und um Hilfe rufen. Es war sein Glück, daß es zufällig ein Mädchen im ziemlich entfernten Dorfe hörte, denn „Auf den Betten" stand erst e i n Haus (Heinr. Weitzel). Das Feuer-wehrhorn blies Alarm und die Leute kamen mit Äxten und Knüppeln an, worauf die „Helden" enteilten. Vorher aber hatten sie wohl an die zwanzig Schuß auf den Förster, der auf dem Dachboden war, abgefeuert. Die Lehrerswitwe, Frau Kerckhoff, aus Köln evakuiert, bekam einen Schuß ins Bein. Später wurde Förster Klos bei der Kriminalpolizei den Verbrechern in Person und per Foto gegenübergestellt und erkannte mehrere wieder. Dieselben hatten auch in Höingen eine Wirtschaft überfallen, wobei der Wirt jenen, der Förster Klos bedroht hatte, mit seiner, des Räubers, eigener Pistole in Notwehr erschossen hatte. Ihre Zuchthausstrafe haben die Verbrecher zum Teil abgesessen und wurden dann in ihre polnische Heimat entlassen.
Der 1953 verstorbene August Fröhlich war bei diesen Überfällen immer einer der ersten am Feind, so daß seine Familie um sein Leben bangen mußte.
Daß das Bauerbacher Forsthaus zwei Jahre lang sicherer Hort für unbezahlbare Kunstschätze gewesen ist, ist unbekannt geblieben. Am 12. November 1943, als die Bombengelahr sich steigerte, lud ein Möbelwagen von der Firma l ieppe wertvolles Kunstgut ab, das in einem Zimmer des Forsthauses gelagert wurde. Dieses Zimmer hat niemand betreten und benutzt, bis im Herbst 1945 die Sachen wieder ins Museum gebracht werden konnten. Als im März die Amerikaner kamen, haben sie den Hort respektiert und unberührt gelassen. Eine Akte des Museums gibt an, daß in 16 verschiedene Dörfer des Kreises Kunstgut ausgelagert wurde. Für Bauerbach sind 50 Items angegeben: Darunter aus dem Mittelalter: zehn „Totenschilde" aus der Elisabethkirche, Figuren vorn Lettner, eine Figur, hl. Anna, von Ludwig Juppe, mehrere Deutsch-Ordens-Kreuze und ein Landgrafenschild, eine Achatschale vom Elisabethschrein, ein roman. Crucifixus, drei Kelche, ein Fuldaer Zepter, ein Kapitell (Säulenkopf) aus der Karolingerzeit, sechs wertvolle Bücher, darunter eins von Peter Schöffer (1470) (Buchdrucker, 1425—1503) und eine Kölner Chronik von 1499, ferner 81 hessische Münzen. An hessischer Bauernkunst: eine Kirschbaumtruhe und eine andere Truhe, Töpferei, Marzipanmodeln, einen Pultkasten mit Orden, Flachsbrechen und Weinfäßchen. Schließlich noch bedeutende Ölgemälde, Aquarelle, Tempera, von Ubbelohde, Giebel u. a. Künstlerskizzen, Menzel-Zeichnungen und Bronzebildwerke. Förster Klos hat alle diese Kunstwerte unter strengstem Stillschweigen behütet, bis die Bombengefahr überstanden war.
Das Dorfbild der Kriegszeit wäre lückenhaft, wollte man nicht die Rüstungsarbeiter und Kriegsgefangenen erwähnen. Schon vor dem Kriege kam täglich ein Bus von Schröck her nach Bauerbach, der etwa zwanzig Mann nach Allendorf zur WASAG (Westfälisch-Anhaltische Sprengstoff-Aktien-Gesellschaft) brachte. Ein Italiener war der Fahrer, der mit einer Französin verheiratet war. Für die fehlenden Arbeitskräfte, die der Krieg beanspruchte, kamen Kriegsgefangene auf die Bauernhöfe. In Bauerbach waren es zunächst Polen, dann Franzosen, im ganzen neun. In Ginseldorf Polen und Franzosen, dann Fremdarbeiter, zusammen fünf. Die Gefangenen hatten ihr Lager in Ginseldorf beim Wirt Euker und „pendelten" täglich hin und her. Als der „Ami" einrückte, fragte ein Offizier nach der Behandlung der Gefangenen, Bürgermeister Rhiel verzichtete klugerweise auf sein eigenes Urteil und ließ seinen Franzosen befragen. Befriedigt und ihr Lob nicht verhehlend zogen die Amerikaner ab. Nur das Milchfuhrwerk und der Landwirt durften für die Feldarbeit das Dorf verlassen. Dann bekam jeder seinen Ausweis, der in kurzen Abständen mehrfach erneuert wurde, mit und ohne Foto, mit und ohne Fingerabdruck — kurz, ganz Deutschland war ein großes „KZ" (Konzentrationslager) geworden, und wir alle saßen hinter Stacheldraht, von der Welt abgeschnitten.
Auguste Raviard aus Bariin, Pas de Calais, der 1940 als Kriegsgefangener bei Auto-Noll in Kirchhain arbeitete, besuchte 15 Jahre später seinen Arbeitgeber, um für die gute Behandlung zu danken, die er, besonders während seiner Erkrankung erfahren hatte, Raviard ist Vorsitzender der Kriegsgefangenenvereinigung in Nordfrankreich.
Bei den Nachbarn
In Ginseldorf. Feindflieger, Bombenwürfe, rollende Panzer, Einmarsch und Einquartierung. Evakuierte und Bombenflüchtlinge, Räubereien der Fremdarbeiter und aller Aufruhr, den der Krieg im eigenen Lande mit sich bringt, das alles hat Ginseldorf ebenso durchlebt und durchkostet wie Bauerbach. Im Schulsaal lagen russische und polnische Fremdarbeiter und während der Kämpfe brachte man einen amerikanischen Verwundeten ins Dorf von Bürgein her, der hier starb. Auch hier mußte der Bürgermeister, Alois Bauerbach, auf dem ersten USA-Panzer mit nach Bürgein fahren.
In Anzefahr. Hier waren wenige Tage zuvor deutsche Infanteristen aus Dänemark eingetroffen, die den Bahndamm zur Verteidigung des Dorfes einrichteten. Als am Gründonnerstagmorgen der erste Panzer von Schönbach her durch die Ohmwiesen anrollte, wurde er beschossen, worauf er kehrt machte, Verstärkung holte, die das Dorf unter Beschüß nahm und siebzehn Gebäude in Brand schoß. Viele waren in Richtung Sindersfeld geflohen. Zwei Familien, Feußner und Weitzel, von denen jede schon drei Söhne im Kriege verloren hatte, sahen jetzt noch ihre Anwesen in Flammen aufgehen. Gerade Anzefahr hatte schon seit Wochen unter Angst und Schrecken gelebt, da feindliche Tiefflieger dauernd die Eisenbahnzüge angriffen. Am 14. Januar 1945 kamen dabei sechs Menschen ums Leben und 14 wurden verwundet.
In Marburg. Die erste Bombe, ein Einzelgänger, fiel im August 1940 auf die Universitätsstraße. Es ging dann glimpflich ab, bis am 22. Februar 1944 ein nach Westen zurückfliegender Bomberverband rund 100 Bomben ablud. Sie fielen beim Schülerpark am Krummbogen, am Ortenberg östlich des Hauptbahnhofs und im ganzen Kliniksviertel. In der Chirurgie starben Ärzte Schwestern, Patienten und Florenz Baumgarten, der dort arbeitete, unter den Bomben. Da die Bomben ohne lange Vorwarnung fielen, gab es über hundert Tote.
Am Jahrestag darauf, 22. Februar 1945, legte ein weit schwererer Angriff das Bahnhofsviertel platt. In die tiefen Stollen, die man am Steilhang jenseits des Bahnhofs gebaut hatte, flüchteten sich Hunderte von Menschen. Alle Viertelstunde kam eine neue Bomberwelle und 20 Bomben gingen auf den Steilhang nieder, die vier Stolleneingänge verschüttend. Beherzte Soldaten gruben die zu Tode Geängstigten wieder aus, indem sie die verschütteten Eingänge erweiterten, Hunderte von Bomben fielen im Gefalle in den Wald, da, wo heute die Bauerbacher auf kürzestem Wege durch den Wald nach Hause gehen. Die Angriffe wiederholten sich in gleicher Stärke am 5. und 12. März, wobei der „Europäische Hof", die Hauptpost, das Kath. Schwesternhaus und viele andere Gebäude zerstört wurden. Doch blieb die Altstadt fast unberührt erhalten. Ob wohl die Heilige über ihre Grabeskirche die schützende Hand gehalten hat?
Als der Ami nahte, hatte das General-Kommando IX. in Kassel die Verteidigung Marburgs befohlen. Hier in der Stadt lagen nur 800 Rekruten des Jahrgangs 1928, die erst 10 Tage Soldat waren, Lazarettkranke und alte Volksstürmer. Die Größen der Partei hatten sich aus dem Staube gemacht, nachdem einer erklärt hatte, es sei kein Grund zur Aufregung und die Entscheidung werde im Harz fallen. (!)
Am Abend des 27. März, als Hunderte von Panzern und Autos der USA-Armee schon in Lohra standen, waren die feindlichen Spitzen vor der Stadt. Panzer standen auf dem Rudolphsplatz und auf der Weidenhäuser Brücke, bereit, die Oberstadt unter Feuer zu nehmen. Der Rektor der Universität, Prof. Dr. Reinhardt, bat die anwesenden Militärs, die Stadt zu schonen, und diese gaben zu verstehen, daß nichts geschehen werde. Am 28. März ordnete Bürgermeister Voß, als alle anderen Dienststellen versagten, auf sich allein gestellt, die Niederlegung der Waffen an und übergab die Stadt. Ein großer Teil der am 29. März durchrollenden Panzer und Truppen waren völlig neu und in bester Verfassung, das Gegenteil unserer abgekämpften, zerschlagenen, fast waffenlosen Leute, die ungeordnet nach Osten fluteten. Nach 2036 Tagen, und an jedem derselben hatte man auf ein Ende, und bis 1943 noch auf ein gutes Ende gehofft, war der Krieg in unserer Heimat aus, während er anderswo noch sechs Wochen weitertobte. In Ostasien (Japan) fand der Krieg erst am 2, September 1945 ein Ende.
Schicksal im Lahnberg
Nur eines von Hunderttausenden, wie es mit gleicher Wucht und Schwere arme Menschen zermalmte, die am Ausbruch und Verlauf dieses unheilvollen Krieges völlig unschuldig waren. Der Heimat beraubt, abgeschnitten von Familie und Freunden, ohne Arbeit und Einkommen, Mangel leidend an jeglichem Bedarf des Leibes und voller Angst und Zweifel die Seele, so irrte der Schlesier Peter Schyma, aus italienischer Gefangenschaft gekommen, umher. Er suchte seine Frau, die, wie sich später herausstellte, nach Westfalen gellohen war. Im Lahnberg hatte er seit einiger Zeit ein Zelt und holte sich in den Dörfern den nötigsten Bedarf. Nach kurzer Krankheit muß er gestorben sein. Waldbeerptlücker fanden ihn Ende Juni 1946. Sein Tagebuch wies aus, daß er noch zwei Tage vor seinem Tode eine Eintragung gemacht hatte. Auf dem Friedhof zu Bauerbach liegt er bestattet.
Unsere Heimatvertriebenen
|
Wir ohne Heimat irren so verloren |
Die herrenlosen Katzen in den Gassen |
(Max Herrmann, Neisse)
Man nannte sie — und nennt sie noch — Flüchtlinge, obschon solche nur die sind, die aus der Ostzone zu uns flüchten. Auch der Name Neubürger will nicht so recht heimisch werden. Wer sich überzeugen will, wie die Vertreibung vor sich ging, der lese das 500 Seiten starke, aufschlußreiche Buch von Dr. Wilhelm Turnwald, Dokumente zur Austreibung der Sudetendeutschen. 1952.
In Bauerbach
Sie kamen 1946 in drei großen Schuhen, am 15. Februar 33 Personen, am 11. Mai 31 und am 23. August 31, an späteren Zuzügen noch 20 Mann, im ganzen 115. über 40 neue Namen kamen ins Dorf, meistens waren es Familien, auch einzelne Personen. 34 Familien haben bis 1955 einschließlich 60 Kinder zur Schule geschickt. Obschon das Dorf damals etwa 20 Wohnhäuser weniger hatte als heute, 1960, sind doch alle unter Dach gekommen, wenn auch nicht immer reibungslos.
Ihre Namen:
|
Benedickt Betzier * Birkner * Biedermann * Buchta * Eibisch Fichtner Lügner * Gaube * Gron Henning |
Jannasch Jedlicka Kaiser * Kampe Kaudewitz * Keil Lein Lill * Machazek Manske * |
Meixner * Morano * Müller Panzner Pichl Pillokeit * Fleier Plooß * Putzler * Ramthun * Reinl |
Sattler * Seifert * Schimmer * Scholz Schöttner * Stingl * Strohmayer * Tomczik Totzauer * Wagner * Wiedner * |
Die Mehrzahl, 31, sind aus dem Sudetenland, vier aus den Ostgebieten jenseits Oder-Neiße, vier aus der Zone und zwei aus Westdeutschland. Die mit * vermerkten sind (bis August 1960) wieder fortgezogen oder verstorben. Es sind in beiden Orten etwa 40 Familien und Einzelpersonen, die wieder fortgezogen sind.
In Ginseldorf
Ihre Namen:
|
Brocek * Donath * Dudda Goslovsky Hammerl * Hökendorff * Hüttl * lliichmann |
Gissl * Kappel * Kleinert Klügl * Kuba * Lang * Laschober Lux * |
Mahder Moka * Neumann * Paßlcr Pfeiffer Rauch Scholz * |
Seidel Singer Sturz Swoboda * Thumberger Ullschmied * Müller, Lehrer |
Zwei sind aus Ungarn, fünf aus Ostdeutschland (Schlesien), die anderen aus dem Sudetenland. * sind fortgezogen (ausgewandert).
Vielen dieser Namen sieht man ihre süddeutsche Herkunft an, sie endigen auf -el oder -1. So Pichl, Stmgl, Harti, Reinl, Seidel. Der Norddeutsche bildet die iindung gerne aut -ke, wie Manske, oder aut -mann, wie lliichmann. Namen aus slawischen Sprachen sind ohne weiteres kenntlich: Buchta, Dudda, Kuba, Moka, Jedlicka, Svo-bodd, — Brocek, Goslovsky, Kaczmarek, Machazek, Kaudewitz, Tomczik, Pillokeit, Deshalb brauchen die Träger des Namens nicht slawisch zu sein. Unter dem Druck der Verhältnisse hat mancher seinen Namen polonisiert, französiert usw. Ein Krauthofer nannte sich Krotowski, ein Vogler Fouclair. Daß der Deutsche nicht nur auf dem Gebiet der Namengebung anpassungsfähig ist, zeigt der Vorgang der „Einschmelzung" der Heimatvertriebenen in den Volkskörper der „Altbürger". Zwar ist dies nicht, wie es wünschenswert wäre, geglückt, doch haben sich manche mit Einheimischen verheiratet und acht der „Neubürger" haben sich ein Eigenheim gebaut, oder haben ihren alten Beruf wiedergefunden. Jedoch überwiegen die gegenteiligen Fälle. Der Zug zur Stadt ist sehr stark; die meisten haben unsere beiden Dörler wieder verlassen. Nur jene, die als Kinder hierher kamen, haben mit der Annahme der heimischen Mundart auch sich der neuen Umwelt angepaßt. Wenn man die, die durch Heirat „einverleibt" worden sind, nicht mehr als Heimatvertriebene rechnet, dann machen diese kaum 9% der Einwohner aus. In Ginseldorf ist der Prozentsatz größer, er beträgt 11% gegen nur 7% in Bauerbach. (1946 waren es gar 27% in Bauerbach, für Ginseldorf fehlen die Zahlen.)
Zum Gedenken
Zum Gedenken derer, die ihr Leben ließen
|
No. |
Name |
1939/45 geb. |
Bauerbach gefallen in (od. gest.) |
Jahr |
Haus verh. No. Kin- | ||
|
Jahr Ort |
der | ||||||
|
1. |
Jennemanrt, Anton |
87 |
Bb. |
Wilna |
43 |
40 |
v. 4 |
|
2. |
Weitzel, Andreas |
03 |
Bb. |
Rußland |
45 |
66 |
V. 6 |
|
3. |
Scholz, Karl* |
06 |
Settens, Kr. Tepl. |
Kurland |
44 |
— |
— |
|
4. |
Böttner, August |
06 |
Bb. |
Stalingrad |
45 |
'42 |
v. 5 |
|
5. |
Weitzel, Franz |
07 |
Bb. |
Rußland, vermißt |
45 |
46 |
— • |
|
6. |
Braun, Eduard |
08 |
Bta. |
Rußland, vermißt |
45 |
22 |
— |
|
7. |
Bechthold, Josef |
09 |
Bb. |
Rußland, vermißt |
43 |
35 |
v. - |
|
8. |
Weitzel, Ludwig |
10 |
Bb. |
bei Kielce |
45 |
63 |
v. 2 |
|
9. |
Hahn, Josef* |
11 |
Sodau b. Karlsb. |
Neuland* |
45 |
— |
— |
|
10. |
Kraus, Eduard |
11 |
Bb. |
Rußland, vermißt |
44 |
lO'/ä |
v, - |
|
11. |
Rhiel, Heinrich* |
12 |
Roßdorf |
Lettland |
44 |
79 |
v. 4 |
|
12. |
Braun, Franz |
13 |
Bb. |
Kriwoi Rog |
43 |
22 |
— |
|
13. |
Weitzel, Pet. Hugo |
13 |
Bb. |
b. Witebsk vermißt |
44 |
53 |
— |
|
14. |
Rhiel, Konrad |
13 |
Bb. |
Rußland, vermißt |
44 |
3 |
— |
|
15. |
Huhn, Konr. Plac |
13 |
Bb. |
Kriwoi, Rog |
44 |
45 |
— |
|
16. |
Weitzel, Bruno |
13 |
Bb. |
Rimini, Italien* |
44 |
30 |
V. 2 |
|
17, |
Wltschek, Karl* |
13 |
Gratzen. Kr. Kapl. |
Neustadt, Schwerin* |
44 |
77 |
V. 1 |
|
18. |
Baumgarten, Herrn.* |
16 |
Kassel |
b. Stalingrad verm. |
43 |
— |
— |
|
19. |
Gölzhäuser, Anton |
18 |
Bb. |
Gleiwitz |
44 |
20 |
— |
|
20. |
Matt, Andreas |
19 |
Bb. |
Rußland, vermißt |
42 |
23 |
— |
|
21. |
Gerhard, Heinrich |
21 |
Bb. |
b. Orel |
43 |
12 |
— |
|
22. |
Böttner, Alois |
21 |
Bb. |
Rußland, vermißt |
41 |
34 |
— |
|
23. |
Pfeiffer, Heinrich |
22 |
Bb. |
St. Polten, österr.* |
44 |
55 |
— |
|
24. |
Petri, Eduard |
22 |
Bb. |
Rußland, vermißt |
44 |
26 |
— |
|
25. |
Weitzel. Karl |
23 |
Bb. |
Krim |
43 |
46 |
. — |
|
26. |
Huhn, Konstantin |
23 |
Bb. |
Rußland, vermißt |
43 |
41 |
— |
|
27. |
Preis, Alois |
23 |
Bb. |
Rußland, vermißt |
45 |
38 |
— |
|
28. |
Weitzel, Bernhard |
23 |
Bb. |
Nikopol |
44 |
31 |
— |
|
29. |
Richter, Harald* |
24 |
bei Saaz. Sudet. |
Italien* |
44 |
— |
„ |
|
30. |
Gerhard, Josef |
24 |
Bb. |
Normandie* |
44 |
12 |
— |
Verluste
Durch Bomben, an Kriegsfolgen, in Gefangenschaft starben
|
31. |
Wiedner, Karoline* |
05 |
Wojethin b. |
Teplitz-Schönau |
45 |
~_ |
— |
|
Stankau |
|||||||
|
32, |
Schyma, Peter* |
04 |
Kr. Pleß, Schles. |
im Lahnberg* |
46 |
— |
— |
|
33. |
Chara, Eduard |
12 |
Schlacken wert |
Rußland |
45 |
— |
v. - |
|
b. Karlsbad |
|||||||
|
34 |
Benedickt, Gerhard |
18 |
Neumarkt, Schles. |
Ukraine |
45 |
__ |
— |
|
35. |
Biedermann, Bruno* |
19 |
Lanz, b. Falkenau |
Rußland, Krim |
45 |
__ |
__ |
|
36. |
Preis, Heinrich |
22 |
Bb. |
Bauerbach* |
51 |
51 |
__ |
|
37. |
Baumgarten, Florenz |
28 |
Bb. |
Marburg* |
44 |
59 |
— |
|
Ginseldorf | |||||||
|
No. |
Name |
geb. Jahr |
Ort |
gefallen in (od. gest.) |
Jahr |
Haus No. |
verh. Kinder |
|
1. |
Bauerbach, Eduard |
01 |
Gd. |
Frankreich* |
44 |
45 |
v. 1 |
|
2. |
Nau, Konrad |
01 |
Gd. |
Rußland, vermißt |
44 |
38 |
__ |
|
3. |
Kraus, Anton |
06 |
Gd. |
Rußland, vermißt |
44 |
29 |
__ |
|
4. |
Bauerbach, Theodor |
08 |
Gd. |
Rußland |
44 |
45 |
__ |
|
5. |
Kissel, Ferdinand |
08 |
Gd. |
Rußland |
43 |
13 |
v. 2 |
|
6. |
Metzker, Ernst* |
08 |
Donitz, Sudetld. |
Rußland |
43 |
— |
__ |
|
7. |
Brotschek, Anton* |
12 |
Sudetenland |
Rumänien, vermißt* |
44 |
— |
— |
|
8. |
Kißling, Josef |
13 |
Gd. |
Rußland |
41 |
12V/2 |
— |
|
9. |
Nau, Heinrich |
13 |
Gd. |
Frankreich* |
40 |
38 |
V. 1 |
|
10. |
Gerhard, Karl |
14 |
Gd. |
Frankreich* |
44 |
49 |
v. - |
|
11. |
Kraus, Pius |
14 |
Gd. |
Rußland |
42 |
41 |
__ |
|
12, |
Wetzer, Karl |
14 |
Gd. |
Erfurt* |
42 |
8 |
— |
|
13. |
Thumberger, Wilh.* |
14 |
Harkau/Ungarn |
Ungarn, vermißt* |
45 |
— |
— |
|
14. |
Gerhard, Eduard |
15 |
Gd. |
Gera* |
43 |
19 |
— |
|
15. |
Kraus, Siegfried |
15 |
Gd. |
Frankreich* |
44 |
41 |
— |
|
16. |
Fach, Josef |
16 |
Gd. |
Rußland |
42 |
23 |
— |
|
17. |
Herbig, Ludwig |
16 |
Gd. |
Frankreich* |
40 |
31 |
— |
|
18. |
Kißling, Otto |
17 |
Gd. |
Rußland |
42 |
12Vs |
— |
|
19. |
Herbig, Karl |
18 |
Gd. |
Rußland |
41 |
31 |
— . |
|
20. |
Bauertaach, Eduard |
20 |
Gd. |
? ?, vermißt* |
45 |
10 |
— |
|
21. |
Kleinert, Kurt* |
21 |
Festenberg/Schles. |
Rumänien, verm.* |
44 |
„ |
— |
|
22. |
Bromm, Franz |
22 |
Gd. |
Rußland |
43 |
25 |
— |
|
23. |
Euker, Josef |
22 |
Gd. |
Rußland, vermißt |
43 |
33 |
— |
|
24. |
Kissel, Hieronym. |
22 |
Gd. |
Rußland, vermißt |
44 |
30 |
— |
|
25. |
Nebel, Josef |
22 |
Gd. |
Marburg* |
42 |
2 |
— . |
|
26. |
Nebel, Peter |
23 |
Gd. |
Belgien* |
42 |
16 |
— |
|
27. |
Glaser, Artur* |
23 |
Schangau/Karlsb. |
Rußland, vermißt |
44 |
— |
— |
Die Verluste in den sieben Kriegsjahren
|
1939 |
1940 |
1941 |
1942 |
1943 |
1944 |
1945 |
später |
gesamt |
1914/18 | |
|
Bauerbach |
. — . |
— . |
1 |
1 |
6 |
16 |
11 |
2 |
37 |
15 |
|
Ginseldorf |
— |
2 |
2 |
6 |
5 |
10 |
2 |
— |
27 |
13 |
|
zusammen |
— |
2 |
3 |
7 |
11 |
26 |
13 |
2 |
64 |
28 |
Daß von 62 Kriegstoten (in Bauerbach 11, in Ginseldorf 9) im ganzen 20 = 31% vermißt geblieben sind, zeigt die brutale Härte, mit der dieser Krieg geführt worden ist. Eine Geschichte dieses Krieges hat mit Recht den Titel: „Jahre ohne Gnade." Die von Jahr zu Jahr steigenden Verluste reden ebenfalls ihre eigene Sprache. Wäre nach dem Unheil von Stalingrad, am 2. Februar 1943, als fast das ganze deutsche Volk, auch Hitler, den Krieg verloren sah, der Friede gesucht worden, wären allein in unseren beiden Orten über 50 Menschen nicht sinnlos und nutzlos geopfert worden! Rechnen wir die 16 Ortsfremden unserer Toten ab, so liegen die Verluste um fast 60% höher als im ersten Krieg.
Das Alter der Toten.
Der Älteste in Bauerbach, der bei der Organisation Todt in Wilna einer Krankheit erlag, war Anton Jennemann, 56 Jahre alt, Frau Wiedner fiel in ihrer Heimat mit 60 Jahren den Bomben zum Opfer. Im Felde starben mit 20 Jahren Josef Gerhard und Harald Richter als die Jüngsten. Florenz Baumgarten starb bei der Arbeit in der Chirurgie zu Marburg im Bombenhagel des 22. Februar 1944, erst 16 Jahre alt.
In Ginseldorf waren die beiden ältesten mit 43 Jahren Eduard Bauerbach und Konrad Nau, die jüngsten Josef Nebel und Peter Nebel, 20 und 19 Jahre alt.
Fünfundvierzig Kinder sind es in beiden Orten, denen der Krieg den Vater entriß. In Bauerbach im ersten Kriege 11, im zweiten Kriege 26; in Ginseldorf in jedem Krieg je vier Kinder. Oft hielt der Tod mehrere Male Einkehr in der gleichen Familie in Bauerbach bei Braun (22), die Brüder Eduard und Franz, bei Gerhard (12) Heinrich und Josef, bei Weitzel (46) Franz und Karl, Onkel und Neffe. In Bauerbach mußten vier Kriegerwitwen, denen der erste Krieg den Mann nahm, im zweiten noch die einzigen Söhne hergeben, Nau, Haus 13, Gölzhäuser, Haus 20, Weitzel, Haus 31, und Huhn-Preis, Haus 45. In Ginseldorf holte der erste Krieg aus Haus 45, Bauerbach, zwei Brüder, Pius und Konrad, der zweite gar aus fünf Familien, wiederum aus Haus 45, Eduard und Theodor, dann aus Haus 31, Herbig, Ludwig und Karl,, aus 12V2, Kißling, Josef und Otto, aus Haus 41, Kraus, Siegfried und Pius und aus Haus 38, Nau, Konrad und Heinrich. Die große Mehrzahl der Gefallenen und Vermißten sind in Rußland geblieben. In Frankreich (Belgien) liegen von Bauerbach einer, von Ginseldorf 6, in Italien 2 (0), auf dem Balkan 0 (3), in Deutschland und Österreich 7 (3). Nur wenige liegen in heimischer Erde, in Bauerbach Heinrich Preis, Florenz Baumgarten, aus dem ersten Kriege Anton Nau; in Ginseldorf Josef Nebel.
Kriegsgefangen
Waren es im ersten Weltkriege etwa 60 Soldaten aus Bauerbach, von denen nur vier in Kriegsgefangenschaft gerieten, so waren es im zweiten von den 81 Kriegsteilnehmern, 25 derselben sind nie wiedergekehrt, nur fünf, die nicht kriegsgefangen wurden. Alle anderen mußten das bitterste Los des Soldaten auf sich nehmen und einige, Vinzenz P., Anton N. und Adolf H. haben Übles über sich ergehen lassen müssen. Fünf Teilnehmer des ersten mußten nochmals im zweiten Kriege den Feldgrauen anziehen, wenn auch nur für kurze Zeit: Heinrich Bieker, Ludwig Gerhard, Konrad Gölzhäuser, Konrad Petri und Karl Pfeiffer. Anton Jennemann und Hieronymus Preis waren bei der OT (Organisation Todt).
In weiteste Ferne verschlug das Schicksal schon im ersten Kriege Konrad Nau (Haus 39), nach Irkutsk am Baikal-See, unweit der Mongolei, mit 7500 km Entfernung noch 1200 km weiter als von Hamburg bis New York. Dort war in Stredenske das Lager, In der großen Offensive Hindenburgs geriet Nau 1915 bei Brest-Litowsk in Gefangenschaft und kehrte im September 1919 heim. Mit ihm erkrankten rund zwei Drittel des Lagers an Typhus. Elsa Brandström, eine Schwedin (1888—1948), der „Engel Sibiriens", die auch 1946 sich wieder zur Hilfe für Deutschland einfand, sorgte unermüdlich für die Gefangenen, besuchte auch jenes Lager bei Irkutsk, wo alle Insassen in ihrem Elend in Tränen ausbrachen. Grausigstes Erlebnis, als er später zusehen mußte, wie sechs seiner Kameraden als angebliche Spione erschossen wurden. Nach Ausbruch der roten Revolution 1917 steckte man Nau als Kutscher und Pferdepfleger in die Rote Armee. Es ging in den Weiten Rußlands hin und her, zeitweise war er auch bei der Weißen Armee, dann wieder bei den Roten, zweimal standen sie vor Moskau, schließlich kam er zu einem tschechischen Regiment, bis endlich Amerika gegen die Verwendung deutscher Gefangener Protest erhob. In Moskau bekam er von der deutschen Fürsorgekommission beim „Zentralen deutschen revolutionären Arbeiter- und Soldatenrat", einer kommunistischen Dienststelle, im August 1919 seinen Passierschein, den er heute noch hat, und kam über Dünaburg (Dwinsk) nach Heilsberg in Ostpreußen, wo er nach einer Quarantäne, abgemagert bis auf die Knochen, in die Heimat entlassen wurde. Mit kriegsgefangenen Russen, die er hier noch antraf, konnte er sich flott in deren Heimatsprache unterhalten und heilte noch, nach 40 Jahren, sind ihm alltägliche Redewendungen auf russisch ganz geläufig. Außer ihm gerieten noch Konrad Petri verwundet in englische Gefangenschaft, Konrad Preis war in französischer und Anton Jennemann in englischer, blieb aber in Novdfrankrcich. ^n Ginseldorf war nur Otto Stey, der derzeitige Bürgermeister, in englischer Gefangenschaft.
Josef Schüler, aeb. 1906 in Stausebach, war der letzte Snätheimkehrer, der erst am 17. De/ember 1955 Bauerbach wiedersah. Am 9. Mai 1945, obschon am Tage zuvor der Krien durch die bedingungslose Kapitulation Deutschlands beendet war, nahmen ihn USA-Soldaten gefanaen und lieferten ihn mit vielen anderen an die Russen aus. Im ganzen sind es 135000, die Eisenhower den Russen und damit un-spahrtrom Elend und dem Tode übergab. Vom Sammellager in Bessarabien ging es nach Solikamsk, nach Kisel und Kungur, alle in der Nähe von Perm, westlich des Urals, an dem crroßen Staubecken des Kamaflusses. Dort wurde in Panierfabriken, Särtpwerken. in Kolchosen und bei Bauarbeiten aefront. Die verschiedenen Läger faßten ie 1000—?000 Insassen. Im „Schachtlager" bei Neusolf?) arbeitete Schüler im Berrrwprk über ein Jahr vor Kohle und weoen Krankheit war er ein Jahr im Laner. Schließlich wurde er weaen angeblicher Krieasvergehen zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt, war mit 600 Mann bei Molotow (dieses, sowie Neusol auch am Ural, zwischen Solikamsk und Swerdlowsk aelegen) als Bauarbeiter und kam nach Kisel zurück, von wo die ersten 800 Mann 1950 nach Hause fuhren. Er hat dann noch über drei Jahre in seinem Berufe als Schmied in einem Betonwerk in Swerdlowsk aearbeitet. Endlich. 1955, erwirkte Adenauer die Rückkehr der restlichen Gefangenen, die am 28. SentPmber beaann, aber für 2 Monate — angstvolles Warten und Bannen der Anaehörirren daheim! — unterbrochen wurde. Eine Woche vor Weihnachten feierte das nanze Dorf die Wiederkehr.
Das harte Los der Gefangenschaft teilte Josef Schüler über vier Jahre mit Hasso Freiherr von Puttkamer, Oberstleutnant im Generalstab, der auch noch am 8. Mai in Kurland in Gefangenschaft geriet und den man für die Zerstörung Melitopols verantwortlich machte, in dem er gar nicht gewesen war!, wofür er ebenfalls mit 25 Jahren Arbeitslager bestraft wurde, v. Puttkamer, 1912 in Stolp, Pommern, geboren, kehrte am 13. Oktober 1955 heim und traf in Herleshausen, dem überganaslager, seinen ihm noch unbekannten, zwölfjährigen Sohn, den er kurz nach dessen Taufe zum letzten Male gesehen hatte. Im Gefangenenlager hatte ihm Schüler schon viel von der hessischen Heimat erzählt, so daß ihm diese nicht ganz unbekannt war.
Auch Ginseldorf hatte seinen Süätheimkehrer, der allerdings kein Einheimischer, sondern Sudetendeutscher war, Wenzel Neumann, 52 Jahre alt, aus Haberspirk bei Falkenau. Er kehrte drei Tage nach J, Schüler heim (20. Dezember), konnte sich aber rnrM fior Heimkehr erfreuen. Nachdem, ihm seine verheiratete Tochter einen Enkel geboren, erlag er am Tage nach der Heimkehr einem Herzschlag.
Den vielen, unzähligen, die in Gefangenschaft starben, über anderthalb Millionen sind vermißt geblieben, gelten heute noch die Worte, die man schon 1920 in Hamburg auf ein Denkmal für die in Kriegsgefangenschaft Gestorbenen setzte:
„Glücklicher, der Du die Sonne noch siehst,
o grüß' uns die Heimat,
die wir, getreu bis zum Tod,
mehr als das Leben geliebt."
Weltenwanderer
Es bedarf nicht immer des Krieges, um einen Menschen durch Erdteile und über Meere zu führen, auch die Fricdcnszeit kennt solche Geschicke, Pius (Wilhelm) W., 1903 in Bauorbach geboren, verließ 1917, während des Krieges die Heimat und arbeitete in Offenbach in einer Schuhfabrik. Die weiteren, zahlreichen Stationen seines 16jährigen Wanderlebens können nur in Stichworten wiedergegeben werden. In Weißenfels, Thüringen, Schuhfabrik, 1919 bei Merseburg im Braunkohlenabbau, — in Bochum als Bauarbeiter, — 1921 in Köln, Schuhfabrik, dann in Aachen und Luxemburg, — 1922/23 in Kleve und Holland, dann von Hamburg zu Fuß (!) bis Konstantinopel, über Frankfurt, München, Salzburg, Berchtesgaden, Graz in der Steiermark, in Ungarn über Stuhlweißenburg und Budapest, Arad in Rumänien, wo er verhaftet und nach vier Wochen ausgewiesen wurde. Zurück über Ungarn bis Wien. Dann nochmals nach Rumänien, Bukarest und Konstanza, nach Rustschuk, Adrianopel und Konstantinopel. Ein Jahr. Zurück nach Sofia und Dampferfahrt Donau-aufwärts nach Wien, Erfurt, Schuhfabrik. — In Berlin begann auf der Servier-und Dienerschule 1924 ein neuer Lebensabschnitt. Diener bei Fugger (zweite Linie) auf einem Schloß bei Ulm, dann nach Hamburg als Steward auf Seefahrt nach Nord-und Südamerika. — In New York „ausgestiegen" und 1926 nach Mexiko-City, ein Jahr Kellner im Hotel Ritz, Von hier und den nachfolgend genannten Stellungen sind Zeugnisse und Arbeitsnachweise noch vorhanden. Nach Südmexiko und Guatemala in Kaffeeplantagen. — In Rio de Janeiro im Hotel Rex, dann in Bahia Bianca. — Auf San Salvador im Hotel Astoria, — In Costa Rica und Panama. In Panama-Stadt im Hotel Central. — In Columbien (Cartagena) und über Venezuela nach Europa. — 1930 Kellner in Berlin im Hotel Saxonia, Dolmetscher, Fahrstuhlführer, Nachtwächter. — Inzwischen war die Mutter gestorben und zurück nach Bauerbach. — Dann 3 Monate in Paris, ein Jahr in Barcelona, Spanien, in der Villenvorstadt Buona nova. — Am 13. April 1931, gerade als König Alfons abdankte, endgültige Rückkehr nach Deutschland. In Berlin auf dem Flughafen Dolmetscher und 1933 Paßsperre wegen Unstimmigkeiten mit der neuen Nazi-Regierung. — Nochmals nach Süddeutschland, bringt aus dem Schwarzwald seine Frau mit, die er schon früher kannte, kehrt nach Bauerbach zurück und gründet in seinem Neubau Geschäft und Bäckerei, Wirtschaft und Fremdenpension. Der Krieg ruft ihn aus der Arbeit. Kehrt September 1945 aus Gefangenschaft heim. Macht noch 1960 die Meisterprüfung im Bäckerhandwerk.
So bunt und vielseitig wie die Wanderjahre des Gastwirts sind die Berufe, Wohn- und Geburtsorte seiner Gäste, die das abseitige Dorf aufsuchen. Da sind Kaufleute, Großkaufleute, Handelsvertreter und Einkäufer aus Hamburg, Köln, Hannover, Braunschweig, Heilbronn, Regensburg, Münster/W., Uelzen, Eßlingen, Bochum und Essen. — Studienräte, Arzte, Zahnärzte und Studenten aus Plön/Holst., Lüneburg, Düsseldorf, Aachen und Meppen. Fabrikanten, Ingenieure und ein Oberpostrat aus Hamburg, Hannover, Bremen, Essen und Gelsenkirchen. — Kraftfahrer, Tankwarte und Fahrlehrer aus Kiel und Neuß. — Angestellte, Rentner aus Cleve, Moers und Flensburg. — Geschäftsleute, Volkswirtschaftler, Beamte, Maler, Musiker, Gastwirte und Kellner aus Berlin. — Franzosen aus Paris, Epinal und Pontoise. Zwei finnische Lehrerinnen aus Helsinki, Deutschlandbesucher aus Viaardingen/Holland, Auslandsdeutsche aus Santiago de Chile und ein Kaufmann aus Neapel. Die Geburtsorte zeigen, wie weit viele das Geschick, meistens ist es der letzte Krieg, verschlagen hat: Dresden und Aussig, Breslau, Troppau und Sagan, Hadersleben, Königsberg und Tilsit, Madrid, Budapest, St. Petersburg (Leningrad), Polowce/Galizien und Reschita/Rumänien (nach dem Fremdenbuch,)
Der Bezugschein
Die Stadt lebt vom Dorfe. Wer's noch nicht wußte, hat's in den beiden Kriegen erfahren. Die Stadt erneut sich aber auch vom Dorfe her. Dieses gibt seinen Überschuß an Menschen an jene ab. So hat jedermann im Dorfe seine städtischen Verwandten, die ihre „Bauern" — auch wenn diese nur ein Schwein und eine Ziege hatten — wohl zu finden wußten. Bezugsschein und „die Karten", die ja schließlich auch nur Kalorienbezugscheine waren, waren und blieben das Tagesthema. Erhaben über diese Nöte waren unsere Dorfbewohner und allenfalls noch Geschäftsleute, die zu tauschen hatten. Die große Masse der Normalverbraucher, „Reichshungerleider" genannt, lebte von fast mikroskopischen Mengen, von Grammwaren. Der erste Weltkrieg brachte uns über sieben Jahre, der zweite Weltkrieg rund zehn Jahre Karten, Marken und Bezugsscheine. Brachte der erste Waffenstillstand 1918 eine leichte Besserung der Ernährung, so war es beim zweiten Kriegsende 1945 umgekehrt. Man hatte sich ja 1939 schon vor Kriegsbeginn vorgesehen. Die „Karten" wurden schon eine Woche vor Kriegsbeginn, am 26 August, ausgegeben. Doch als die Waffen schwiegen, wurde es von Jahr zu Jahr ärger und erreichte 1948 im Frühjahr den Höhepunkt. Immerhin haben unsere Dörfer den Stand des städtischen Normalverbrauchers nie erreicht. Völlig „mittellos" war auf dem Dorfe keiner. Von den 68 Familien Bauerbachs waren 30 (44,1%) Vollselbstversorger, 27 waren Teilselbstversorger (39,7%) und der Rest, etwa ein Sechstel der Einwohner (11 Familien, 16,2%) waren Normalverbraucher. Die entsprechenden Zahlen für Ginseldorf sind: (nicht auf Familien, sondern auf Einwohner — 265 — errechnet) 58,5% Voll-, 22,7% Teil-, 18,8% Normalverbraucher. Der Teilselbstversorger zog etwas Brotfrucht, hatte eine oder mehrere Ziegen und mästete sich ein oder zwei Schweine. Die Normalverbraucher nahmen seit 1943 durch städtische Bombenflüchtlinge wesentlich zu. Hier sind nur die Einheimischen gezählt.
Noch nie ist der Mensch so säuberlich klassifiziert worden als in den Kartenjahren. Nicht nur, wie eben angegeben, nach Grundbesitz und Viehhaltung, sondern auch nach Berufen und Lebensalter. Da gab es Schwerstarbeiter, Schwerarbeiter, Teilschwerarbeiter und den normalen Arbeiter. Zulagen gab es gelegentlich an landwirtschaftliche Arbeiter, an Rüstungsarbeiter und Bergleute, an Kinder, alte Leute, Jugendliche und werdende Mütter. Für den „Normalen" gab es diese Oasen nicht, er mußte 10 Jahre in der Wüste verbringen, und erwischte höchstens zu Weihnachten einige Gramm Irgendetwas. Dem Alter nach waren wir: Säuglinge, Kleinstkinder, Kleinkinder, Kinder, Jugendliche, aber keine Erwachsenen. Die hießen Normalverbraucher.
Wer weiß heute noch, was es alles nur auf Marken gab? Mit Ausnahme von Luft und Wasser war ziemlich alles rationiert und wurde „zugeteilt": Brot, Fleisch, Fett, Käse, Milch, Quark, Marmelade, Zucker, Nährmittel (Haferflocken, Grieß, Nudeln, Graupen und dergl.), Kartoffel, Trockengemüse, Hülsenfrüchte, Kaffee-Ersatz, Nähmittel (Zwirn, Garn), Seife, Schuhwichse, Zigarren, Zigaretten, Tabak, — manches kam regelmäßig, vieles nur in großen Abständen, wie Eier, Hülsenfrüchte, Heringe, und hatte man einen bekannten Schlager vor 1945 abgewandelt und sang: (aber nur bei guten Bekannten und im Flüsterton) „Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei, auch Adolf Hitler mit seiner Partei", so hieß es nach 1945: „Von Mai bis Dezember gibts wieder ein Ei." Die tausenderlei Dinge, von denen heute die Läden überquellen, konnte man bestenfalls im Lexikon nachlesen. 132 Zuteilungsperioden, 528 Wochen haben wir so verbracht. Das Jubiläum, die 100. Periode, fiel im April 1947 in die Zeit des größten Mangels. In derselben, d. h. in vier Wochen, gab es pro Kopf ein Ei und einen Hering. Heute ist der Kunde König, damals war es der Kaufmann.
Und erst die Kleiderkarte! In erster Linie diente sie dem Papier- und Tintenverbrauch der Wirtschaftsämter, denn Ware gab es kaum. Die Textilien verschwanden in dunklen Kanälen. Unter der Theke („u. T." nannte man das) wurden sie, wie so vieles andere, gegen ländliche Erzeugnisse getauscht. „Kompensiert" hieß das und es gab kaum etwas, was nicht kompensiert wurde, die Baustoffe ganzer Neubauten, Backsteine, Zement, Bauholz und Dachziegel, Türen, Fenster, Glas und Leitungsrohre. Für Schuhe gab es Bezugscheine, die den Mangel hatten, daß sie sich nicht anziehen ließen, denn Schuhe waren dafür in den seltensten Fällen zu haben. Als später die „Gare-Pakete" amerikanischer Verwandten einsetzten, fanden sich in denselben neben Eßwaren und Kleidung auch Näh- und Stecknadeln, Knöpfe, Garn, Zwirn, Briefpapier und Umschläge, Kämme und Zahnbürsten, kurz tausenderlei Dinge, die hier nur für „gegen", (d. h. Tauschware) zu haben waren. Die Textil-verordnung der Wirtschaftsämter schrieb den Grundbedarf an Kleidung vor. Leider war nicht angegeben, wo derselbe zu haben war. Für einen Mann sollten genügen: ein Anzug, drei Hemden, 2 Unterhosen („eine aufn Bauch, eine aufn Strauch"), eine Krawatte, drei Taschentücher und zwei Paar Strümpfe. Auch amtliche Erfassungen, wie z. B. die Obsternte der Gemeinden, blieben zumeist Papier. Es gab Karten für Schuhreparaturen und Punkte für Schuhsohlen, der Landwirt bekam Bezugscheine für Handelsdünger und selbst Maggiwürfel wurden zugeteilt. Der Einzelhändler mußte sie an Verteilungsstellen abholen. Bauerbach bekam seine 6 Stück pro Kopf bei Hentrich in Bürgein. Bauerbach durfte 160 Konservendosendeckel in Großseelheim und Ginseldorf 110 Deckel in Cölbe holen, Bleche für Ofenrohre gab es nur für Flüchtlinge, Bezugscheine für Briketts nur für Bäcker, der Kohlenmangel führte zum Raubbau am Walde, selbst Frankfurt und Kassel waren 1947 auf Holz angewiesen und die „Eßpakete", die die Bergleute erhielten, nutzten nicht viel, Daß elf Jahre später die Kohlen bergehoch unverkäuflich auf Halden liegen würden hätte damals jeder für ein Märchen gehalten. Im Winter 1947/48 waren die Kohlenkarten gegenstandslos. Auch die Landkreise bekamen keine Kohlen, selbst Schulen, Kirchen und Behörden nicht, nur Bäcker, Metzger, Gärtner, Krankenhäuser und Altersheime. Für Weihnachtskerzen gab es erst 1947 Zuteilungen, und das Gebäck erhielt einen Büronamen, es gab für Kinder bis zu 10 Jahren „Dauerbackwaren" und „Feinbackwaren". Die Menge, ein Pfund je Kind, schien unglaublich hoch! Fischkonserven gab es ganz vereinzelt und nur an Kranke. Fahrradreifen bekamen nur Berufstätige, die keine Fahrgelegenheit zur Arbeitsstätte hatten, doch mußte die alte Bereifung abgegeben werden, Einen Kraftwagen hatten nur Ärzte und wenige, die ihn von Berufs wegen dringend brauchten. Benzin gab es nur Mittwochs am Straßenverkehrsamt. Schließlich sah man überall die Autos mit unförmlichen Kesseln der Holzvergaser, die sie, wie ein Mühlknecht den Sack, auf dem Buckel mitschleppten. Der Strom war mehrere Winter lang Abend für Abend von 18—20 Uhr gesperrt, zur Zeit, wo man ihn im nötigsten in Küche und Stall brauchte und wo man keinen anderen Ersatz für Beleuchtung hatte, da es weder Kerzen noch Petroleum gab. Man saß wie der Steinzeitmensch in dunkler Höhle.
Alle Verbote und Strafen waren vergebens, der Mangel ließ sich damit nicht beheben. Wer Vollmilch ab Hof verkaufte, bekam das Selbstversorgerrecht entzogen. Höfen, die keine Schweine lieferten, wurde der Schlachtschein entzogen, womit das Recht der Hausschlachtung fortfiel. Wer keine Schweine zu liefern hatte, wie der Teilselbstversorger, mußte wenigstens Speck liefern. Trotzdem bekam der Städter keinen zu sehen, und der Verzehrer blieb im Dunkeln. Man gab offen zu, daß fast ebensoviele Schweine „schwarz" d. h, ohne Schlachtschein geschlachtet wurden wie mit demselben. Je Henne sollten 70 Eier jährlich abgeliefert werden, trotzdem blieben Eier fast so selten wie Schokolade oder Bananen, die die Kinder 1948 überhaupt nicht mehr kannten. Wer mehr als eine Ziege hielt, konnte keine Magermilch mehr beziehen. Um diese schmackhafter zu machen, erhielt sie statt ihres hungrigen Namens „Magermilch" einen besseren. Man taufte sie „entrahmte Frischmilch". Scharf wurde der Tabak überwacht. 15 Pflanzen waren steuerfrei, bis zu 200 Pflanzen anzubauen, auf einer Fläche von höchstens 50 qm war gegen Versteuerung gestattet. 50 Pflanzen mußten mit 12 Mark versteuert werden. Tauschte man den Tabak gegen Ware, erhielt man kaum die Hälfte zurück. Kriegsblinde und Amputierte erhielten Zusatz-Raucherkarten, ebenfalls Frauen über 55 Jahre. Die Gärten bekamen ein neues Bild: Neben üppigen Tabakpflanzen sah man Beete mit Zuckerrüben und solche mit Gartenmohn. Der meistens unsachgemäß behandelte Tabak „duftete" beim Rauchen mehr nach übergekochter Milch als nach Virginia. Die Zuckerrüben preßte man in der Obstkelter und kochte Sirup daraus. Den Mohn hatte man durch unsere Sudetendeutschen schätzen gelernt. Er kam auf den Kuchen oder in die Ölpresse. War eine Buchenmast, so wurden die Eckern gesammelt. Eine mühselige Arbeit, für den Zentner bekam man acht Liter öl, was einen wahren Reichtum bedeutete, vorausgesetzt, man hatte den nötigen Zentner. Eicheln wurden für die Schweinemast gesammelt, womit man fast zum Mittelalter zurückkehrte, da die Schweine an Eicheln gemästet wurden. Für 3 kg gesammelte Knochen gab es ein Stück Kernseife. Alle Borsten, Schweif- und Mähnenhaare, selbst die Schwanzquasten der Kühe wurden „erfaßt". Kartoffelpreise wurden festgesetzt, die ersten Frühkartoffeln kosteten 1947 11 Mark je Zentner. 150 qm Anbaufläche waren frei, wer mehr anbaute, erhielt keinen Bezugschein. Dem Selbstversorger wurden 5l/i Zentner zugebilligt. Der Normalverbraucher wäre froh gewesen, hätte er nur drei bekommen. Die Mahlkarte erlaubte dem Selbstversorger pro Kopf und Vierwochenperiode 27 Pfund Mahlgut. Von 200 Pfund Mahlgut errechnete man 135 Pfund Mehl.
Man sammelte Hagebutten, Schlehen, Ebereschenbeeren, schwarzen und roten Holunder, Weißdornfrüchte und Pilze. Als Prämie gab es Vs bis Via des Gewichtes als Marmelade. Kostbar war Altpapier. Für einen Quadratmeter Dachpappe mußte ein Kilo Altpapier geliefert werden und Papiersäcke fortzuwerfen und zu verbrennen war verboten. Ebenso gesucht waren Flaschen aller Art. Die Apotheke nahm selbst die kleinsten und bezahlte sie. Flaschenkorken bestanden aus gepreßtem Korkmehl, eine Batterie für die Taschenlampe konnten sich nur „Begüterte" er-tauschen, selbst das Zereisen fürs Feuerzeug war unauffindbar geworden, ebenso fehlten monatelang Streichhölzer, Salz, Hefe u. a. Manche Hausfrau mußte morgens beim Nachbar Feuer holen, wenn dieser noch Streichhölzer gehamstert oder getauscht hatte, Lumpen wurden tonnenweise gesammelt, Die Leute gaben sie gratis ab, doch die Partei verkaufte sie an die Händler und machte das Geschäft, versteht sich, nur bis März 1945, bis der Spuk verflogen war.
Verlorene Lebensmittelkarten wurden nicht ersetzt, denn wie viele wären sonst „verloren" worden! Die Geschäfte bekamen auch keine gestohlenen Vorräte ersetzt. Man empfahl ihnen, Wache zu halten, Der Hunger machte Diebe, und die Gemeinden mußten Feldhüter bestellen. Allein im Juni 1947 wurden 24 Kleinverteiler (Geschäfte) des Landkreises mit 21 000 Mark Ordnungsstrafen belegt, weil sie die Bestimmungen nicht strikt eingehalten hatten. Selbst die Schneezäune an Straßen und Bahnen wurden gestohlen und zersägt und man drehte spöttisch das Goebbelssche Wort herum: „Niemand soll hungern ohne zu frieren". Hatte man glücklich einen Bezugschein nach langem Warten erwischt, so war keine Ware da. Da der Schein befristet war, lief er ab und der ganze Werdegang begann von neuem, meistens auch dann ohne Erfolg. Zu allem Unglück kam der Kartoffelkäfer. Alle wurden zur Suche verpflichtet, Säumige bestraft, Schulkinder ab 10 Jahren mußten helfen, es gab weder Spritze noch Spritzmittel. Ein weiteres Unheil war die Getreidemißernte von 1947, da ein ungünstiges Frühjahr das Getreide auswintern ließ. Wer ohne Ar und Halm war, namentlich die Heimatvertriebenen, ging Ährenlesen, was aber nur gestattet war, wenn die Frucht schon vom Acker abgefahren war. Es gab fleißige Sammler, die bis /u zwei Zentnern aus ihren Ähren dreschen konnten. Milchzentrifunen waren schon längst abgeliefert und die Butterfässer ebenfalls. Da wurde auf die alte Weise abgerahmt; man holte die alten musealen Butterfässer wieder hervor und der Ziegenhalter produzierte seine Geißenbutter.
Krankheiten der Überernährung, wie wir sie jetzt kennen, gab es zwar nicht, dafür stiegen die Mangelkrankheiten, Tuberkulose und alle Folgen der Unterernährung sprunghaft an. Kein beliebteres und häufigeres Thema gab es als die Gramm, die auf den Karten standen. Davon sprach man zu Haus und auf der Straße, im Büro und im Werk, in der Straßenbahn und im Abteil. Brennend war die Frage: „V/er hat Beziehungen?" — „Wer weiß eine Quelle?" — „Wo ist etwas zu haben?" Beneidet war jeder, der Verwandte auf dem Dorfe hatte. Wurden sie auch früher verleugnet, jetzt rühmte man sich ihrer. Die Poststelle weiß noch, daß der Paketversand des Dorfes ein Mehrfaches des Normalen war. Wie waren wir alle, als wir bettelarm waren, so glücklich, einen Extrabissen erbeutet zu haben und wie sind wir heute, inmitten des Wirtschaftswunders so unfroh, weil nicht jeder Wunsch, auch nach höchst überflüssigen Dingen, gleich erfüllt wird!
Die ganze Notlage prägte sich in den Rationen aus, die die „Jubiläumsverordnung" festsetzte. Zur goldenen Hochzeit und zum 90. Geburtstage konnte für zehn Gäste bezogen werden: pro Kopf 200 g Brot, 100 g Nährmittel, 100 Fleisch, 25 g Butter (!), 50g Zucker, ein Ei und V 4 l Magermilch. Das anschließende Festgelage kann man sich vorstellen. („Alles schon dagewesen", denn um 1400 verbot Landgraf Hermann in Marburg große Festgelage bei Hochzeiten und Kindtaufen. Zum Taufimbiß durften nur 6 Frauen geladen werden und bei Hochzeiten nur 25 Schüsseln gereicht werden. Hermanns Enkel, Heinrich III. erließ ähnliche Luxusverbote, die nicht bloß Essen, sondern auch Kleidung betrafen.) — Eine Übersicht der 100. Zuteilungsperiode mag für sich sprechen:
|
Wochen-Rationen |
Säuglinge bis 1. J. |
Kleinst-Kinder 1—3 J. |
Kleinkinder 3—6 J. |
Kinder 6—10 J, |
Jugendliche 10—20 J. |
Normal-verbr. über 20 J. |
|
Brot |
500 |
1000 |
1625 |
2875 |
3200 |
2562,5 |
|
Fett |
87,5 |
87,5 |
87,5 |
87,5 |
87,5 |
62,5 |
|
Fleisch |
— |
100 |
100 |
187.5 |
200 |
200 |
|
Käse |
— |
„ |
31,25 |
31,25 |
31,25 |
31,25 |
|
Vollmilch |
5'M |
5Vi 1 |
3f/2 1 |
— |
— |
— |
|
Kartoffel |
500 |
1250 |
3000 |
3000 |
3000 |
3000 |
|
Zucker |
312,5 |
187,5 |
187,5 |
156,5 |
156,5 |
125 |
|
ZULAGEN für | ||||
|
Teilschwerarbeiter |
Schwerarbeiter |
Schwerstarbeiter |
werdende Mütter | |
|
Brot |
375 |
1000 |
1500 |
150 |
|
Fett |
75 |
150 |
200 |
93.75 |
|
Fleisch |
100 |
200 |
300 |
250 |
|
Käse |
__ |
62,5 |
62,5 |
62,5 |
|
Vollmilch |
__ |
__ |
— |
3' !i 1 |
|
Kartoffeln |
500 |
1250 |
2000 |
500 |
|
Zucker |
— |
3L25 |
31,25 |
31.25 |
Mit der Brot- und Kartoffelration käme man heute, bei reichlicher und überreichlicher Ernährung aus, doch rechnet man die damaligen Fleisch- und Fettmengen auf eine Tagesration um, so kommt man kaum zu dem Bedarf eines Sperlings. Da die Preise für die rationierten Lebensmittel staatlich niedrig gehalten wurden, hatte kein Erzeuger Lust, seine Erzeugnisse über die Ablieferungspflicht hinaus auf den Markt zu bringen und wieviel „schwarz" aus unseren Dörfern über die Lahnberge ging, ist nicht abzuschätzen. Alles andere, was auf Bezugschein zu haben war. war Mangelware und so hatte jedermann Geld im Überfluß. Die Folge davon waren der „Schwarze Markt" und seine Phantasiepreise. Schwarzmarktpreise, im Durchschnitt zwischen Berlin und Stuttgart betrugen:
|
Für die „Amizigarette" |
5RM |
|
1 Pfd. Kaffee |
420 RM |
|
1 Liter Branntwein |
250 RM |
|
1 Ei |
12 RM |
|
1 Pfund Fleisch |
35 RM |
|
1 Pfund Zucker |
80 RM |
|
1 Pfund Butter |
200 RM |
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1 Pfund Mehl |
25 RM |
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(nach Kurt Zentner) | |
Allmählich lockerten sich die Vorschriften. Im September 1946 durfte man ohne Passierschein wieder in die britische Besatzungszone fahren und einen Monat später wurden die Sperrzeiten aufgehoben, während der man von 11 Uhr abends bis 5 Uhr morgens das Haus nicht verlassen durfte. Keine Besserung ließ der Fahrplan sehen. Die Verbindungen waren so schlecht, daß man Ziele wie z. B. Siegen und Olpe, kaum in einem Tage erreichen konnte. Dabei fuhr man in Zügen, die ungeheizt waren und statt Fenster Bretter mit schmalen Sehschlitzen hatten. Doch nie ist so viel gereist worden wie in jenen Notjahren. Es war fast dae einzige Möglichkeit, sein überschüssiges Geld loszuwerden und man hatte schließlich immer noch die Hoffnung, irgendwo, auf irgendeinem Dorfe irgendetwas zu erhamstern oder zu „organisieren". Glücklich der Stadtmensch, dem die scharfe Kontrolle an der Zonengrenze (z. B. in Wallau) nicht das mühsam erbettelte und meistens sehr teuer erkaufte Hamstergut erbarmungslos abnahm.
Es gingen drei Städter vom Dorf zur Bahn. Sie hatten gehamstert beim Bauersmann. Doch als sie kamen zur Bahnhofstür, da traten drei rauhe Gendarmen herfür. Sie griffen stracks in die Rucksack' hinein und konfiszierten das Fleisch vom Schwein.
(„Die Speckjäger", Altro.)
Mancher Städter gab für ein Brot ein gutes Bettuch oder für ein Säckchen Kartoffeln einen Trauring. Mit dem 20. Juni 1948, als wir die Deutsche Mark bekamen, war plötzlich, wenn auch nicht alles, so doch der größte Teil des ganzen Spuks verschwunden. Man konnte wieder kaufen und die Marken und Bezugscheine verschwanden einer nach dem ändern, bis wir 1949/50 wieder freie Wirtschaft hatten. (Größtenteils dem amtlichen Kreisblatt für den Kreis Marburg entnommen.)
Mit dem richtigen Gelde kehrte auch die richtige Zeit zurück. Schon der erste Weltkrieg hatte uns die „Sommerzeit" beschert. Das heißt, die Uhren wurden eine Stunde vorgestellt, auf Osteuropäische Zeit (Rußland), So fielen Sonnenuntergang, Abend und Nacht eine Stunde später, so daß man den Feierabend noch zu anderen Arbeiten ausnützen konnte. Jetzt brachte man gar die doppelte Sommerzeit auf. Mai bis Juli war es noch kurz vor Mitternacht taghell. Die ausgemergelten, ausgehungerten und übermüdeten Menschen bekamen keine rechte Nachtruhe mehr, und die Kinder kamen unausgeschlafen und unlustig zur Schule. Man richtete sich je nach Bedarf nach der alten oder neuen Zeit, wohl auch nach der einfachen Sommerzeit und niemand konnte mehr die richtige Zeit angeben, ohne eine nähere Erklärung zuzufügen. So nahmen alle Bezirke des Lebens an dem Chaos teil, das uns der Krieg, am sinnfälligsten in den zerbombten Städten, gebracht hatte.
An die Phantasiepreise des „Schwarzen Marktes" hatte man sich so gewöhnt, daß auch nach der Währungsreform, trotz der großen Geldknappheit, Preise herrschten, die uns heute, wo man ständig über Preissteigerungen klagt, schwindelhaft hoch vorkommen. Ein Paar Damenstrümpfe kostete 20 DM, ein Paar Schuhe 50—60 DM; ein Ei ohne Karte 2 DM, ein Pfund Fleisch 5 DM, Speck 10—12 DM, Butter 15—20 DM, versteht sich, „ohne", d.h. ohne Marken. Es wurde aber alles wahllos gekauft, was eßbar war. Man litt Mangel und hatte Hunger. Und daß die neue Währung, die zuerst bis herab zum winzigen 5-Pf-Scheinchen nur aus Papier bestand, lange halten sollte, daran glaubte kein Mensch. Man war durch trübe Erfahrungen gewitzigt und mißtrauisch geworden. Ehe wir die neue Währung erhielten, suchte man, wie 1923, auf der Getreidebasis einen festen Wertmesser zu schaffen. Das war allerdings im März 1948 reichlich spät und kam nicht mehr zur Auswirkung. Ein Doppelzentner Getreide galt ein „Getreidewert" (GW), l dz ölsaat galt 2 GW, Kartoffeln 0,25, l dz Rahm 2,75, l dz Butter 10,50, l dz Rind 6,00, l dz Schwein 5,00, l dz Eier 5,00 usw.



