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Wieviele Leute leben im Dorf?

Bis 1747 hat man nur die Haushalte gezählt, um die Rauchsteuer erheben zu können. Vervielfacht man diese Zahl mit 5,5, erhält man die Einwohnerzahl, da die Familie etwa 5—6 Personen hatte.

Spalte l, 2, 8, sind nach Klibanski, Spalte 3, 7, nach den Amöneburger Abrechnungen im Marburger Staats-Archiv (s. folgende Tabelle).

Spalte 4 ist nach Reimer, Spalte 5 nach einer Würzburger Steuerliste. Spalte 6 nach einem Missionsbericht im Staats-Archiv Wien. Spalte 9, 10 und 13—17 nach den Hessischen Staatskalendern und deren Vorgängern, Spalte 11 nach der Vorbeschreibung zum Steuerkataster. Spalte 12 nach der Erhebung der Kurfürstl. Regierung. Ab Sp. 13 nach den Volkszählungen.

Wie 1837, so hat man schon 1747 die Volkszahl aufgespalten. Leider sind nur die Bauern gezählt (zu Steuerzwecken), es heißt „ohne Auszüger und Beysaßen". Es waren 46 Erwachsene (in Ginseldorf 51), 99 „Söhne und Töchter" (in Ginsel-dorf 86).

An „Ungeld", wie die indirekte Steuer hieß, wurde Bier- und Branden-Wein Acciß erhoben. Sehr hoch war die Kontribution, die für Bauerbach und Ginseldorf je 152 fl. betrug. Mardorf zahlte gar 823 fl.

Die „Weydenmühl in Holtzhausen im Hessischen" sowie Schönbach, Kleinseelheim und viele landgräfliche Orte zinsten 1747 noch nach Amöneburg.

Zählt man in jedem Dorfe 10—12 Beisitzerfamilien hinzu, die sicherlich da waren, dann stellt man fest, daß die Zunahme bis 1819 nur ganz geringfügig gewesen sein kann. Mit dem Anschluß an Preußen 1866 nimmt die Volkszahl ab. Es ist keine echte Abnahme, das heißt, die Sterbefälle überwiegen nicht die Geburten, sondern die sich entwickelnde Industrie zieht die nachgeborenen Söhne und die Beisitzer in die Stadt. Von 1867 bis 1900 verlor Bauerbach 6%, Ginseldorf gar 18% seines Bestandes. Ähnliche Verluste hatten Sindersfeld, Schröck, Mardorf und Anzefahr. In Amöneburg, Rauschenberg und Schweinsberg betrugen die Verluste 21—24%. Stark gewannen dagegen Marburg mit 104%, Wehrda und Cölbe mit 58—60%.

In demselben Maße, wie die Städte wuchsen, sank die Volkszahl der Dörfer. Beide Dörfer, Bauerbach und Ginseldorf, hatten 1859 noch zusammen 550 Bewohner, vierzig Jahr später waren es hundert weniger. Dementsprechend war auch die Schülerzahl gefallen. Um 1837 betrug sie noch um 50, nach 1867, nach dem Anschluß an Preußen waren es für lange Jahre um 35 und stieg erst nach 1900 wieder auf die alte Höhe und später darüber an.

Vor der Abwanderung zur Fabrik lag die Auswanderung nach Amerika. In den Jahren von 1840—1870 nennt das Kirchenbuch allein 30 Leute, darunter sechs Mädchen, die nach Übersee ziehen. In unserm Jahrhundert ist dann die Zahl den Menschen und der Häuser dauernd gestiegen und machte durch die Heimatvertriebenen 1946 einen Sprung nach oben, bis auch diese allmählich mit der Abwanderung zur Stadt begannen, eine Bewegung, die heute 1960, noch nicht zum Stillstand gekommen ist. Die Abwanderung der Heimatvertriebenen ist in Ginseldorf stärker als in Bauerbach.

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1819

1830

1837

Bauerbach H.

H.

H.

H.

H.

H,

H./E.

H.

E.

H./E.

H., E.

30

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203

37

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145

   

228

251

Ginseldorf H.

H.

H.

H.

H.

H.

H./E.

H.

E.

H./E.

H. E.

30

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137

   

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Ifi

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1859

1870

1882

1890

1900

1911

1925

1946

1949

1959

Rauerbach H. /E.

H./E.

H./E.

H./E.

H./E.

H./E.

E.

E.

E.

H./E.

57

38

41

40

4(5

50

       

290

280

260

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264

285

333

425

535

498

Ginseldorf II. 'E.

H./E.

H./E.

II. 'E.

H, /E.

H./E,

       

45

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36

35

41

40

       

260

234

224

212

191

202

250?

272

382

321

H. — Haushalte.

E. = Einwohner. H. x 5,5 ™ E.

1859

Die Kurfürstliche Regierung in Kassel versandte an alle Gemeinden einen umfangreichen Erhebungsbogen, der an Zahl und Umfang der Fragen auch heute nichts zu wünschen übrig läßt. In 17 großen Abschnitten werden 185 Fragen gestellt, die jedoch zumeist nur zu einem Drittel beantwortet sind. Diese verschaffen uns jedoch weitgehende Einblicke in das damalige Wirtschaftsleben unserer beiden Orte. Ginseldorf (Gd.) hat seinen Fragebogen schon am 5. März 1859 eingesandt, Bauerbach (Bb.) erst am 27. Oktober. In dem später folgenden Gegenwartsbild sind zum Vergleich aus dieser 1859er Erhebung einige Daten eingefügt, so Besitzverteilung, Viehbestand, Anbauflächen und Bodennutzung, Erträge, Eigenverbrauch, Überschuß und Bodengüteklassen.

Bauerbach hatte 290 (Gd. 260) Einwohner in 57 (Gd. 45) Familien. Es liegt 850 Fuß (Gd. 625) über dem Meere. Daß die Regierung wissen will, ob sich die Bewohner auszeichnen durch Fleiß, Sitte, Sparsamkeit, Reinlichkeit, Ordnungsliebe, Verträglichkeit — ob über Größe, Kraft, Haarfarbe, Gesichtsbildung besonderes zu berichten ist, ob besondere Krankheiten, wie Kröpfe, Brüche, Augenübel vorkommen — nach Tuberkulose wird nicht gefragt, das haben, wie in Bb. und Gd., die meisten Bürgermeister ignoriert. Doch gibt es Ausnahmen, zum Teil recht amüsante. Das Oberhaupt von Wehrda stellt einen „ziemlichen Grad von Eitelkeit" fest, in Marburg sind die „löblichen Eigenschaften vorhanden, doch keine davon hervorragend", Marbachs Bewohner sind „gesund und kräftig, fleißig und reinlich". Der Ockershäuser, wohl selbst ein Bauer, wie damals üblich, ist den „kleinen Leuten" nicht hold. „Die Grundbesitzer sind recht brave und fleißige Leute, die ärmere Klasse dagegen hat keine absonderliche Sittlichkeit und Ordnung". In Allna sind sie (sicherlich nur zur Kirmeszeit), „etwas vergnügungssüchtig, sonst fleißig und sparsam". Der Betziesdorfer Ortschef hat Weitblick. Seine Leute „sind den benachbarten ziemlich ähnlich". In Bürgein findet man eine „feine Gesichtsbildung, besonders „genus feminina", (d. h. beim weiblichen Geschlecht.) Marburg selbst hat damals 7710 Einwohner in 1549 Familien. Das sind jeFamilie 5,5 Personen, Die dortige katholische Schule hat 43 Kinder mit einem Lehrer. Zum Justizamt Marburg gehörten 36 Orte.

In unseren beiden Orten sind keine Blinden, doch ein Taubstummer und ein Schwachsinniger. In Bb. sind nur katholische Familien und drei Protestanten, keine Juden. In Gd. ist die Familie des herrschaftlichen Försters protestantisch, sechs Personen. (Der Name ist nicht genannt). Beide Orten haben eine Kirche mit einer Turmuhr, und mit je zwei Glocken, Gd. hat jeden zweiten Sonntag Gottesdienst, während es sonst zum Kirchgang nach Bb. verpflichtet ist. In Bb. ist die Schule neu, aber schlecht und viel zu eng, sie hat 50 Kinder mit einem Lehrer, Karl Schlitt. Die Schule in Gd. ist 1841 erbaut, sie ist geräumig, hat 45 Kinder und einen Lehrer, Peter Schmitt. Bb. hat ein Hirtenhaus, Gd. nicht. Bb. hat keine Ortsarmen, in Gd. beziehen zwei Familien Armenunterstützung, An Stiftungen sind in Bb. zwei, 10 fl aus der Stiftung von .lokob Blössinrj, letztem Beständer des Hofes Arzbach und 6 fl von Franziska Forsch (gest, 1761) aus dem Deutschen Hause zu Marburg. Dio 10 Silbergroschen Zinsen werden für Schulbücher armer Kinder verwandt.

Hausbau, Wasserversorgung

In beiden Orten zweistöckig mit „Fitzgerten". Der Kuhstall ist gewöhnlich im Hause („Kleinbauern"), Alle Häuser sind mit Ziegeln gedeckt, nur in Ginseldorf sind zwei Scheunen mit Strohdach. Umfriedet ist hier in Gd. nur der Hof des Herrn Landgrafen Wilhelm von Hessen. Bauerbach hat Mangel an gutem Wasser, (bis 1954!) Die vor einigen Jahren angelegte Wasserleitung ist erbärmlich ausgeführt. Das kann nur die Rohrleitung sein, die vom Saustallsbörnchen am Franzosenweg in der „Komp" vor der Kirche führte. Bis 1920 mußte sie ihre Dienste tun. Als der Komp im ersten Weltkriege trocken stand, hat er als sicheres Versteck manchen Sack Getreide vor der Beschlagnahme geschützt. Ginseldorf hat einen öffentlichen Brunnen mit gutem Trinkwasser und 22 eigene Brunnen. Die Feldmark von Bb. ist vor 45 Jahren (1814) vermessen, in Gd. schon 1807. Vermessen wurde nach dem Kasseler Ackermaß. (Kass. Morgen). 1837 wurden die Karten „rektifiziert" (berichtigt). KA = Kasseler Acker.

Wald, Flur, Erbrecht

Bb. hat 18 KA Hochwald mit Eichen und Buchen und 6 KA Niederwald, zusammen 24 KA (7,8ha). Gd. hat 252,5 KA (60 ha) Wald, davon die Hälfte Hochwald, ein Viertel Mittelwald und ein Viertel Niederwald. Meistens Eiche. Die Gerberlohe wird nach Marburg verkauft.

Erbrecht und -folge. In beiden Orten erbt eines der Kinder, meistens der älteste Sohn. Die Grundstücke werden nicht zerstückelt. Es gibt keine Hufen, nur geschlossene Güter, sowie Erbland und Lehnstücke. Es bestehen noch die „Drei Felder". Bb. hat fünf Bezirke („Fluren"). Arzbach, Schanze, Roth, Marktweg und Hinterbach, Gd. gibt seine Fluren nicht an.

Brache und Düngung. Die Brache wird nur zur Hälfte bestellt, und zwar mit Kartoffeln, Klee, Wicken, ölsamen und Kraut. Außer mit Stallmist wird mit Gips und Holzasche gedüngt. In Gd. auch mit Kalk, Kompost und Seifensiederasche, Diese bezogen sie von Marburger Seifensiedern, die ihre Ware oft in Közen bis nach Gießen zu Markte schleppten.

Runkelrüben werden als Brachfrucht nicht genannt. Hackfrucht, Kartoffelfläche, verhielt sich zur Getreidefläche wie l zu 14 (heute dagegen wie l zu 3.)

Bodenpreise. Sie waren in beiden Orten gleich. Der Kasseler Acker kostete bei I. Bodengüteklasse 60 Rthlr. und 8 Rthlr. Pacht, bei III. Klasse 30 Rthlr. bzw. 4 Rthlr, Aus den hohen Pachtpreisen spricht der Landhunger, denn die Pacht betrug bis zu 15% des Bodenpreises, heute dagegen kaum 4%. 1859 zahlte man, in Mark und Hektar umgerechnet für einen ha I. Klasse 1000,— DM, für III. Klasse 500,— DM. Heute wird Land nur selten und höchst ungern verkauft. Das Bauern-gericht sorgt für besten Bestand eines Hofes. Z. Zt. wird ein Hektar Land auf 11 400 DM, Wiese auf 10900 DM geschätzt. In Mardorf wurde ein Hektar für 18000 — DM verkauft (1960). An Landpacht zahlt man jetzt 200—400 DM je Hektar (1960/61).

Hutung, Obstbau

Die Wiesen werden von Michaeli (29. Sept.) bis 12. April gehütet. — Das Obst gedeiht ohne besondere Pflege. Es werden gebaut: Äpfel, Birnen, Zwetschen, auch Kirschen. Der durchschnittliche jährliche Erlös aus Gemeindeobst ist 50 fl, die in die Gemeindekasse fließen.

Bauerbach hat 3 100 Thlr. Schulden, Ginseldorf 2000 Thlr. Keines der Dörfer hatte eine Feuerspritze.

Bauerbach bat 30 nutzungsberechtigte Ortsbürger, Ginseldorf hat 24. Das Recht ist an den Hof, nicht an die Person geknüpft.

Berufe

 

...

Bauerbach

Ginseldorf

Maurer

12

6

Wagner Schuhmacher

2

1

Schneider

2

2

Wirt

1

1

Weißbinder

1

2

Schmied

1

2

Leinweber

1

4

Schreiner

1

1

Krämer

—

1

Zimmerleute

—

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Bäcker

—

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Metzger

—

—

Die Bauerbacher Maurer arbeiten alle auswärts.

Löhne

Ein KA (Morgen) als Winterfeld dreimal gepflügt 4 Rthlr. oder 20 Tagelöhne. Zweimal als Sommerfeld gepflügt 2,66 Thlr, oder 13 Tagelöhne.