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Verscholl'ne Zeit - verwehte Spur

Wüstungen — verlassene Hofstätten, verödete Dorfstellen, unbebaute Fluren. Ein Nachbar nach dem ändern ist fortgezogen, das Haus, noch um 1800 gehörte es zu der „fahrenden Habe", wird mit Balken und Ständern, mit Schwellen und Riegeln verfrachtet, die wenigen Grundsteine ebenfalls, tiefe Fundierung kennt man nicht, der Wandlehm füllt die leeren, flachen Keller, soweit solche überhaupt vorhanden, die ungepflasterten Dorfwege überwachsen im nächsten Jahre mit Nesseln und Geißfuß, — in einigen Jahren geht der Pflug über alles. Nichts ist geblieben, als die Umrandung eines zugeworfenen oder verlandeten Brunnens, Von manchem Dörflein bleibt eine Kirchen- oder Kapellenruine, eine Mühle, die Dorflinde, ein Fischteich, ein paar hindeutende Flurnamen, oder wenigstens einige tiefe Wegerinnen, die, jetzt ziellos geworden, im Gelände verlaufen. Das Großseelheimer Kataster von 1768 nennt als noch bestehend den Udendörfer Dorfbrunnen und den Lamperts-häuser Teich, über dessen Damm heute die Straße Schröck-Roßdorf verläuft. Ein eigentümlicher Vorgang, dieses Wüstwerden, dem in heutiger Zeit kaum etwas Ähnliches entspricht, von einer Goldgräberstadt in 'Übersee abgesehen.

(2)Nach der Zeit der großen Rodungen zwischen 1000 und 1200 trat ein Rückfluten ein. Um 1300 hatten wir in vielen Gebieten doppelt so viele, aber viel kleinere Siedlungen wie heutzutage. Von den 74 Orten, die um 1248 die Mainzer Heberolle nennt, sind heute 32 wüst. Es sind Ortswüstungen geworden, die Feldflur ist von dem neuen Wohnort aus weiter bebaut worden. Eine Totalwüstung, wo auch die Flur verlassen wurde, ist in Gegenden mit gutem Ackerboden selten. Es gibt noch Gegenden, wo wir ein annäherndes Bild damaliger Besiedlung, d. h. viele, kleine Örtchen in dichter Folge, haben. Eine Fläche von 100 qkm, etwa so groß wie die Ohmebene, westlich von Olpe/Westf,, zählt rund 75 Dörfchen, Weiler und Einzelhöfe. Auf gleicher Fläche haben wir hier nur 15 Orte und fünf Einzelgehöfte, Die Wüstwerdung hatte verschiedene Ursachen und welche gerade bei unsern Wüstungen zutrifft, bei Arzbach, bei Nonnenhausen, wissen wir nicht und sind auf Vermutungen angewiesen.

Da war zunächst der minderwertige Boden, den man im Übereifer gerodet und der sich nun als eine Niete erwies, von dem aber doch der Grundherr seine Abgaben erwartete. Hierher gehören zumeist junge und jüngste Siedlungen, denn die ältesten lagen ja auf den guten Böden, wo schon vor fast 5000 Jahren die Bandkeramiker ihren Weizen zogen. Manche dieser jungen Dörfer hatten auch die fränkischen Könige planmäßig an ihren Reichsstraßen angelegt. Auch sie verfielen später dem Untergang, als man die Straßen in die entsumpften Täler legte. Weiterhin nötigte in den häufigen Fehden die Not, die Suche nach Schutz und Schirm viele Dörfchen, in die Wehranlagen eines ändern zu ziehen, selbst wenn dieses kleiner war. So wird es gewesen sein, als die Bauerbacher ihre alte Dorfstelle im Grunde verließen, und auf den Hügel zogen, wo Adelshof und Kirche standen. Von Kleinroßdorf wissen wir urkundlich, daß der Erzbischof den Umzug sicherheitshalber befahl. Endlich hat es auch damals schon so etwas wie Landflucht gegeben. Das leichtere, freiere Stadtleben lockte, das bare Geld zog vom Lande fort und, wie 1270 bei Neustadt, erzwang der Landesherr die Ballung der umliegenden Orte in der neu gegründeten Stadt, um die sich eine „Leerzone" bildete.

Als 1349 zum erstenmale der „Schwarze Tod", die Pest, manches Dorf entvölkerte, wird das für den Rest der Bewohner Anstoß zum Fortzug gewesen sein. Auch eine5 landwirtschaftliche überer/.eugung, der dann Proisstürzo und Verarmung folgten, zwang zur Abwanderung in die gewerbefleißigen, blühenden Städte. Wir kennen nur die Zeit um 1400 als die „Wüstungsperiode", weil sie geschichtlich beurkundet ist. Diesen Vorgang finden wir jedoch schon viel früher. Letztlich ist ja jede vorgeschichtliche Wohnstätte, die der Spaten dem Boden entwindet, eine Orts- oder Wohnwüstung, die zu irgend einer Zeit aus irgend einem Grunde verlassen wurde. Große Gebiete unserer Lahnberge sind Totalwüstungen. Zur Bronzezeit, vor rund 3000 Jahren, lebten hier Menschen, betrieben Viehzucht auf Waldweiden, nebenbei Acker- und Gartenbau, soweit möglich, und erbeuteten, was die Jagd ihnen bot. Ihre stummen Zeugen sind die 200 Gräber, die der Lahnberg birgt. Wer weiß schließlich, wieviel Wüstungen die Stürme der Völkerwanderung, die Hunnenzüge, hinterlassen haben?

Gehen wir nur zur Marburger Landstraße, so durchschreiten wir die alte Bauerbacher Ortslage, die uns nächstliegende Wüstung, von der wir an anderer Stelle hörten. In Ginseldorf hatten wir einen ähnlichen Vorgang. Eine alte Dorfstelle ist zweifellos die Hofestatt und Blaue Hofestatt, während wir unten in der Niederung, am „Wiesehof" und an der „Kemenate" das „Rudolphsgut" zu suchen haben. Die alten Gartenstücke an der Hofestatt (Flurkarte von 1808) beweisen ebenfalls, daß hier ein Ortsteil lag. Die Oberste und Unterste Gasse weisen deutlich, wie auch in Bauerbach, auf eine alte Dorfstätte hin. Der Zusammenzug wird beim weiteren Ausbau durch den D. Orden gekommen sein. Vom „Alten Dorf" Bauerbach zeugen die Hauspodien, auf der Hofestatt in Ginseldorf ist es der umgeleitete Bach, der sein natürliches Tälchen durch den Wiesengrund verlassen mußte. Vom Dasein Arzbachs reden noch die Teiche, von Odendorf bei Seelheim der Brunnen, von Lindau bei Amöneburg die Kapelle, von Udenhausen bei Roßberg der Kirchenstumpf, von Lam-pertshausen die Linde und der Teich daneben, von Ohausen bei Schweinsberg und Bartenhausen bei Stausebach die Mühlen, von Weterstedt bei Amöneburg der Wei-tersborn, von Klein-Roßdorf der „Dorfweg" und von zahllosen ändern Wüstungen Flurnamen, wie wir sie eben hörten. Im Hofnamen der Zuzugsorte lebt manche Wüstung weiter. 1837 wird Konrad Bauerbach in Ginseldorf (Haus No. 10) als Besitzer des Nonnhäuser Gutes genannt, in Kleinseelheim lag der Affler (d. h. Affel-bächer) Hof, in Großseelheim der Arzbächer Hof und in Schröck der Lampertshäuser Hof. Die nähere Umgegend ist von zahllosen Wüstungen besetzt, deren genaue Lage meistens nicht feststeht. Wie Ginseldorf, so hatte auch Schönbach einen tiefliegenden Dorfteil, das Niederndorf. Bei Niederwald werden Huttingen, Gettildorf, Guntersdorf, Wazzindorf genannt, bei Seelheim Odendorf, Hessel, Kesselbach, Müllemers-rode, Affaltrahe, Eihloha, Seckbach, — bei Schröck Lampertshausen, Bubenrode, Guershusin, — bei Marburg Ibernshausen (am Glaskopp), Diedendorf (bei Cappel), Willemannsdorf (im Gefalle), Zahlbach (an der Sieche), Rodhain oder Roddorf (?) und Walpertshausen (südl. Ockershausen).

Ergänzung

  1. An den Finger Lakes bei Rochester am Ontariosee haben noch um 1850 die Ansiedler ihre Häuser und Ländereien verlassen. Nur die Friedhöfe mit ihren Grabsteinen sind geblieben. Die "G host-Towns", Bergarbeitersiedlungen, die verlassen wurden, sind in Gebirgen der USA keine Seltenheit.

In der Arzbach

(1)

Dorfadel

Aus Bauernstamm entsprossen,
wohnt' er im „Steinern Haus"
hat karges Brot genossen
schlug manchen wilden Strauß.

Es geht auf Arzbachs Fluren
heut' unsers Bauern Pflug.
Verweht der Ritter Spuren
durch vieler Jahre Zug.

Arzbach ist unsere bedeutendste Wüstung. Sie liegt uns am nächsten, ihre Flur gehört seit Jahrhunderten zur BauerbacUer Gemarkung, ihre Geschichte hat maßgeblich unsere Ortsgeschichte und Entwicklung beeinflußt. Als 1237 die Brüder v. Merenbcrg in Sigehardeshusen (Sichertshauscn) beurkunden, daß sie die Grafschaft

Ruchesloh dem Erzbischof verkaufen, ist unter den Zeugen auch der Dorfadel v. Arzbach vertreten, Sigfrid v. Atisbach. Viel ist uns von diesem Adelsgeschlecht nicht bekannt. 1252 ist Gumpert v. Aspach Zeuge, als der D. Orden von Hermann Diehtere aus Beltershausen Marburger Güter kauft 1305 ist Henricus von Hasphae, wie auch der Pfarrer von Bauerbach dem Orden mit einer Abgabe pflichtig, die auf Atzbacher Gütern lasten, 1307 wird er zum letzten Male genannt, obschon bereits 1270 die Brüder v. Seelheim, ein anderer Adel, auf dem Arzbach-Hofe sitzen. Als Volpert Hobeherr und Friedrich v. Kalsmunt dem D. Orden Bürge sind wegen verkaufter Hörigen, ist Henricus v. Asbach Zeuge und im selben Jahre, 1307, ist Henricus bei denselben Edelleuten nochmals Zeuge. Das Dorf selbst wird 1248 als nach Mainz zehntpflichtig genannt, gehört aber schon 1296 dem D. Orden. Die drei Brüder v. Bicken, Fridrich, Konrad und Gumpert sind die Vorbesitzer der Einkünfte zu Asbach, die sie dem Orden verkaufen. 1270, ehe der niedere Adel verarmt war, besaßen die Brüder Ludwig und Gerhard v. Seelheim mit dem Hof Arzbach riesige Waldungen, die sich über den Lahnberg hin bis zum Stempel („Steynbole") und zum Rotlauf bei Argenstein („Loufrot") erstreckten. Sophie, Herzogin v. Brabant, Tochter der seligen Elisabeth, bestätigt den Besitz und der Komtur des Deutschen Hauses, Rupert v. d. Nuhn zu Mardorf, zwei landgräfliche Leute aus Bauerbach, Eberhard und Dietmar, bezeugen, daß diese Waldungen immer zu dem Hofe gehört hätten. 40 Jahre später, 1310, wird das Dorf zum letzten Male genannt. Die Eheleute Hermann Zolnere und Frau, Bürger zu Gruninberg, verkaufen dem Kloster Haina ihre Seelheimer Güter, wobei sie zwei Äcker, bei einer Wiese des Dorfes Aspach gelegen, ausnehmen. Als 1438 Wytzien v. Seiheim dem Eberhard v. Beissheim Äcker „bei Aspach" verkauft, ist das Dorf schon wüst. (2)

Das Gut, das 1459 die Vögte v. Fronhausen („czu Aczbach") an Dammo v. Wy-tershusen, ihren Ohm, verpfänden, ist der Hof Arzbach, der auf Seelheimer Flur liegt. Da die Seelheimer Hälfte der Arzbächer Flur auch die Flurnamen „auf der Arzbach" und „hinter der Arzbach" trägt, werden beide Teile ehemals zusammengehört haben. Wir hätten dann die alte Dorfstelle inmitten der alten Flur zu suchen und nicht etwa „im Sack" oder im „Kuckes" am Außenrande. In der Mitte, unweit der Straße Bauerbach-Schröck, die bis 1928 nur Feldweg war, haben wir Anhaltspunkte für eine Dorfwüstung. Neben der schönen, solitären Eiche bei Hofmanns Wiese ist ein altes Hauspodium. Ein solches befindet sich allerdings auch weitab, nördl. des oberen Teiches, wo noch der siedlungsverdächtige Name „am Fronhöfer" hinzukommt, aber drunten an der Eiche haben wir mehrfach Hufeisen alten Formats gefunden und, was noch wichtiger ist, etwas bachaufwärts, etwa 200 m, war noch vor 50 Jahren ein tiefer Brunnen, „Deutsch-Herrn-Brunnen" genannt, dessen Tiefe man mit einem Wiesbaum nicht ausloten konnte. Schließlich fand Verf. noch 1960 unterhalb des unteren Teiches eine karolingische Scherbe. Das alles macht die alte Dorfstelle hier, in der Nähe der Hühnerbrücke, recht wahrscheinlich. Die alten, jetzt ziellos aus dem Lahnberg herab verlaufenden Wegerinnen können ebensowohl auf diese Dorfstätte hinlaufen als auf jene, im Sack und Kuckes angenommene.

Ergänzung

  1. Weitere Wüstungen im Marburger Raum siehe das Kartchen vor Seite 37 in: K.A. Müller, "Marbach im Wandel und Werden", 1972. Bedeutend unter diesen - politisch-militärisch - war die wohl karo-lingische Burganlage (Königshof?) auf dem Schanzenkopf (Distrikt 100/101) oberhalb, nördlich der Zahlbach, nur noch unter dem Namen "Alte Schanze" bekannt, deren älterer Name verschollen war und 1972 vom Verfasser in einem alten Waldregister um 1700 als "Die Hainburg11 wiederentdeckt wurde.
  2. Zu den beiden Wüstungen Arzbach und Nonn(en)hausen: H. Kern stellt 1964 in seiner Dissertation fest: Die Keramikfunde in der Arzbach datieren bis in die Zeit vor dem Jahre 1000. Die Funde von Nonnhausen beginnen nach dem Jahre 1000 und stammen größten Teils aus der Zeit um 1200/1300. Im Gegensatz zu der Wüstung Arzbach ließ sich die Dorfstelle von Nonnhausen ziemlich genau (nach Kern) festlegen. Jahre zuvor hatten Schulkinder, die unter Anleitung des Verfassers - also vor dem Jahre 1959 - nach vorgeschichtlichen Fundstätten suchten, an genau der alten Dorfstätte vorgeschichtliche Scherben gefunden. Hin und wieder stellt der Prähistoriker fest, daß auf Dorfwüstungen vorgeschichtliche Siedlungen lagen. Flurlagen: Elleracker, am Weißen Stein (Grenzstein an der Ginseldor-fer Grenze?), Paffeacker (ehemal. Kirchengut), Pfuhlwiesen. Nicht selten liegen Wüstungsfluren auf heutigen Gemarkungsgrenzen. Zwei Dörfer teilten sich die Flur, wie bei uns Bauerbach und Ginseldorf, so auch z.B. Lampertshausen und andere.

 

Nonnenhausen

Nonnhausen sagt man allgemein, daher sind hier beide Formen gebraucht. Haben wir in der Arzbach der Beweise für alte Besiedlung genug, Teiche, Hauspodien, Wegerinnen, so ist hier von Nonnenhausen tatsächlich jede Spur verweht. Heißt drüben die ganze Talmulde Arzbach, so ist hier sogar der Name geschwunden, die Nonnhäuser Mulde heißt mit Flurnamen die Hinterbach, der Name Nonn-hausen haftet nur noch an dem bewaldeten Berghange des Lahnberges. Hier fehlt aber jede Spur von Ackerrainen, die sich finden müßten, wenn dieser Hang noch zu Nonnhausen gehört hätte. Zwar haben 1425 Marburger landgräfliche Förster in der Wüstung Nonnenhausen geholzt, wogegen Mainz protestierte, doch wird das jenes Waldstück sein, das auf alten Karten angegeben ist und von Mainz an den Landgrafen verloren ging. Vielleicht ist es aber auch nur ein wiederbewaldetes Rodungsstück, das später -erneut gerodet wurde, ein Vorgang, der im Mittelalter gar nicht selten war. Ein solches Waldstück könnte die Hangelhecke, die ja auch auf Ginseldorfer Seite ein Rodestück ist, oder die Pfuhllöser und die Hude sein. Als mutmaßliche Dorfstelle können wir die Pfuhläcker ansehen, da hier einige vorgeschichtliche Scherben gefunden wurden und man auf solchen Stellen häufig mittelalterliche Siedlungen anlegte. Gründe sprechen aber auch für eine Stelle an der nördl. Flurgrenze, da ein 16 ha großer Teil der Nonnhäuser Flur als Nonnhäuser Gut an Ginseldorf gefallen ist. Auch hat das Bächlein, wie sein Bachbett im Walde zeigt, einst viel mehr Wasser geführt. Nonnenhausens erste Nennung fällt in das Jahr 1256, seine letzte Erwähnung, als es aber schon Wüstung war, in 1425. Das sind kaum 170 Jahre, ein geschichtlicher Augenblick für dieses Dörfchen am Lahnberg. Als seine letzte, halbverwehte Spur finden wir in der Wiese am Hintermanns-berg undeutliche Reste einer Einzelsiedlung, da, wo eine Wegerinne der alten Handelsstraße neben der heutigen Straße hinzieht. Der halbvergessene Name Hintermannsberg spricht auch den Wohnplatz eines einzelnen Siedlers aus, der vielleicht i'er letzte Nonnhäuser war, denn sehr alt scheint dieser Flurname nicht zu sein. Der Name Hintermann kommt als „Hünermann" im Mardorf er Kirchenbuch vor. Der Fortzug der meisten Nonnhäuser hat sich nicht über eine lange Zeit hingezogen, denn wir finden die ehemaligen Nonnhäuser Höfe in fast geschlossener Reihe am Nordrande Bauerbachs wieder. (Abb. 4.) Als ob man in Folge einer Fehde zur gemeinsamen Abwanderung ausgebrochen sei, so urkundet das „Nonnhäuser Viertel" unseres Dorfes. Um 1380 und 1400 hat unsere Heimat schwere Fehden erleben müssen. Und das dürfte die Zeit der Wüstwerdung sein. Wir unterscheiden Orts- und Flurwüstungen. Beide können völlige (totale) und teilweise (partielle) sein. Nonnhausen und Arzbach sind beide totale Ortswüstungen, d. h. es ist keine Restsiedlung, wo ein Einhof, eine Mühle oder Kapelle übrig geblieben. Das war allerdings bei Arzbach bis um 1780, solange der Hof stand, der Fall. Während die Arzbacher Flur völlig erhalten blieb, ist die Nonnhäuser teilweise, wenn auch nur zum geringsten Teil, aufgeforstet.

Spuk am Judenweg

Kein Wunder, daß die wüste Stätte des einstigen Dörfchens in der „Sage" weiterlebt, wenngleich es sich nur um eine der zahlreichen Spukgeschichten handelt. Da soll vor undenklichen Jahren eine alte, unbekannte Schnapstrinkerin am Judenweg, unweit des Schröcker Kreuzes einsam und elend im Rausch gestorben sein. Da spukt nun die arme, ruhelose Seele, in Gestalt einer wütenden Katze als „Belz-koater" nachts im Talgrunde der Arzbach und ängstigt den späten Wanderer mit glühenden Augen und bösem Gefauche. Und es war nicht nur ein Kinderschreck, auch junge Mädchen scheuten sich, bei Dunkelheit allein, von Schröck kommend, durch die Arzbach zu gehen. Ja, auch Männer beschlich jenes eigene Gefühl, das jeder nachdenkliche Mensch kennt, wenn er einsame Stätten betritt, wo vorzeiten Menschen wie er gelebt, gearbeitet, ihr Schicksal getragen haben und gestorben sind. Ähnliche nächtliche Spukgestalten, meistens als „Weiße Frau", begegnen wir bei Hatzbach ^n der Kammermühle und am Brackenborn bei Fronhausen, hier von einem Hunde begleitet.

Niemand kann zur Sommerzeit das stille Tälchen durchschreiten, ohne sich an dem irohen Geschaukel und Gegaukel der munteren Kiebitze zu erfreuen, die, meistens paarweise, wie tollende Schmetterlinge den Wiesengrund beleben. Den bedächtig schreitenden Storch vermissen wir von Jahr zu Jahr mehr. Von 1947—1949, als wir im Kreise Marburg noch 20 bewohnte Storchennester hatten, nistete ein Paar auf Stauze Scheune. Eine auffallende Vermehrung war eingetreten, so hatte auch Mardorf wieder seine Störche auf dem Kirchdach. Heute werden sie seltener und seltener, im Kreise sind nur noch sechs bewohnte Nester.

Der Tod der Nonnen

Wie die Arzbach, so ist auch die Wüstung Nonnenhausen von einer finsteren Sage umdüstert, die man sich in Ginseldorf erzählt. Ihren Hintergrund mag diese Sage teils in der falschen Deutung des Ortsnamens von Nonnenhausen, teils in der Zerstörung Ginseidorfs (1484/85) haben. In dem stillen Talwinkel südlich des Dorfes lag ein einsames Klösterchen. Von wilden Gesellen überfallen, die vor nichts zurückschreckten, flohen die Nonnen in den nahen Lahnberg, um ihre gottgeweihte Unschuld vor roher Entehrung zu bewahren. Als ihnen die Räuberschar ins wilde Gewälde folgten, blieb ihnen kein anderer Ausweg, als der Tod in den Fluten der Ohm. Singend gaben sie ihre Seelen in die Hände Gottes zurück. Noch heute, so erzählt man, kann man einmal im Jahre, an einem Sommerabend, wenn sich der Tag jährt, fernen, unirdischen Gesang, aus den leis ziehenden Wellen der Ohm emporsteigend, vernehmen. Und während einige Stimmen singen, mischen sich andere dazwischen wie das wehe Schluchzen weinender Kinder.  (1)

Ergänzung

  1. Eine ähnliche Sage wie die vom Tode der Nonnen finden wir in Uttershausen Kr. Fritzlar. Um der Schändung durch Landsknechte im Dreißigjährigen Kriege zu entgehen, stürzten sich junge Mädchen in ihrer Not in die Schwalm. An stillen Abenden kann man am Ufer des Flusses noch ihr Weinen und Wehklagen hören.

Ginselau

Es ist das dritte, am wenigsten bekannte Dörfchen, das nur einmal, 1280, erwähnt wird, drunten an der Ohm. Vielleicht waren es nur 1-2 Höfe, die bald nach Ginseldorf gezogen sind. Näheres hören wir bei den Ginseldorfer Flurnamen.