DIE BAUERBACH-WANDERUNG
aus
Wandern rund um das Marburger Schloß. Mit dem Bus ins Grüne.
von Dieter Woischke
Broschiert - 56 Seiten - Schüren Presse, Marb.
Erscheinungsdatum: Juli 1996
ISBN: 3894729201
Klappentext:
Die Wanderwege orientieren sich an heimat- und naturkundlich interessanten Punkten. Exakte Wanderkarten und präzise Wegbeschreibung bieten auch dem kartenunkundigen Wanderer die Möglichkeit, sich im Gelände zurechtzufinden. Das Motto dieses Wanderführers lautet: "Laß das Auto zu Hause und fahr mit dem Bus." Deswegen beginnt und endet jede Wanderung an einer Bushaltestelle.
große W.: Lahnberge-Bauerbach-Nonnhausen-Lahnberge = 8,5 km
kleine W.: Lahnberge-Bauerbach-Lahnberge = 6 km
Ausgangspunkt für die große und kleine Wanderung ist die Haltestelle Botanischer Garten der Linie 7. Ebenso ist für beide Wanderungen die Haltestelle Hans-Meerwein-Straße der Linie 7 Endpunkt. Bauerbach wird von der Linie 76 angefahren. Es empfiehlt sich, die Wanderung im Frühjahr zu unternehmen, wenn die Obstbäume blühen. Der Weg kann im Sommer überwachsen sein.
Der Wanderer biegt von der Haltestelle aus nach rechts in die Karl-von-Frisch-Straße ein, verläßt sie aber dort, wo sie nach links abbiegt und geht geradeaus unter der Brücke durch zwischen den Instituten der Biologie und dem Botanischen Garten bis zum Wendeplatz am Waldrand weiter.
Dieser Botanische Garten ist bereits der vierte in Marburg. 1961 beschloß die hessische Landesregierung, die naturwissenschaftlichen Fächer und die Kliniken auf die Lahnberge zu verlegen. So entstand hier oben ein neues Universitätsviertel. Die umfangreichen Baumaßnahmen bedeuteten aber auch einen mächtigen Eingriff in die Landschaft und lösten manchen Streit aus.
Am Wendeplatz biegt die mit einer Schranke versehene Straße nach links ab. Wir nehmen den etwas ansteigenden und asphaltierten halblinks in den Wald führenden Weg. Abwärts laufend kommen wir auf die alte Straße nach Bauerbach. Auf ihr verblei-ben wir, bis links des Weges der Wald aufhört.
In der Kurve lag bis 1974 die Gemeindegrenze zwischen Marburg und Bauerbach. Rechts und links der alten Straße sind noch alte Fahrrinnen im Wald zu erkennen. Am Wa/dende biegt der Wanderer nach links ab. Rechts stehen Obstbäume. Am Waldrand steht versteckt eine Bank, die zum Ruhen und Schauen in das Amöneburger Becken einlädt. Den Kirchturm von Bauerbach hat Otto Ubbelohde auf einer Illustration zum Märchen „Die klare Sonne bringt es an den Tag" verewigt. Auch die Wegekreuze finden wir hier.
Der runde Stein mit der Nr. 22 ist der Rest eines Bildstockes. Er war kein Grenzstein, zeigt aber an, daß sich der Wanderer bereits im „Ausland", im ehemaligen Kurfürstentum Mainz befindet. Die schwarzen Nummern dienen der Erfassung der alten Grenzsteine. Wir umwandern den Waldvorsprung links herum und erkennen im Wald mächtige alte Fahrrinnen. Am Wald-ranö sind alte Grenzsteine mit den neuen Nummern 23 und 24. Die alten Grenzsteine, die einst die Staatsgrenze zwischen Hessen und Kurmainz anzeigten, wurden bei der Setzung mit laufenden Nummern versehen. Wir finden sie und das Jahr der Setzung eingemeißelt. Die meisten Steine, es sollen 1.500 gewesen sein, zeigen das Jahr 1756. Viele alte Grenzsteine zeigen auf der hessischen Seite den Hessenlöwen und auf der mainzischen das Mainzer Rad. Die Grenze war durch einen Grenzgraben kenntlich und diese sind z.T. noch recht gut zu erkennen. Otto Ubbelohde nutzt diese alten Grenzsteine für das Märchen „Die Boten des Todes" als Motiv.
Der Waldrand bleibt vorerst unser Wanderweg. Er führt zum Stocksgrund hinunter an einem mit einer Schlehenhecke und Obslbäumen bestandenen Rain wieder hinauf bis wir auf einen von Obstbäumen befestigten Querweg stoßen. Sollte der Weg zu stark verwachsen sein, gehen wir parallel im Wald einen Weg, der abwärts an einem Hochstand vorbeiführt.
Der Querweg ist der Alte Bauerbacher Marktweg, der durch Weidenhausen die Zahlbach hoch über die Lahnberge führte.
Ihn gehen wir links bis zum Wald hoch und genießen von hier den Blick über Bauerbach hinweg in das Amöneburger Becken.
Es wird beherrscht von dem ehemaligen Seitenvulkan des Vogelsbergvulkanismus, der 365 m hohen Amöneburg, die auch „Stadt am Himmel" genannt wird.
Wir gehen am Waldrand weiter, der einst die Grenze zwischen Mainz und Hessen bildete, bis wir an einem befestigten Weg kommen, der von Obstbäumen gesäumt nach Bauerbach hinunterführt.
Am Waldrand steht ein gemauerter Marienbildstock. Er wurde 1954 von der katholischen Jugend anläßlich des Marianischen Jahres erstellt.
Hier verlassen wir den Waldrand und damit die alte Grenze zwischen Hessen und Mainz und gehen den Weg, den Bornweg, hinunter nach Bauerbach.
Der Weg ist mit dem Wanderwegzeichen MX (Zubringerweg des Wartburgpfades), X1 (Sternweg) und X10 (Schwälmerweg) gekennzeichnet.
Man muß kein allzu großes Glück haben, um mal einen Bussard oder einen roten Milan, im Volksmund Gabelweihe, über den Wanderweg schweben zu sehen. Der rote Milan ist mit bis zu 1,55 m Spannweite der größte Greifvogel unserer Heimat.
Bauerbach wurde 1238 erstmals als Burbach urkundlich erwähnt. Das alte Dort lag ursprünglich im Auslauf des Stocksgrund, denn hier gab es Wasser. Unsichere Zeiten mögen die „Kirscheknäppes", so der Uzname der Bauerbächer, bewogen haben, ihr Dorf auf den Berg an die Wehrkirche zu verlegen. Nach der Reformation, 1526, war man auch hier für eine Weile evangelisch. Als der Landgraf 1608 das Patronat tauschte, kamen die Bauerbächer wieder zu Kurmainz und mußten wieder katholisch werden. 1974 wurde Bauerbach im Zuge der hessischen Gemeindereform ein Stadtteil von Marburg und ist als Entwicklungsschwerpunkt für die östlich der Lahnberge liegenden Marburger Stadtteile ausgewiesen. Heute wohnen hier ca. 1.500 Menschen. Es gibt noch sechs Vollerwerbsbauern, den Nebenerwerbsbetrieb gibt es kaum noch. Viele der Neubürger arbeiten bei der Universität, und seit 1991 gibt es in Bauerbach auch eine evangelische Kirche. Auch in Bauerbach gab es noch nach dem Kriege ein Storchennest.
Der erste Hof links des Weges ist ein für unsere Region typischer Dreikanthof mit der offenen Seite zur Straße. Das Wohnhaus wurde 1908 in dem damals üblichen Rähmbaustil errichtet, während das Kellerwerk ungewöhnlich ist. Die aus Buntsandstein bestehenden Steine sind in Nocken gehauen und zeigen Tauben, Rosen und eine Pfeife - vielleicht die Steckenpferde des damaligen Bauherrn. Gegenüber auf der anderen Straßenseite steht ein Bildstock unter zwei Linden. Er stammt aus dem Jahre 1782 und zeigt die Geißelung Jesu.
Wir gehen auf der Straße „Zum Lahnberg" nach rechts in südlicher Richtung weiter.
Links die Scheune mit der Treppe diente den Bauerbächern einst a/s Tanzlokal. Der Hof in der Kurve vjar einer der vier Höfe, die dem Deutschen Orden in Bauerbach gehörten. Am Wohnhaus ist noch sein Wappen, ein schwarzes Kreuz auf weißem Grund zu sehen. Heute wird hier alternative Landwirtschaft betrieben.
Wir gehen den asphaltierten Weg hinauf zur Kirche.
Das Kirchenschiff stammt aus dem Jahre 1979, während der spätgotische Wehrturm mit seinen vier Wichhäuschen (das sind die kleinen Türmchen am Kirchturm) ins 15. Jahrhundert datiert wird. Reste der alten Wehrmauer sind noch zu sehen. Die Kirche ist dem Heiligen Cyriacus geweiht. Er lebte um 300 in Rom, ist der Patron des Weinbaus und gilt als Nothelfer gegen Besessenheit und Angst in der Todesstunde. Der Höhepunkt seiner Verehrung war um 900. Wir gehen um die Kirche herum und sehen an der Nord-Ost-Seite die alte Schönbacher Tür aus der Vorgängerkirche eingemauert. Durch sie mußten einst die Schönbacher die Kirche'betreten. Noch im vorigen Jahrhundert holten sich die Bauerbacher Lehrer und Pfarrer in Schönbach das ihnen zustehende Korn. In der heute zugemauerten Schönbacher Tür ist auf einer Gußplatte der Heilige Wendelin als Hirte dargestellt. Sein Grab befindet sich in St. Wendelin/Saar. In der Ostwand des Wehrturmes ist ein Schalenstein mit Sechsstern eingemauert. Den Sechsstern finden wir bereits in Assyrien, Byzanz, bei den Merowingern und Westgoten. Auf den alten Grabsteinen an der Kirche sieht der Betrachter auf der linken Seite den Vater mit den Söhnen und auf der rechten die Mutter mit den Töchtern. Die Epitaphe im Seiteneingang gehören in
die Familie von Veit Stoß. Die Kreuzwegstationen zeigen dem Wanderer eine katholische Kirche an. Im Chor befindet sich als Glasfenster die Bauerbacher Rose. Sie symbolisiert die Dreifaltigkeit und ist von einem blutenden Herz eingefaßt.
Auf dem „Kirchweg" gehen wir in nördlicher Richtung und kommen auf die „Lohgasse".
Rechts das Eckhaus war ursprünglich eine Scheune und gibt ein Beispiel, wie alte Fachwerkgebäude heute restauriert und sinnvoll weiter genutzt werden können. Der Dreikanthof zeigt über der Stalltür eine Mannfigur mit erhobenen Armen und gespreizten Beinen im Fachwerk. 1827 hat ihn der Zimmermann Schneider aus Anzefahr hier eingebaut. Was sich der Meister oder der Auftraggeber dabei gedacht haben, wissen wir nicht. So gibt es mehrere Auslegungen: Handelt es sich um einen betenden oder fluchenden Mann, der mit der Tragehilfe eine schwere Bürde zu tragen hat?
Wir gehen die Lohgasse hoch zum Bürgerhaus.
An der Rückseite des Wohnhauses entdecken wir noch einen Käsekasten und in der Straße verschiedene Fachwerktypen. Das Lokal Bürgerhaus ist nur gegen Abend geöffnet. Der Kindergarten ist die 1911 erbaute alte Schule.
Um ihn herum kommen wir zum Eingang des Bürgerhauses.
Hier wurde ein alter Grenzstein aus dem Jahre 1491 aufgestellt. Im Bürgerhaus befindet sich eine Fotoausstellung in der u.a. auch die katholische Tracht, die in Bauerbach immer noch von älteren Frauen getragen wird, zu sehen ist. In Otto Ubbelohdes Zeichnung für das Märchen „Brüderchen und Schwesterchen" trägt die Kinderfrau die Kappe der katholischen Tracht und die echte Königin den Witwenschleier und die Krone der hl. Elisabeth.
Im Amöneburger Becken gab es 1947 noch 19 besetzte Storchennester mit 50 Jungstörchen. Mit dem „Forschritt'" nach dem Kriege nahm der Mensch den Störchen die Lebensgrund/age, so dass sie uns zwangsläufig verlassen mußten. Als der Bauer noch mit Pferden pflügte, lief der Storch in der Furche hinterher und fing die Mäuse. Chemie gab es in der Landwirtschaft kaum. Eine wesentliche Rolle für das Verschwinden der Störche spielte die Begradigung der Ohm, denn dadurch wurde das Grundwasser abgesenkt. Die feuchten Wiesen fielen trocken und damit verschwanden auch die Frösche, eine wesentliche Nahrungsquelle der Störche. Zu den Kindersprüchen über die Störche schuf Otto Ubbelohde eine Zeichnung, in der.das Mädchen die evangelische Tracht des Marburger Landes an hat. Auch Bauerbach hatte seine Störche.
Am Kindergarten überqueren wir die „Bauerbacher Straße".
Hier steht wieder ein Bildstock.
Wer nicht nach Nonnenhausen will, kann die Bauerbacher Straße bis zur Försterei gehen und dort in die Straße nach links auf die Lahnberge einbiegen. Am Waldrand, an der Kreuzung, kommt auch der Wanderer von Nonnenhausen zurück. Von hier ist dann der Weg hinauf auf die Lahnberge derselbe.
Bis zum Sperrschild ist unser Weg mit MX gekennzeichnet. Die Straße „Hopfengarten" führt geradeaus zum Wald.
An der Waldecke, am Graben, steht wieder ein alter Grenzstein. Er zeigt nicht nur die alte Grenze zwischen Kurmainz und Hessen an, sondern auch die zwischen Bauerbach und Großseelheim und seit 1974 die Grenze zwischen Marburg und Kirchhain.
Wir gehen nach links am Waldrand weiter, an dem der alte Grenzgraben noch gut zu erkennen ist. Dort wo das Sperrschild für Fahrzeuge steht, verlassen wir den Waldrand und biegen nach links in den Feldweg ein. Auf der Höhe stoßen wir auf einen Querweg.
Von hier schaut der Wanderer ins Land und sieht links im Tal die Dächer von Ginseldorf herausschauen, rechts liegt Bürgein und in weiterer Entfernung am Hang vor dem Wald Reddehausen. Weiter rechts liegt der 361 m hohe Große Hirschberg.
Nach der Betrachtung gehen wir nach links an den Häusern vorbei und überqueren die Straße nach Ginseldorf. Vor dem Forsthaus biegen wir an dessen Zaun nach rechts ab in Richtung Sportplatz. Der Waldrand ist unser Weg, vorbei am Sportplatz bis zur Wüstung Nonnenhausen im zweiten und feuchten Tälchen.
Wie die alten Grenzsteine anzeigen, bewegen wir uns längs der einstigen Grenze zwischen Mainz und Hessen. Am Waidrand stehen Pfosten mit blauen Schildern. Sie zeigen an, daß hier die Fern-vjasserleitung aus Stadtallendorf liegt. Sie reicht bis Gießen und Wetzlar. In der Senke angekommen befinden wir uns in der Wüstung Nonnenhausen. Rechts des Weges sehen wir die völlig zugewachsenen Hänge beiderseits des Bächleins. Es sind die unter Naturschutz stehenden Bruchwiesen. Links des Weges ragt in den Hochwald bzw. Hang eine wie ein Dreieck spitz zulaufende Freifläche hinein, an deren Ende ein Hochsitz steht. Rechts und links am Hang sind an dieser Freifläche recht gut Erdkanten bzw. -Raine zu erkennen. Da die Natur kaum solche schafft, dürften sie von Menschenhand geschaffen sein. Nach dem ein Sturm den Hochwald umgeworfen hat, ist in diesem Feuchtgebiet ein Biotop angelegt worden.
Nonnenhausen wurde 1256 erstmals als „Nunnenhusen" erwähnt, als der Deutsche Orden hier zwei Höfe mit 88 Morgen Land kaufte. Es wird vermutet, daß es sich um eine Anlage des Stiftes Wetter handelt. 1425 wird dieser Ort bereits als wüst bezeichnet. Der Flurname Pfahlstrauch könnte mit dieser Ansiedlung zusammenhängen, denn vielleicht war sie durch Pfähle und Sträucher gesichert. Den heutigen Hochwald kannte man damals nicht. Nach der Legende soll in diesem Tälchen ein Kloster gelegen haben, welches von wilden Gesellen überfallen wurde. Die Nonnen seien zunächst auf die Lahnberge geflüchtet, haften aber dann in der Ohm ihrem Leben ein Ende gesetzt, um ihre gottgeweihte Unschuld vor roher Entehrung zu bewahren.
Von hier tritt der Wanderer den Rückweg an. Auf dem Weg links des Biotops, direkt an der Kante, geht es hoch in den Wald. Ein Graben befindet sich rechts des Weges bis zu einem Querweg, auf dem wir nach links abbiegen. Auf ihm verbleiben wir bis zu einer Kreuzung, an der ein Hochsitz steht. Hier biegen wir nach rechts hoch ab und treffen auf einen asphaltierten Weg. Auf ihm gehen wir nach links und kommen an die Straße von den Lahnbergen nach Bauerbach. Am Waldrand überschreiten wir die Straße Bauerbach-Lahnberge und gehen am Waldrand in der gleichen Richtung weiter.
Von der Leitplanke verdeckt steht hier wieder ein alter Grenzstein. Der sich links des Weges anschließende Grenzgraben ist noch gut zu erkennen. Links unterhalb des Weges sehen wir an den Häusern den gepflasterten Wendeplatz. Auf ihm steht eine Bronzetafel, die dem Wanderer die vor ihm liegende Landschaft erläutert. Amöneburg spiegelt sich bei Otto Ubbelohde im Märchen „Dornröschen" wieder.
Nach der Betrachtung der Informationen und dem Ruhen auf den Bänken geht es am Waldrand weiter bis zum einem Marienbildstock. Hier stößt der Wanderer auf die Durchgangswanderwege X1, der Korbach mit Ulrichstein verbindet, und den X10, der von Biedenkopf nach Bad Salzungen führt. Sie zeigen uns den Weg zur Bushaltestelle Hans-Meerwein-Straße. Auch der Wartburgpfad, MX, taucht hier auf. Von der Bushaltestelle kann über die Brücke nach Spiegelslust oder hinunter zum Alten Kirchhainer Weg gelaufen werden.